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Ausgabe Nr. 47/2021 vom 23.11.2021, Foto: Zeppelzauer
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Von li.: Christa, 77, und Walter Teschinsky, 79, Gerhard Niederhofer, 73, Christa Lechner, 64, Roswitha, 77, und Hubert Längauer, 76, und die 81jährige Frigga Koschnik mit ihrer Hündin „Lia“.
Die fröhlichen Alten vom Erzberg
Mit einem Durchschnittsalter von knapp 56 Jahren hat Eisenerz die älteste Bevölkerung in unserem Land. Bundesweit liegt der Schnitt bei 43,1 Jahren. Die Senioren in dem steirischen Bergbauort gehören trotzdem noch lange nicht zum „alten Eisen“.
Knapp 13.000 Einwohner zählte Eisenerz (Stmk.) zu seiner Hochblüte im Jahr 1961. Heute, 60 Jahre später, sind es nur noch 3.742 und rund 40 Prozent davon sind älter als 65 Jahre. Eisenerz ist damit Vorreiter einer prognostizierten Überalterung in unserem Land, denn bis 2050 soll der Anteil an über 65jährigen auf 28 Prozent ansteigen. In der kleinen Bergbaugemeinde setzen Politik und private Initiativen alles daran, den Senioren einen adäquaten Alterssitz zu bieten.

Gekommen, um zu bleiben
Eine fröhliche Truppe sammelt sich vor dem Museum des malerischen Bergbauortes Eisenerz. Weil Veranstaltungen Corona-bedingt derzeit nicht stattfinden können, treffen sich die rüstigen Senioren beim Spazierengehen. „Der Zusammenhalt der Eisenerzer ist spürbar“, sagt Christa Lechner lachend, mit 64 Jahren ist sie die Jüngste in der Runde. Jeder kennt hier jeden, scheint es. „Das gemeinsame Schicksal mit dem Berg verbindet“, erklärt der Seniorenbund-Obmann Gerhard Niederhofer, 73.
Die Rede ist vom Erzberg, der wie eine riesige Pyramide über der Stadt thront und von einer reichen Vergangenheit zeugt. Einst gab der Erzabbau tausenden Menschen Arbeit. „Jetzt sind es noch 200, die Technisierung macht immer weniger Arbeitskräfte notwendig“, sagt Horst Elmer, der kurz seine Laufrunde unterbricht. Er muss es wissen, denn der Berg war auch sein Leben. Der 82jährige arbeitete mehr als 35 Jahre als Steiger und Kranführer im Bergbau. Als geborener Oberösterreicher kam er erst mit 14 Jahren nach Eisenerz – und blieb bis heute, um seinen Ruhestand zu genießen. „Ich gehe täglich laufen“, das ist seine Leidenschaft. Alleine 70 Marathons hat Elmer absolviert, nennt zahlreiche Staatsmeistertitel sein Eigen.

Alte Menschen aktiv ins Gesellschaftsleben einbeziehen
Sport wird in Eisenerz groß geschrieben und verbindet Alt und Jung. „Das Nordische Ausbildungszentrum und die verschiedenen Schulen bieten viele Möglichkeiten für Jugendliche“, sagt Niederhofer. Davon würden auch die älteren Eisenerzer profitieren. In einem intergenerativen Schulprojekt mit der Initiative „Altern mit Zukunft“ zeigten Schüler interessierten Senioren den Umgang mit Computern und Mobiltelefonen. „Das wurde gut angenommen“, berichtet der ehemalige Hauptschullehrer. Auch seine große Leidenschaft, das Modellfliegen, sieht Niederhofer als generationenverbindendes Hobby an. „Als Nachwuchs-Referent im Österreichischen Aero-Club betreue ich Zehnjährige, die kommen oft zusammen mit ihren Großvätern zum Training.“
Gerhard Niederhofer, ein „Hansdampf in allen Gassen“, ist außerdem Museums- und Stadtführer, hält Vorträge und ist Kultur-Gemeinderat. „Von 1985 bis 1990 war ich sogar Vizebürgermeister von Eisenerz. Jetzt bin ich der Vater des aktuellen Bürgermeisters“, sagt der gebürtige Admonter (Stmk.) schmunzelnd.

„Wir sind eine überaltete Stadt“, bestätigt ÖVP-Bürgermeister Thomas Rauninger, 37, „aber wir sehen das nicht als Bürde, sondern als Chance.“ Viele „Exil-Eisenerzer“ kommen später wieder zurück in ihre Heimat, weiß Rauninger. Eine davon ist die ehemalige Radio- und Fernsehmoderatorin Christine Brunnsteiner, 67. Die geborene Eisenerzerin ging nach der Matura nach Graz (Stmk.). Zuerst um zu studieren, danach blieb sie aus beruflichen Gründen. Noch während ihrer aktiven Zeit beim Radio Steiermark kam ihr die Idee, einen Verein zu gründen.
Sie suchte einen Weg, „Menschen, die noch lange nicht zum ,alten Eisen‘ gehören, auf Wunsch weiter in das aktive Leben unserer Gesellschaft einzubeziehen.“
Im Jahr 2010 verabschiedete sie sich in den Ruhestand Richtung Eisenerz und setzte ihre Idee in die Tat um.
Der Verein lief gut an, viele wollten ehrenamtlich helfen. Elf Jahre betreut Brunnsteiner mittlerweile mit dem Verein „Wir für uns“ alte und hochbetagte Eisenerzer. Auch der Bürgermeister ist von dem regionalen Projekt begeistert.

Gemeinsames Singen und Kaffee trinken
„Der Verein ist eine wunderbare Errungenschaft, die aktive Arbeit mit den Senioren äußerst wertvoll“, sagt Rauninger. Eisenerz ist eine Stadt, in der sich Ältere wohlfühlen können und sollen.
„Der Ort hat eine Lebensqualität, die in der Großstadt nicht zu finden ist“, meint Brunnsteiner. Wer älter wird, lerne das Lebensgefühl in einer kleinen Stadt zu schätzen. „Das Verhältnis der Menschen zueinander ist ein anderes.“ Die alltäglichen Wege seien einfach besser zu bewältigen, wenn einem Nachbarn helfen.

Etwa 35 Menschen bilden die Stammmannschaft des Vereines, vorwiegend Frauen. „Weil Frauen einfach älter werden“, schmunzelt die Vereinsobfrau, „unser ältestes Mitglied ist 88 Jahre alt.“ Einbringen könne sich jeder, sagt Brunnsteiner. Die wöchentlichen Kaffee- und Sing-Stunden sind derzeit nur eingeschränkt möglich. Es sei aber wichtig, älteren Menschen die Zeit und die Möglichkeit zu geben, über ihr Leben und ihre Erfahrungen zu reden. „Sie haben schon viel mehr erlebt, davon können wir alle profitieren. Deshalb braucht es auch den Austausch mit den Jungen“, meint Brunnsteiner.

Kurz vor Beginn der Pandemie gab es ein Vogelschutzprojekt mit Schülern und Senioren. Eine wertvolle Erfahrung für beide Seiten. Vor drei Jahren wurde ein Generationen-Garten angelegt, für gemeinsame Gartenarbeit und geselliges Beisammensein. „Es ist schön zu sehen, wie entspannt unsere Senioren mit dem Altern umgehen“, erklärt Brunnsteiner. Sie habe viel von ihnen gelernt, etwa eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit dem Leben.
Und mit einem Augenzwinkern verrät sie, „Wenn ich mit über 80jährigen zu tun habe, fühle ich mich selbst viel länger jung.“
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