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Ausgabe Nr. 46/2021 vom 16.11.2021, Foto: pikselstock - stock.adobe.com
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Betten stehen leer, weil Personal fehlt.
Keine Zeit für die Menschen
Bett-Tage, Schlafmittel und frühe Nachtruhe – den Personalmangel in der Pflege spüren die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Tausende Pflegekräfte fehlen. Die Impfpflicht für Pflegende wird die Not verschlimmern.
Versperrte Zimmertüren oder sogar ganze Bett-Tage für Menschen, die sich im Rollstuhl noch fortbewegen könnten. Der Personal-Mangel führt bei den Pflegekräften zu Überlastung und Zeitdruck. Für die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen bedeutet er immer öfter massive Freiheits-Einschränkungen.
Sie haben in der Corona-Pandemie enorm zugenommen. Und die Beschränkungen sind weiterhin hoch, obwohl mittlerweile weniger Altenheim-Bewohner zur Infektions-Vorbeugung in ihren Zimmern bleiben müssen. Viele Maßnahmen werden wohl aber gar nicht gemeldet.
„Es gibt das klassische Motto ,warm, satt, sauber‘, von dem wir jahrzehntelang versucht haben wegzukommen. Zu befürchten ist, dass das wieder einmal Pflegestandard wird“, sagt Grainne Nebois-Zeman, die stellvertretende Fachbereichsleiterin für die Bewohnervertretung beim „VertretungsNetz“. Der gemeinnützige Verein überprüft Freiheitsbeschränkungen in Alten- und Pflegeheimen.
Jedes Mal, wenn etwa bei einem Bett ein Seitenteil angebracht oder ein Sitzgurt bei einem Rollstuhl verwendet wird, muss das gemeldet werden. Immer öfter gibt es Einschränkungen, weil das Personal fehlt. „Pflege auf hohem Niveau kann oft einfach nicht mehr stattfinden.“

Bewohner müssen um 15.30 Uhr ins Bett
Schon vor Corona war nur ein Zehntel der Zeit für Gespräche vorgesehen. Jetzt muss es auch bei der Grundversorgung teils schnell gehen. Was dazu führen kann, „dass manchmal etwa bei der Körperpflege die Bewohner von zwei oder drei Pflegekräften festgehalten werden“, erklärt Nebois-Zeman. „Es gibt Konzepte für würdevolle Körperpflege, aber die brauchen Zeit.“ Ist die nicht vorhanden, „wird unter Umständen mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen oder Beruhigungsmitteln gearbeitet, damit sich Bewohnerinnen oder Bewohner nicht wehren.“
Unruhige Demenz-Kranke, denen zusätzlich Beruhigungs-Medikamente verabreicht werden oder eine viel zu frühe Nachtruhe, all das sind teilweise Auswirkungen des Pflege-Notstandes. „Was wir mitbekommen, ist auch, dass weniger Aktivierung der Bewohner stattfindet. Oft werden sie aus Personalmangel sehr früh ins Bett gebracht. Sie müssen etwa um 15.30 Uhr ins Bett gehen, damit die Dienst-Übergabe klappt. Das Problem hatten wir immer schon, teilweise nimmt es jetzt aber überhand“, erzählt die Bewohner-Vertreterin Nebois-Zeman.

Betten stehen leer, weil Personal fehlt
Auch bei den Menschenrechts-Kontrollen der Volksanwaltschaft ist das ein Thema. „Wir finden das wieder verstärkt in den Berichten, dass Praktiken wie die vermehrte Gabe von Schlafmitteln angewendet werden, weil das Pflegepersonal anders nicht mehr über die Runden kommt“, weiß Volksanwalt Bernhard Achitz. „Schon vor der Pandemie war die Personalsituation eng. Jetzt hat sich das natürlich verschärft.“ Darunter leidet die Betreuung der Bewohner.
Hunderte Betten in den Pflegeheimen stehen leer, weil das Personal fehlt. Bis zum Jahr 2030 brauchen wir außerdem 100.000 zusätzliche Pflegekräfte. Denn ein Großteil geht in den kommenden Jahren in Pension. Jeder zweite Mitarbeiter in der Pflege denkt zudem ans Aufhören. Die geplante Impfpflicht im Gesundheitsbereich könnte den Personalnotstand verschärfen, warnen manche. In Frankreich wurden aber nur rund 3.000 von 2,7 Millionen Beschäftigten mangels Impfung suspendiert.
Am 26. November ist ein Pflegegipfel geplant. Allzu viel erwarten sich die Pflege-Mitarbeiter davon nicht. „Es ist in den vergangenen Jahren nichts passiert, im Budget für 2022 sind nur 50 Millionen Euro mehr für die Pflege vorgesehen“, kritisiert der Gewerkschafter Josef Zellhofer von der „ÖGB/ARGE Fachgruppenvereinigung für Gesundheits- und Sozialberufe“.

Die Liste der Forderungen an Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) ist lang. Eine, die schnell umgesetzt werden sollte, ist die kostenfreie Aus- und Weiterbildung. „Das würde dazu beitragen, dass wir tausend Pflegekräfte zurückholen könnten, die den Beruf verlassen haben“, sagt Josef Zellhofer.
Viele Pflegekräfte balancieren am Rande der Überlastung. Das Gehalt spiegelt die Anforderungen kaum wieder. So verdient etwa eine Pflegeassistentin am Ende ihrer Laufbahn rund 3.000 Euro brutto im Monat, je nach Arbeitgeber. Doch Lohnerhöhungen stehen nicht ganz oben auf dem Pflege-Wunschzettel. „Die Pflegekräfte wollen mehr Kollegen, sie wollen, dass der Druck aufhört und sie ihre Freizeit mit der Familie planen können.“

Schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Das wissen auch die Initiatoren der Schweizer „Pflegeinitiative“-Volksabstimmung, die Ende des Monats stattfindet. Laut einer Umfrage bei den Eidgenossen würden neun von zehn Pflegenden nicht ans Aufhören denken, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser wäre.
Derzeit ist bei uns die Personaldecke dermaßen dünn, dass Dienstpläne nicht halten und manche an ihren freien Tagen auf die Station gerufen werden. „Die Personalschlüssel der Bundesländer sind an sich schon knapp und die werden nicht eingehalten“, sagt der Volksanwalt Bernhard Achitz. „Es braucht sicher Sofortmaßnahmen wie Lohnerhöhungen oder eine Prämie, die verhindern, dass die Menschen den Beruf verlassen.“ Aber es müssten auch die Arbeitsbedingungen so verbessert werden, „dass die Arbeit in der Pflege planbarer wird. Ein Voest-Arbeiter weiß, ob er nächstes Jahr zu Weihnachten frei hat oder nicht. Eine Pflegekraft kann das unmöglich sagen, weil sie immer wieder einspringen muss und es beim Umstellen der Schichten zu Ausfällen kommt.“
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