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Ausgabe Nr. 17/2022 vom 26.04.2022, Fotos: Holly Andres
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Calexico.
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Ein heiter klingendes Album hat die amerikanische Band „Calexico“ auf die Beine gestellt.
Es ist bereits im Handel. Am 30. April gibt die Band im MuseumsQuartier in Wien ein Konzert.
Wie ein fröhliches mexikanisches Fest
Seit einem Vierteljahrhundert begeistern Joey Burns, 56, und John Convertino, 58, einst gemeinsam mit How Gelb in dessen Band „Giant Sand“, mit ihrer unorthodoxen, warmherzigen und verspielten Mixtur aus Alternativ-Rock, Country und Latin Music. Mit ihrem neuesten Album „El Mirador“ lädt die in Arizona und Texas (USA) verwurzelte Band „Calexico“ nun zu einer schwungvollen Fiesta ein. Im Gespräch mit dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth meint Joey Burns (im Bild links), dass harte Zeiten zuversichtliche Musik erfordern.
Herr Burns, „El Mirador“ heißt „Aussichtspunkt“. Normalerweise haben wir von so einer Plattform einen weiten, ungetrübten Blick. Derzeit scheint jedoch so manches im Nebel zu liegen.
Das stimmt leider. Die Aussicht ist verschwommen. Vieles, insbesondere in Bezug auf die Zukunft, ist nur schemenhaft zu erkennen. Wir hatten Trump, die Pandemie, jetzt gibt es Krieg. Jedes Mal aufs Neue ist es zum Haare raufen. Ich wünschte, die Aussicht wäre klarer. Aber blind sind wir trotzdem nicht.

Was sehen Sie?
Ich sehe einen neuen Zusammenhalt. Das elende Auseinanderdriften von Menschen ohne vordergründige Berührungspunkte scheint sich ein wenig umzukehren. Wir erkennen, auch dank der Seuchen-Isolation, dass wir alleine nicht viel reißen. Wir Menschen brauchen Menschen. Insofern ist „El Mirador“ für mich auch ein Blick auf das Leben als solches.

Nach zwei Jahrzehnten in Tucson (Arizona) leben Sie seit zwei Jahren mit Ihrer Frau und den zwölfjährigen Zwillingsmädchen in Boise (Idaho). Haben Sie sich schon eingelebt?
Ich habe Eidechsen gegen Eichhörnchen eingetauscht. Die Viecher sind süß und puschelig, aber zu Weihnachten haben sie uns die Lichterketten durchgebissen. Unser Hund hat Angst vor ihnen, ich glaube, zu Recht. Trotzdem haben wir uns gut eingelebt. Unser Nachbar ist Ukrainer. Wir sitzen oft zusammen und kochen füreinander. Er denkt ständig darüber nach, wie er seinen Landsleuten helfen kann. Wir können zwar nicht das Töten unschuldiger Menschen verhindern, aber wir können mit Geld und Zuwendung kontern. Und wir können unsere Stimme erheben.

Haben Künstler in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle?
Wir alle müssen uns ein wenig Energie für das Leben jenseits der Nachrichten bewahren. Musik ist als Quelle der Freude wichtig. Indem wir respektvoll unsere Stimmen erheben, nehmen wir einigen Menschen ein bisschen ihrer Angst.

Der Klang von „El Mirador“ ist extrem schwungvoll. Sie schwelgen mit Ihrem Produzenten Sergio Mendoza und diversen Gästen tief in festlicher latein-amerikanisch inspirierter Tanzmusik wie der Cumbia.
Wir haben uns bemüht, eine aufbauende Musik zu schreiben. Es sind Lieder für Hochzeiten und Geburtstage, mit Mariachi-Spiel und rhythmischen Grooves. Wir dachten uns, nach Corona möchte niemand traurige Balladen hören. Sie fehlen zwar nicht ganz, aber die Unternehmung „El Mirador“ ist fröhlich und soll klingen wie ein Fest, auf dem wir selber gerne zu Gast wären.

Wo haben Sie die zünftigen Melodien aufgenommen?
Sergio Mendoza hat sich in Tucson ein Tonstudio, zusammengesetzt aus alten Schiffscontainern, gebaut. Dort haben wir uns im Sommer 2021 getroffen, John brachte seine Espressomaschine von Povoni, Baujahr 1958, aus El Paso mit, wo er schon lange lebt. Dann ging es los. Es war wohltuend, wieder mit den Musikern in einem Raum zu arbeiten und im Hof zu grillen.

„Calexico“ ist ein Schmelztiegel von Musikschaffenden unterschiedlicher Herkunft. Ist diese Offenheit eine Botschaft?
Ja, jede Kultur ist eine Bereicherung. Wir zeigen all den verbohrten Konservativen den Mittelfinger. Wir laden dazu ein, sich auf Neues einzulassen. Ich selbst bin in den Südstaaten aufgewachsen, lebe jetzt in Idaho, stehe der mexikanischen und lateinamerikanischen Kultur nahe. Ein Teil von mir ist irischer Abstammung und ein Urgroßvater von mir kam aus Süddeutschland.

Sie sind mit einer siebenköpfigen Band auf Tournee. Ist das finanziell nicht riskant?
Richtig, das ist ein Wagnis. Wir mussten uns lange zurückhalten, jetzt haben wir uns entschieden, endlich wieder groß zu feiern.
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