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Ausgabe Nr. 16/2022 vom 19.04.2022, Foto: Robert Kneschke - stock.adobe.com
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Nicht die Stärksten haben in der Geschichte der Menschheit überlebt, sondern die Nettesten und Freundlichsten.
Die „Nettesten“ haben überlebt
Nicht die Stärksten haben in der Geschichte der Menschheit überlebt, sondern die Nettesten und Freundlichsten. Deswegen sei der Mensch im Grunde gut, sagt der Historiker Rutger Bregman. Mit seinem Buch „Im Grunde gut“ erzählt er eine neue Geschichte der Menschheit. Damit möchte er die weithin verbreitete Theorie widerlegen, dass der Mensch von Natur aus böse und schlecht ist.
Neid, Eifersucht, Streit und Krieg prägen seit jeher unser Miteinander. Machthungrig und gierig, kurzum eine egoistische Kreatur, ist der Mensch von Natur aus schlecht. Eine Theorie, die nicht nur die Grundlage des traditionellen Christentums, des Kommunismus und Kapitalismus ist. Das Bild vom schlechten Menschen prägen auch Philosophen wie Augustinus, Luther, Calvin, Nietzsche und Freud.
Dem italienischen Philosophen Niccolò Machiavelli (1469–1527) zufolge ist der Mensch ein rein egoistisches Wesen, dessen Handeln von seinen Begierden motiviert wird. Machiavellis Schrift „Der Fürst“ beschreibt Politik als gnadenlosen Kampf, den nur derjenige gewinnt, der skrupellos das umsetzt, was die Situation erfordert.

Nach Thomas Hobbes (1588–1679), der den aufgeklärten Absolutismus begründete, wird der Mensch durch Verlangen, Furcht und Vernunft geprägt. Keine dieser drei „Triebfedern“ brächte den Menschen dazu, etwas zu erstreben, was nicht zu seinem eigenen Vorteil gereiche.
Diese negative Sichtweise auf die menschliche Natur beherrscht bis heute unser Leben. Eine Theorie, die für Rutger Bregman grundlegend falsch ist. Der Historiker erzählt in seinem Buch „Im Grunde gut“ eine neue Geschichte der Menschheit.

„Niemand glaubt, der Mensch sei gut“
Dabei geht er der These des von Natur aus schlechten Menschen auf den Grund. Für sein Projekt bekam der gebürtige Niederländer allerdings wenig Zuspruch. „Mehrere Verlage lehnten ab, weil doch niemand glaubt, der Mensch sei gut. Wenn doch, dann wird er verspottet und als naiv abgestempelt“, sagt der 33jährige, der sich nicht entmutigen ließ und einen Verlag fand, der sein Buch druckte.

Viel abgewinnen kann Bregman der Ansicht von Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), derzufolge der Mensch erst durch die Zivilisation verdorben wurde. „Die Zivilisation erwies sich als einziges großes Unglück. Denn der Urmensch lebte als Nomade in Freiheit und Gleichheit. Bis er sesshaft wurde und Besitz erwarb, was zu Ungleichheit, Ungerechtigkeit und zu Kriegen führte. ,Der Erste, der Land eingezäunt hatte und sagte, ,Dies ist mein‘ – damit ging alles schief“, zitiert Bregman den Franzosen.
Dass der Mensch als egozentrisches Wesen angesehen wird, führt Bregman auf den Einfluss von Wirtschaftswissenschaftlern zurück.

„Für Ökonomen waren Menschen wie berechnende, selbstsüchtige Roboter. In den 1990er Jahren fragte sich der Universitätsprofessor Robert Frank, was das Bild vom Menschen als selbstsüchtiges Wesen mit seinen Studenten machte. Er ließ sie Aufgaben erledigen, um herauszufinden, wie großzügig sie waren. Heraus kam dabei, je länger sie Ökonomie studiert hatten, desto egoistischer verhielten sie sich. ‚Wir werden zu dem, was wir lehren‘, fasste der Professor das Ergebnis zusammen.

„Freundlicher als der Neandertaler“
Erst seit einigen Jahren kommen Wissenschaftler aus völlig unterschiedlichen Bereichen zu dem Schluss, dass unser düsteres Menschenbild reif für eine Überarbeitung ist“, sagt Bregman. Ob das gewollt sei, bezweifelt er jedoch. „Wenn sich jemand für den Menschen einsetzt, tritt er gleichzeitig gegen die Mächtigen an. Und für die ist ein hoffnungsvolles Menschenbild natürlich bedrohlich.“

Für seine „Neue Geschichte der Menschheit“, so der Untertitel des Buches, hat der Historiker Ausflüge in die Verhaltensforschung gemacht. „Was Hunde im Vergleich zu Wölfen sind, sind wir verglichen mit Neandertalern. Was uns von vielen Tieren unterscheidet“, so Bregman, „ist das soziale Lernen. Nur durch Zusammenarbeit konnte der Homo sapiens das raue Klima der Eiszeit überstehen. So setzten wir uns gegen den Neandertaler durch. Der war zwar stärker als der Homo sapiens und hatte ein größeres Gehirn, aber wir waren eben freundlicher. Wissenschaftler bezeichnen den Evolutionsschritt als ,Das Überleben der Nettesten‘“, erklärt Bregman.

„Soziale Medien liefern verzerrtes Bild“
„Verbindungen mit anderen herzustellen, ist unser größtes Kapital. Soziale Menschen sind nicht nur eine nettere Gesellschaft, sie sind letztlich auch klüger“, schlussfolgert der Historiker. Wichtig ist ihm noch, davor zu warnen, Nachrichten in den sozialen Medien im Übermaß zu konsumieren. „Die liefern nur ein verzerrtes Bild der Welt. Meine Faustregel ist daher, lieber bedächtig die Zeitung zu studieren.“

Sind Sie ein netter Mensch?

Miriam Binder, 26, Verwaltungsassistentin
„Ich denke schon“
„Das ist schwierig zu beantworten, aber ich denke schon, denn ich bin weder eifersüchtig, selbstsüchtig oder neidisch. Weil ich zufrieden mit meinem Leben bin, sehe ich keinen Grund, mich anderen gegenüber unfair oder böswillig zu verhalten. Meine Eltern, Geschwister und Freunde wissen, dass sie, wann immer sie Hilfe brauchen, sich an mich wenden können. Meine Mama meint, ich sei schon als Kind mitfühlend gewesen und hätte mich gefreut, wenn ich meinen Freunden aus der Patsche helfen konnte.“

Julian Döpfner, 35, Angestellter
„Nettsein bringt einen nicht weit“
„Ein zu netter Mann kommt bei den Frauen nicht gut an. Das ist zumindest meine Erfahrung. Ich habe meine Freundinnen auf Händen getragen und ihnen jeden Wunsch von den Augen abgelesen, trotzdem bin ich immer verlassen worden. Die Damen meinten, ich sei einfach zu nett. Im Berufsleben habe ich das Gefühl, dass einen Nettsein nicht weit bringt, weil dich kaum jemand ernstnimmt. Nett bin ich auf jeden Fall zu zwei Menschen, die mir besonders wichtig sind. Und das sind meine Mama und meine Oma.“

Claudia Prinzinger, 44, selbstständig
„Wenn ich helfe, tue ich das gerne“
„Ich bin von klein auf dazu erzogen worden, zu allen nett zu sein. Unabhängig davon, wie derjenige mich behandelt. Mit dieser Einstellung bin ich bis jetzt immer gut gefahren. Wenn mich Freundinnen um einen Gefallen bitten, helfe ich ihnen. Egal, ob ich dadurch mehr Stress habe. Wenn ich jemanden unterstützen kann, tue ich das gerne. Ich erwarte aber keineswegs einen Gegen-Gefallen. Für meine 80jährige Nachbarin gehe ich immer einkaufen. Sie wollte mir dafür schon oft Geld geben, aber ich lehne immer ab.“

Johann Weninger, 61, Außendienstmitarbeiter
„Das sollen lieber andere beurteilen“
„Nette Menschen sind für mich jene, die nicht darüber reden, was sie alles Gutes tun. Das sind für mich die stillen, wahren Helden. Ob ich selber ein guter Mensch bin, sollen lieber andere beurteilen. Ich bin weder streitsüchtig, noch zynisch. Hilfsbereit zu sein, ist für mich selbstverständlich. Trotz Gewalt und Kriegen, was schrecklich genug ist, lasse ich mir meinen Glauben an das Gute im Menschen nicht nehmen. Das rettet zwar nicht die Welt, aber in meinem persönlichen Umfeld kann ich, wenn ich mich nett verhalte, viel bewirken.“
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