Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 52/2021 vom 28.12.2021, Foto: Christian Barz
Artikel-Bild
Spendenkonto
IBAN: AT20 3209 2000 0027 1833
BIC: RLNWATWWGAE
Infos unter: www.pachanta.com
Wenn Kinder zwischen zwei Welten aufwachsen
Mehr als 200.000 minderjährige Kinder in unserem Land leben in sogenannten Ein-Eltern-Familien. Die Sängerin Maibritt, selbst Kind einer alleinerziehenden Mutter, will mit ihrem Verein „2 Welten-Kinder“ mehr Bewusstsein für Trennungskinder schaffen und sie unterstützen.
Im Kindergarten hab‘ ich das noch nicht so mitbekommen, aber im Gymnasium war ich gefühlt die Einzige, die mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist“, erinnert sich die 19jährige Maibritt Egger. Die Wienerin war noch ein Baby, als sich ihre Eltern trennten.

Es sei ein „großer Rosenkrieg“ gewesen und alles äußerst belastend. „Das bekommst du schon als Kind mit, die Streitigkeiten, das Ausfragen über die Mama oder den Kampf um die Alimente“, schildert Egger diese Zeit. Der Vater hat den Kontakt zu ihr über das Besuchscafé (ein Kontakttermin mit Begleitung) aufgenommen. Das ausgeübte Besuchsrecht des Vaters wirkte sich aber auf ihre Psyche negativ aus und verursachte körperliche Beschwerden. „Ich litt unter Bauchkrämpfen und Übelkeit. Unter 14 Jahren hast du aber kein Mitspracherecht, du musst, auch wenn du nicht willst“, sagt Egger.

Es muss mehr zum Wohle des Kindes passieren
Gut 162.000 Alleinerzieherhaushalte mit insgesamt 238.000 Kindern unter 25 Jahren gibt es in unserem Land. Kinderbetreuung und Unterhaltszahlungen sind ständig ein Thema, aber auch der fehlende Elternteil.
Der Kontakt zwischen Maibritt Egger und ihrem Vater ist längst abgerissen. „Ich wollte keine Besuchskontakte mehr.“ Sie sieht ihn nur noch bei den Gerichtsverhandlungen. Die sind für ihre Mutter Gabriele Egger, 58, ein leidiges Thema. „Als Mutter wirst du ständig abgestempelt. Es wird einem unterstellt, den Vater ausnehmen zu wollen.“ Das System gehöre dringend überarbeitet, die Entscheidungen etwa über die Alimente müssten viel schneller getroffen werden. „Es muss mehr zum Wohle des Kindes passieren“, ist Gabriele Egger überzeugt.

Genau darum geht es auch Tochter Maibritt, die als jüngste Obfrau in unserem Land den Verein „2 Welten-Kinder“ gründete. Aus ihrer eigenen Erfahrung als Kind im Wechsel zwischen der „Mutter- und der Vaterwelt“ entstand der Wunsch, anderen Betroffenen zu helfen. Die Sängerin wollte ein Bewusstsein schaffen für den Schutz der Kinder in laufenden Gerichtsverfahren, die Verkürzung von Alimentationsverhandlungen oder die Problematik der Besuchskontakte.

Auch die Corona-Pandemie spielte eine Rolle bei der Gründung von „2 Welten-Kinder“, denn „für Alleinerziehende ist es schwierig, alles unter einen Hut zu bringen“, sagt die 19jährige. Es sei herausfordernd, die Kinder aufgrund der geschlossenen Schulen im Fernunterricht zu haben, wenn der alleinerziehende Elternteil arbeiten gehen muss.

Finanzielle Belastung für Alleinerzieher ist groß
Ein Problem, mit dem auch die alleinerziehende Mutter Vanessa Seitler schon seit Pandemiebeginn zu kämpfen hat. „Mein Sohn geht in die dritte Klasse Volksschule und war bereits fünf Mal in Quarantäne.“ So viel Urlaub oder Pflegezeit bekommt niemand. Die 27jährige ist daher froh über ihren sicheren Arbeitsplatz bei einer Versicherungsgesellschaft. Die Zeiten der Ausgangssperren seien aber immer eine besondere Belastung, für beide, sagt sie. „Heuer im Mai waren wir schon so frustriert, dass wir beide nach unserer Heimarbeits- und Schulzeit nur noch ins eigene Zimmer wollten.“ In der Schule gab es oft nur Betreuung ohne Lernen. „Mein Sohn musste dann am Abend seinen Stoff durchnehmen.“ Sorgen macht sich Seitler aber nicht nur um die Schulbildung ihres Sohnes. Auch die finanzielle Belastung sei für Alleinerzieher während der Pandemie noch größer geworden. „Wenn jemand zu Hause arbeitet und lernt, steigen auch die Ausgaben für Strom, Heizung und Essen. Weihnachten ist deshalb leider spärlich ausgefallen“, so Seitler. Für Maibritt Egger ist das Schicksal von Vanessa Seitler kein Einzelfall. „Viele Alleinerzieher brauchen Unterstützung, um ihren Kindern Freizeitaktivitäten zu ermöglichen, aber auch Geld für Therapien ist oft nicht vorhanden.“ Sie kennt das noch aus ihrer eigenen Schulzeit. „Ich musste damals einige Male zurückstecken, etwa bei Ausflügen.“

Ihre Mutter Gabriele bestätigt dies. „Es war schwierig, mit Eltern mitzuhalten, wenn beide verdienen.“ Als Maibritt Egger in der siebenten Klasse war, musste sie beim Elternverein um Unterstützung ansuchen, weil die Kosten für Schikurse oder Sprachwochenenden einfach nicht mehr alleine zu stemmen waren. „Obwohl ich bei Gott fleißig war, aber so viele Hosen konnte ich gar nicht kürzen“, meint Gabriele Egger, die bis zum vergangenen Jahr ein Handarbeitsgeschäft mit Schneiderei hatte. „Ich bin ein wirtschaftliches Pandemieopfer, war immer mit Herzblut in meinem Geschäft.“ Jetzt unterstützt sie ihre Tochter mit dem Verein, aber auch bei der Öffentlichkeitsarbeit der Sängerin, die auch der weibliche Teil des Duos „Pachanta“ ist.

Das Mutter-Tochter-Verhältnis vom Geschäftlichen zu trennen, war ein Prozess. „Meine Tochter ist die Obfrau des Vereines, es geht nach ihrem Kopf. Sie macht das ,2 Welten-Kinder‘-Projekt aus der Sicht des betroffenen Kindes und nur Kinder bekommen auch unsere Unterstützung“, so Egger. Finanziert wird der Verein durch Spenden, aber auch durch Einnahmen aus Maibritts Musikauftritten. „Die Musik ist mein Zufluchtsort. Ich kann damit Freude vermitteln“, sagt die junge Künstlerin. Die möchte sie auch anderen weitergeben und hofft auf viele Spenden und Sponsoren für ihr Projekt. „Damit möglichst vielen Kindern aus Alleinerzieherhaushalten geholfen werden kann“, sagt Egger.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung