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Ausgabe Nr. 16/2022 vom 19.04.2022, Fotos: Georg Wendt / dpa / picturedesk.com, Netflix
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Wolfgang Sielaff (li.) klärte nach 28 Jahren den Mord an seiner Schwester (re.) auf.
Pensionierter Kriminalist klärt Mord an der Schwester
Weil die Polizei schlampig ermittelte, blieb der Tod seiner Schwester ungeklärt. Bis der pensionierte Kriminalbeamte Wolfgang Sielaff selbst Nachforschungen anstellte.
Es heißt, Licht ins Dunkel zu bringen, würde die Seele heilen. Nicht so bei Wolfgang Sielaff. „Die vergangenen Jahre waren für meine Familie und mich äußerst kräftezehrend“, sagt der angesehene ehemalige Kriminalist. Ihm gelang, woran die Polizei gescheitert ist, der 80jährige konnte nach seiner Pensionierung den Mord an seiner Schwester aufklären.
Frieden fand er dadurch nicht.
„Ich hatte gehofft, nach der Beisetzung von Birgit im November 2017 Abstand zu den Ereignissen gewinnen zu können. Weil ich aber bis in das vergangene Jahr hinein vor allem medial mit dem Fall verbunden war, ist mir das nicht gelungen.“

Was Sielaff mit medialer Beschäftigung meint, ist die Dokumentation auf dem Internet-Sender Netflix mit dem Titel „Dig Deeper – das Verschwinden von Birgit Meier“. Sie zeigt eindrucksvoll, mit welcher Akribie und welchem Einsatz Sielaff nach seiner Pensionierung den „Vermisstenfall“ seiner Schwester nach 28 Jahren als Mord aufklärt. Auch deshalb, weil sein Schwager Harald Meier, der zum damaligen Zeitpunkt getrennt von seiner Frau lebte, ins Visier der Ermittler geriet. „Mein Schwager war nicht unbekannt“, erzählt Sielaff. „Er war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, der viele Arbeitsplätze geschaffen hat, sondern auch der Mann, der in der Öffentlichkeit ein Vierteljahrhundert als Mörder herumgelaufen ist.“ Nicht selten hieß es hinter vorgehaltener Hand: „Das ist der, der seine Frau hat einbetonieren lassen.“ Und das, obwohl der Mörder der Gärtner war …

Das Verbrechen, unter dem Sielaff und seine Familie leiden, geschah im Sommer 1989 bei Lüneburg in Niedersachsen (D). An diesem Tag wurde die damals 41jährige Fotografin Birgit Meier das letzte Mal gesehen. Klar ist nur, dass sie am 14. August ihr Haus im schilfgrünen Hosenkleid und goldfarbenen Top verlassen hat. Danach verlor sich jede Spur. Schnell geriet der Ehemann Harald unter Verdacht, der sie am Tag des Verschwindens getroffen hat, um die Scheidungsmodalitäten zu klären. Doch Wolfgang Sielaff, damals Chef des Landeskriminalamtes Hamburg (D), bemerkte schnell, dass wichtige Indizien nicht wahrgenommen wurden.

„Uns hätte vieles erspart werden können, wenn die Arbeit richtig gemacht worden wäre.“ Anfangs vertraute er den für den Fall zuständigen Kollegen in Lüneburg. Mit der Zeit fielen ihm aber immer öfter Ermittlungsfehler auf. „Wenn ich mich an den Oktober 1989 erinnere, und mich in die Situation der ermittelnden Beamten versetze, gab es damals Indizien, die erfordert hätten, sich mit Wichmann zu befassen.“

Kurt-Werner Wichmann (verstorben mit 43 Jahren) ist jener Mann, der bei Birgit Meiers Nachbarn als Gärtner gearbeitet hat. Dort haben sich bei einer Geburtstagsfeier Meier und Wichmann kennengelernt. Nach dem Fest, so steht es in den Vernehmungsprotokollen, brachte Wichmann die betrunkene Birgit Meier heim. Für den Tattag hatte er aber angeblich ein Alibi. Wichmann war mit seinem Hund spazieren.

Straftaten des Gärtners blieben unbeachtet
Die Beamten glaubten ihm, denn für sie schien klar, dass der Ehemann, den eine Scheidung viel Geld gekostet hätte, der Täter war. Dass der Gärtner Wichmann bereits in seiner Jugend zahlreiche Straftaten verübt hatte, beachteten sie nicht. „Wir wussten nichts davon“, heißt es in der Dokumentation. Fakt ist aber, dass er mit 14 Jahren eine Untermieterin im Haus seiner Eltern mit einem Messer bedroht und versucht hat, sie zu erwürgen. Dazu kamen Sexualdelikte wie die Vergewaltigung einer Radfahrerin, für die er im Jahr 1970 zu fünfeinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt wurde.

Trotzdem wurde erst vier Jahre nach dem Verschwinden von Birgit Meier Wichmanns Haus durchsucht, wobei die Polizei in einem verschlossenen Zimmer Waffen, Fesselungsmaterial, Schalldämpfer und Handschellen mit Blutspuren gefunden hat. Doch diese Beweise spielten erst Jahre später eine entscheidende Rolle. Wichmann trafen die Ermittler im Haus nicht an. „Der Mordverdächtige Kurt-Werner Wichmann ist dann geflüchtet.“ Währenddessen wurden sein Haus und das Grundstück noch einmal auf den Kopf gestellt und die Einsatztruppe hat ein vergrabenes Auto gefunden, doch die Leichenspürhunde schlugen nicht an.

Erst 50 Tage nach seiner Flucht wurde Wichmann nach einem Unfall von der Polizei gefasst und kam, weil er Waffen im Auto hatte, in Haft. Wenig später hat er sich in seiner Zelle das Leben genommen und beendete somit die Aufklärung des Falles, weil gegen Tote nicht ermittelt wird.
Als Wolfgang Sielaff im Jahr 2002 in Pension ging, handelte er. „Das war nie meine Mission, aber es tat sich nichts mehr. Uns blieb als Familie nur die Alternative, zu versuchen, die Dinge persönlich zu klären.“

Ein Team pensionierter Kriminalisten ermittelte
Denn als er die alten Akten durchforstete, fielen ihm bei der Art und Weise der Ermittlungen zahlreiche Ungereimtheiten auf. „Ich musste etwas unternehmen.“ Er stellte ein Team aus pensionierten, ehemaligen Kollegen zusammen und nahm gemeinsam mit einer Psychologin, einem Ex-Kriminalisten und einem Anwalt, der bei der Beschaffung der Akten behilflich war, den Gärtner Kurt-Werner Wichmann ins Visier.

Dessen Abschiedsbrief, der nie richtig analysiert worden war, machte die Psychologin hellhörig. „Darin bat er seine Familie, unbedingt Haus und Hof zusammenzuhalten. Das ist ein Hinweis, dass er etwas verbergen wollte.“ So inspizierte das pensionierte Team das Haus, das mittlerweile dem Witwer von Wichmanns verstorbener Frau gehörte, erneut. Die Ermittler in eigener Sache staunten nicht schlecht, als sie im damals verschlossenen Zimmer zahlreiche Hinweise zum Verschwinden von Birgit Meier fanden.

Der Fall Birgit Meier wurde neu aufgerollt. Dabei tauchten im Keller eines Gerichtsmediziners die viele Jahre zuvor sichergestellten Handschellen aus Wichmanns Zimmer auf – mit Birgit Meiers Blut darauf, wie eine Blutanalyse ergeben hat. Nun galt es noch zu klären, wo die Überreste der Frau geblieben waren.

Als offizielle Suchtrupps auf Wichmanns Grundstück erneut nichts gefunden hatten, schritten wieder Wolfgang Sielaff und seine Ermittler-Kollegen ein. Denn er spürte: Irgendwo auf Wichmanns Grund muss die Leiche seiner Schwester liegen. Die privaten Ermittler begannen zu suchen und in der Garage fiel ihnen eine Grube auf, die zu niedrig war, um für Auto-Reparaturen geeignet zu sein. Eine befreundete Forensikerin begann, mit einer kleinen Kelle die Grube Schicht für Schicht auszuheben. Nach Stunden stieß sie auf ein „Stöckchen“ und rief: „Mittelfußknochen, menschlich.“ Das war für Wolfgang Sielaff ein unfassbarer Moment: „Als ich das gehört habe, ist eine Welle durch meinen Körper geschossen. Ich kann dieses Gefühl gar nicht beschreiben.“ Als am Ende auch ein Schädel gefunden wurde, war das Rätsel gelöst. „Ich konnte mich an die Ohrringe genau erinnern“, sagte der bei der Suche anwesende Ehemann Harald. „Sie waren ein Geschenk von mir. Nun gab es keine Zweifel mehr. Das waren die sterblichen Überreste von Birgit.“

Die Betroffenheit war groß. „Ich musste mich zusammennehmen, um nicht einfach loszuschreien.“ Immerhin wurde ein zu den Akten gelegter Mordfall nach 28 Jahren aufgeklärt. Birgit Meier wurde den Spuren zufolge erschossen und kopfüber in die Garagengrube gesteckt.
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