Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 19/2022 vom 10.05.2022, Foto: picture alliance / Stefano Spaziani
Artikel-Bild
Papst Franziskus, 85, ist der Ansicht.
„Es gibt nicht genug Willen zum Frieden“
Ein Interview mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ schlug politisch hohe Wellen. Weil der Papst darin der NATO eine Mitschuld am Krieg Russlands gegen die Ukraine gab.
Wenn sich ein Mann der Kirche zu politischen Themen äußert, werden sofort kritische Meinungen laut. Das war in den vergangenen Tagen nicht anders. Da sorgte ein Bericht in der meistgelesenen italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ (dt. Abendkurier) für Aufsehen. Denn der Heilige Vater hatte darin unter anderem dem Nordatlantikpakt (NATO) eine Mitschuld am Krieg in der Ukraine gegeben. Damit geriet er mitten hinein in die Kriegspropaganda, die von russischer wie von westlicher Seite mit aller Vehemenz geführt wird.

„Bellen an der Tür zu Russland“
Allerdings erscheint die Empörung über die Aussagen von Papst Franziskus, 85, auf einer einseitigen Darstellung seiner Aussagen zu beruhen. Vor allem auf jener zur NATO-Beteiligung. Sie sei ein „Bellen an der Tür zu Russland“, meinte er.
Andere Aussagen blieben derweil im Hintergrund. Etwa jene zum internationalen Waffenhandel, der im großen Stil betrieben wird. „Er ist ein Skandal“, sagt der Papst, „nur wenige wehren sich dagegen. Vor zwei oder drei Jahren kam ein mit Waffen beladenes Schiff in Genua (Italien) an, die auf einen großen Frachter umgeladen werden mussten, um sie in den Jemen zu transportieren. Die Hafenarbeiter wollten das nicht. Sie sagten: Denken wir an die Kinder des Jemen. Es ist eine Kleinigkeit, aber eine nette Geste. Davon sollte es viele geben.“

Den Frieden mahnte er ebenso ein. Doch seinem Gegenüber, Patriarch Kirill, dem Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, traut er nicht zu, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Beendigung des Krieges bewegen zu können. „Ich habe 40 Minuten lang per Videotelefonie mit Kirill gesprochen. Die ersten zwanzig Minuten mit einer Karte in der Hand las er mir alle Begründungen für den Krieg vor. Ich hörte zu und sagte ihm: ,Ich verstehe nichts davon. Bruder, wir sind keine Staatskleriker, wir können nicht die Sprache der Politik verwenden, sondern die von Jesus. Wir sind Hirten desselben heiligen Volkes Gottes, dafür müssen wir nach Wegen des Friedens suchen, um dem Schießen ein Ende zu bereiten.‘ Der Patriarch kann sich nicht in Putins Ministrant verwandeln. Ich hätte am 14. Juni ein geplantes Treffen mit Kirill in Jerusalem (Israel). Es wäre unser zweites Mal von Angesicht zu Angesicht gewesen. Es hätte nichts mit dem Krieg zu tun haben sollen. Aber jetzt stimmt auch er zu, dass unser Treffen wohl ein zweideutiges Signal sein könnte.“ Es wird wohl nicht dazu kommen.

Eine Erkenntnis der schrecklichen Wirklichkeit
Dass er sich jetzt lautstark zu Wort gemeldet hat, sei die Folge einer bitteren Erkenntnis, meint der Papst. „Mein Alarm war kein Verdienst, sondern nur die Erkenntnis der Wirklichkeit. Syrien, Jemen, Irak, in Afrika ein Krieg nach dem anderen. Es gibt in jedem Konflikt internationale Interessen. Wobei ich nicht glauben kann, dass ein freier Staat einen anderen freien Staat bekriegen kann.“ Daraus folgt für Franziskus eine düstere Wahrheit. „Es gibt nicht genug Willen zum Frieden. Krieg ist schrecklich und wir müssen dies hinausschreien.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung