Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 51/2021 vom 21.12.2021, Foto: Alliance For Nature
Artikel-Bild
Milchiges, schäumendes Wasser im Göstritzbach.
Der Semmering schäumt
Statt glasklarem Wasser führen die Bäche am Semmering (NÖ) eine milchige, schaumige Suppe. Grund sind Bohrungen für den Semmering-Basistunnel, bei denen chemische Mittel in den Berg getrieben werden. Umweltschützer laufen dagegen Sturm, die ÖBB beruhigen jedoch.
Der Bau des Semmering-Basistunnels treibt Umweltschützer seit Jahren auf die Barrikaden. Sie sehen den Wasserhaushalt der Semmering-Region in Gefahr und befürchten ein Austrocknen der Region – mit fatalen Folgen für die Vegetation. Derzeit lassen Tunnel-Bohrungen zudem die Bäche zu einer milchigen, schaumigen Suppe verkommen.

Der Generalsekretär der Umweltorganisation „Alliance for Nature“, Christian Schuhböck, erklärt: „Um wasserführende Felsspalten und Felsklüfte im Zuge der Bohrungen abzudichten, werden chemische Materialien injiziert. Diese Mittel werden zum Teil ausgeschwemmt und lassen in weiterer Folge die Bäche schäumen.“
Es ist nicht der erste Umweltalarm. So wurde im Jahr 2019 bei Vortriebsarbeiten in Göstritz bei Maria Schutz (NÖ) eine wasserführende Quelle angebohrt. „Der Tunnel war bis zur Hälfte überflutet. Zudem verunreinigten Millionen Liter milchig trüben Wassers den Göstritz- und Auerbach sowie die Schwarza im Bezirk Neunkirchen (NÖ). Das Wasser führte sodann feine Sande, Schluffe und Tone mit sich. Sie setzten sich an der Flusssohle ab. Kleinstlebewesen verendeten und standen Fischen nicht mehr als Nahrung zur Verfügung.“

Bis heute konnte die wasserführende Quelle nicht abgedichtet werden. „Dem Bergmassiv werden immer noch zehn Millionen Liter Wasser pro Tag entzogen. Mehr, als alle Einwohner der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten an Wasser verbrauchen.“

Verwendeter Kunststoff für 5.000 Tote veranwortlich
Das ursprünglich glasklare Wasser, das sonst auch als Trinkwasser genutzt wurde, wird in Absetzbecken geleitet. Dort sollte es gereinigt werden. „Tatsächlich wird jedoch verunreinigtes Wasser in den Göstritzbach geleitet, sodass eine Brühe bergabwärts Richtung Schottwien und Gloggnitz (NÖ) floss.“

Der Sprecher der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), Christopher Seif, versucht zu beruhigen. Bei den Injektionsmitteln zur Wasserrückhaltung handelt es sich um „herkömmlichen Zement, Mischungen aus Zement und Kunststoff (Polyurethan) oder reine Kunststoffinjektionen. Polyurethan ist ein Kunststoff, der durch Wasser sein Volumen vergrößert.“ Dies sei alles behördlich genehmigt und freigegeben. Durch Verwirbelung kann es zu Schaumbildung und Trübung kommen. „Sedimente sind im Wasser aber keine enthalten.“ Für Mensch und Natur soll es keine Beeinträchtigung geben.

Doch Schuhböck sieht die Einbringung derartiger Kunststoffe in den Naturkreislauf äußerst kritisch.
„Polyurethane werden aus Isocyanat hergestellt, das giftig ist.“ Isocyanate haben 1984 zum bisher größten Chemieunfall aller Zeiten geführt. Im indischen Bhopal starben fast 5.000 Menschen, mehr als 200.000 wurden verletzt. Umweltexperten ist es daher ein Gräuel, wenn derartige Stoffe in heimische Gewässer gelangen.

Fertigstellung zwei Jahre später
Schuhböck kritisiert auch, „dass der Tunnelbau im Semmering wie ein Drainagerohr (Entwässerungsrohr) wirkt. Wir befürchten deshalb, dass es künftig zu einer Verkarstung der Semmering-Region kommt.“ Das heißt, dass die Region austrocknen könnte. „Wenn lebensspendendes Wasser dem Bergmassiv entzogen wird, können Quellen weniger Wasser führen, Brunnen versiegen und Bäche sowie Feuchtgebiete austrocknen.“ Die Quellen sind aber wichtig für die Trinkwasserversorgung. „Mittlerweile herrscht in der Region bereits Wasserknappheit vor. Betroffen ist etwa die Gemeinde Schottwien. Es musste bereits eine neue Quelle erschlossen werden.“

Schuhböck warnt seit Jahren vor Eingriffen in die Natur durch den Tunnel, der das niederösterreichische Gloggnitz mit dem steirischen Mürzzuschlag verbinden und die historische Semmeringbahn entlasten soll. „Es stellt sich die Frage, ob eine Fahrzeitverkürzung von etwas mehr als 20 Minuten einen derart massiven Eingriff in das Niederösterreichische Landschaftsschutzgebiet ‚Rax-Schneeberg‘ sowie in das Natura-2000- und Europaschutzgebiet ‚Nordöstliche Randalpen: Hohe Wand – Schneeberg – Rax‘ rechtfertigt.“
Der ÖBB-Sprecher Christopher Seif verteidigt den Tunnel. „Er ist Teil der neuen Südstrecke Wien – Villach (K), die eine völlig neue Bahn-Qualität für den Süden unseres Landes bringen wird. Das Reisen und der Gütertransport werden dann viel attraktiver, wie das schon auf der Weststrecke Wien – Salzburg gelungen ist.“ Die Semmeringbahn könne die hohen Anforderungen alleine nicht mehr bewältigen, so Seif. Die Fahrzeitreduzierung durch den Tunnel beziffert er mit 30 Minuten. Ein Grundwasserproblem durch den Bau sieht er nicht. „Längere Trockenperioden, häufigere Starkregen-Ereignisse und weniger Niederschlag bewirken unter anderem auch das Absinken von Grundwasserspiegeln. Dies wirkt sich auch auf die Brunnen der Region aus. Der Klimawandel macht auch vor dem Semmering nicht Halt.“

Durch den Tunnel soll die Umwelt aber letztlich aufatmen. „Jede Tonne Fracht auf der Schiene bedeutet rund 15 Mal weniger Emissionen des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid (CO2) als beim Lkw-Transport.“ Wegen der Bau-Probleme wird der Tunnel Ende 2028 in Betrieb gehen, um zwei Jahre später als geplant.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung