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Ausgabe Nr. 41/2021 vom 12.10.2021, Foto: Manfred Schusser
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Leiterin Doris Eichern im Pfarrkindergarten St. Peter.
Mit der Kraft am Ende
Kindergärtnerinnen haben eine große Verantwortung. Sie sollen die Bürger von morgen formen, bekommen aber vom Staat zu wenig Unterstützung. Die Gruppen, die sie betreuen müssen, sind zu groß, es gibt zu wenig Betreuungsplätze und die Einrichtungen müssen besser ausgestattet werden, lautet ihre Forderung. Diese Woche streiken sie.
Jetzt steigen die Kindergärtnerinnen auf die Barrikaden. Nicht, weil sie zu wenig verdienen, sondern weil sie zu wenige sind. Deshalb demonstrieren sie in dieser Woche gleich zwei Mal. Am Dienstag versammelten sich Mitarbeiterinnen der Privatkindergärten in Wien, am Donnerstag gehen die Betreuerinnen der öffentlichen Kindergärten auf die Straße. Genauer gesagt versammeln sie sich am Heldenplatz. „Wir fordern eine Anhebung des Budgets auf ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für elementare Bildung“, sagt Judith Hintermaier von younion – die Daseinsgewerkschaft, eine Untergliederung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes.

Ein Prozent des BIP würde etwa drei Milliarden Euro ausmachen. „Damit“, erklärt Hintermaier, „könnten bessere Bedingungen in den Betreuungseinrichtungen für kleine Kinder geschaffen werden. Mehr Personal kann eingestellt sowie neue Standorte für Kindergärten geschaffen werden. Derzeit sitzen in Kindergruppen älter als drei Jahre bis zu 25 Kinder. Wir hätten gerne 18 bis höchstens 20 Kinder. Dazu in einer Gruppe zwei Pädagoginnen und mindestens eine Assistentin, derzeit arbeitet in einer Gruppe im Schnitt eine Pädagogin mit einer Assistentin. Wir fordern zudem seit Jahren ein einheitliches Bundesrahmengesetz, da es derzeit bundesweit unterschiedliche Regelungen gibt. Das Gehalt der Pädagoginnen ist in Ordnung. Laut Kollektivvertrag gibt es in den beiden ersten Berufsjahren ein monatliches Einkommen von knapp 2.400 Euro brutto. Aber die Assistenten verdienen zu wenig. Sie erhalten nur 1.800 Euro brutto, teilweise sogar darunter.“

Die Situation ist angespannt, mehr noch. Die Kindergärtnerinnen können nicht mehr. „Wir sind erschöpft“, klagt Lisa Sammer und spricht damit vielen Kolleginnen aus der Seele. Die 26jährige leitet den Kindergarten Eggenbergergürtel in Graz (Stmk.). „Es fehlt nicht nur an Wertschätzung seitens der Gesellschaft oder vom Land Steiermark, sondern hauptsächlich an Personal. Wir betreuen 23 Buben und Mädchen in der Kinderkrippe und 50 im Kindergarten – und das zu sechst. Das ist viel zu wenig, weil nebenbei noch administrative Aufgaben zu bewältigen sind. Zurzeit bereiten wir unser Laternenfest vor und einige Kinder bräuchten beim Basteln viel mehr Unterstützung, aber die Zeit haben meine Kolleginnen und ich leider nicht. Das ist schade, weil alle ihren Beruf lieben und wir von den Kindern so viel zurückbekommen, aber wir haben die Grenze der Belastbarkeit erreicht.“

Der Fachkräftemangel ist enorm, weiß Ulli Hackinger von WIKI, dem mit rund 300 Einrichtungen größten privaten Kinderbetreuungs-Anbieter in der Steiermark. „Seit drei Jahren ist die Besetzungssituation akut, ihren negativen Höhepunkt hat sie jetzt im Herbst erreicht. Während der Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen nach wie vor steigt, ist der Personalmarkt rückläufig. Für viele ausgeschriebene Stellen gibt es oft nur eine einzige Bewerbung. Manchmal meldet sich niemand. Das ist nicht der Qualitätsanspruch, den es in der Kinderbetreuung geben sollte.“

Spielplatz kann nicht benützt werden, weil Geld für die Sanierung fehlt
Im Zentrum der Diskussion steht seit Jahren die Reduzierung der Gruppengröße von derzeit 25 auf 20 Kinder. Laut Arbeiterkammer Steiermark ist daran nicht zu denken, weil derzeit 70 Stellen nicht besetzt werden können.
Vom Land Steiermark sei nach Angaben der Kindergärtnerinnen ebensowenig zu erwarten wie vom Land Kärnten, erklärt Doris Eichern, Leiterin des Pfarrkindergartens St. Peter in Klagenfurt. „Wir haben von 6.45 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet und es fehlt hinten und vorne an Betreuerinnen. Wir bekommen vom Land Kärnten verordnet, dass pro Gruppe 25 Kinder aufzunehmen sind. Das ist zu viel, weil es immer mehr auffällige Kinder und Migrationskinder gibt, die natürlich eine intensivere Betreuung benötigen. Ich habe 50 Kinder zu betreuen, für jede Gruppe mit 25 Kindern aber nur zwei Betreuerinnen zur Verfügung. Kindergärtnerinnen legen den Grundstein für die weitere Bildung der Kinder, werden aber im Gegensatz zu den Lehrern viel schlechter bezahlt. Wir bekommen im Schnitt monatlich 1.500 Euro netto, haben aber bei Weitem nicht die langen Ferien wie die Lehrer. So haben wir unter anderem auch in den Semesterferien geöffnet.“
Dazu kommt, dass der hauseigene Spielplatz aufgrund von Mängeln nicht benützt werden kann. Doch es fehlt das Geld, 25.000 Euro, sie zu beheben.

Fehlende Wertschätzung sieht auch Melanie Spangler BA MA, Obfrau des Berufsgruppenverbandes für den elementaren Bildungsbereich in Tirol, als Hauptgrund, warum dieser Beruf immer seltener ausgeübt wird. Laut Statistik Austria gab es im Jahr 2019 3.308 öffentliche und 1.258 private Kindergärten. Soll unser Land auf EU-Schnitt kommen, müssten etwa bei den dreijährigen Kindern mehr als 88 Prozent in öffentlicher Betreuung sein. Derzeit liegt die Quote in unserem Land aber nur bei 64 Prozent. Es braucht also einen gehörigen Schub an neuen Arbeitskräften, um der Nachfrage ein entsprechendes Angebot bieten zu können. Zumal den Kindergärtnerinnen eine zunehmend hohe soziale Kompetenz übertragen wird, schließlich sind die ersten Jahre die prägendsten für den Menschen. „Die Kinder lernen bei uns alles, was der Mensch für ein gesundes und glückliches Leben benötigt. Wir legen die Basis für die Gesellschaft und die Erwachsenen von morgen, das sollte nicht unterschätzt werden“, erklärt Spangler.
Während der Protestaktion am Donnerstag werden die Kindergärten nicht geschlossen, die Eltern sollen nicht im Stich gelassen werden. An Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) lautet die Forderung der Streikenden: „Er soll endlich Verantwortung übernehmen, sich an den Ländern abzuputzen, reicht nicht mehr.“
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