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Ausgabe Nr. 41/2021 vom 12.10.2021, Foto: ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com
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Heinz-Christian Strache (li.) und Johann Gudenus im Ibiza-Rausch.
„Sie wollen mich fertigmachen“
Der Drahtzieher des Ibiza-Videos, Julian Hessenthaler, steht kommenden Montag wegen Drogen­delikten vor Gericht. Menschenrechtler glauben, dass der 40jährige Privatdetektiv mundtot gemacht werden soll, weil er wegen des in Spanien gedrehten Videos nicht belangt werden kann. Auch sehen sie eine Abschreckung für zukünftige Aufdecker.
Julian Hessenthaler. Der Name ist nur wenig geläufig, doch sein Machwerk kennt jeder. Der 40jährige deutsche Privatdetektiv gilt als Drahtzieher des Ibiza-Videos. Es brachte im Jahr 2019 Heinz-Christian Strache, 52, zu Fall und ließ die türkis-blaue Regierung platzen.
Dieser Tage muss sich Hessenthaler in St. Pölten (NÖ) vor Gericht verantworten. Allerdings nicht wegen des Ibiza-Videos, sondern wegen Drogenhandels. Der Angeklagte soll 1,25 Kilo Kokain veräußert haben, um sich seine triste finanzielle Situation aufzubessern, so die Anklage. Der Prozess begann am 8. September und wird kommenden Montag fortgesetzt. Dem Angeklagten drohen bis zu 15 Jahre Haft. Hessenthaler plädiert jedoch auf nicht schuldig. „Ich habe nie Drogen verkauft. Sie wollen mich fertigmachen“, ist er überzeugt. Denn wegen des in Spanien gedrehten Ibiza-Videos kann er bei uns nicht vor Gericht gestellt werden. Aus Rache, weil die türkis-blaue Regierung geplatzt ist, werde ihm nun Drogenhandel in die Schuhe geschoben, mutmaßt er.

Auch Menschenrechtsorganisationen hegen diesen Verdacht. „Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Behörden andere Vorwürfe heranziehen und in ausufernder Weise verfolgen, um Hessenthaler mundtot zu machen“, ist Thomas Lohninger, Geschäftsführer des Vereines epicenter.works überzeugt. Das wirkt auf künftige Aufdecker abschreckend und gefährdet die Pressefreiheit.

"Bestochene Zeugen"
Zeugenaussagen lassen in der Tat Zweifel an der Anklage aufkommen. „Denn die beiden Personen, die von Hessenthaler angeblich Kokain gekauft haben, verstrickten sich in Widersprüche. Sowohl in Zeit- als auch Ortsangaben“, erklärt Hessen­thalers Wiener Anwalt, Oliver Scherbaum, der einen Freispruch fordert. Für ihn ist bewiesen, dass „aus dem FPÖ-nahen Glücksspielbereich“ Geld an die Zeugen gezahlt wurde, damit sie gegen Hessenthaler aussagen. „Da sind hohe Beträge geflossen, bis zu 70.000 Euro.“ Hintergrund ist auch, dass Strache in dem Ibiza-Video über einen Glücksspielkonzern hergezogen ist. Scherbaum ist überzeugt, „bald werden wir wissen, ob es bei uns möglich ist, Aufdecker von Korruption mit konstruierten Anschuldigungen aus dem Verkehr zu ziehen.“
Scherbaum erklärt die Hintergründe des Falles. Sein Mandant hat sich nach der Veröffentlichung des Ibiza-Videos nach Deutschland abgesetzt. Wegen des Videos konnte er aber nicht ausgeliefert werden.

"Wegen des Videos wird es nie einen Prozess geben"
Das geht nur bei schweren Verbrechen. „Das heimliche Aufnehmen und Herstellen von Ton- und Bildaufnahmen ohne Zustimmung des Aufgenommenen wird bei uns mit maximal einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet. Dafür gibt es niemals eine Auslieferung“, erklärt Scherbaum.
„Und in Spanien, wo das Video gedreht wurde, liegt gar kein Straftatbestand vor. Deswegen hat die Staatsanwaltschaft das auch nicht weiter verfolgt. Wegen des Videos wird es also nie einen Prozess geben.“ Auch weil kein Geld für das Video geflossen ist. Es wurde der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel überlassen, die Teile davon veröffentlichten. Letztlich seien daher andere Vorwürfe gegen Hessenthaler konstruiert worden. Zunächst wurde ihm versuchte Erpressung vorgeworfen. Ein Mitarbeiter von ihm hatte versucht, HC Strache und Johann Gudenus, 45, das Video zu verkaufen. Die beiden fühlten sich allerdings nicht erpresst. Der Vorwurf wurde daher fallengelassen.

Zudem steht fest, dass befangene Polizeibeamte auf Hessenthaler angesetzt wurden. Etwa ein ÖVP-Kommunalpolitiker. Er schrieb Strache nach dessen Rücktritt eine Nachricht, „lieber HC, ich hoffe auf einen Rücktritt vom Rücktritt, die Politik braucht dich.“ Der Chef der Sonderkommission wusste Bescheid. Erst die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) berief den Politiker und andere Beamte ab.

Kritisiert wird auch, dass die im Video angedeutete Korruption von Strache und Gudenus zu wenig Aufmerksamkeit fand. „Von 20 Mitgliedern der Sonderkommission ermittelten 17 gegen Hessen­thaler und nur drei gegen Strache“, erklärt Heinz Patzelt von der Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“.
Straches Verteidiger, Johann Pauer, betont, dass sein Mandant keine strafbaren Handlungen begangen habe. „Es wurde damals ein Verfahren eingeleitet, weil Strache aber zum Zeitpunkt des Videodrehs noch kein Amtsträger war – er war damals noch nicht Vizekanzler – wurden die Ermittlungen wieder eingestellt.“ Zum laufenden Verfahren will sich Pauer nicht äußern. Genau wie Strache. Er erklärt auf Anfrage, „es gilt, das Verfahren abzuwarten, dann gibt es ein Urteil, das ich bewerten kann.“ Eine Klage auf Schadenersatz gegen Hessenthaler ist nicht anhängig, weil hierzulande keine Straftat begangen wurde.

"Wollte Strache Korruption und Untreue nachweisen"
Als eigentlicher Auftraggeber des Ibiza-Videos gilt ein Wiener Anwalt. Er soll rund 100.000 Euro investiert und sich Einnahmen von bis zu drei Millionen Euro erhofft haben.
Hessenthalers Version, dass er das Video den deutschen Zeitungen gratis überlassen hat, erscheint daher fraglich.
Ein Klient des Wiener Anwalts war Straches ehemaliger Leibwächter. Er beschuldigte den früheren FPÖ-Politiker, regelmäßig Taschen voll Bargeld erhalten zu haben. Davon machte er auch Fotos. Weil Strache aber nicht belangt wurde, entstand die Idee, ihn in eine Videofalle zu locken. Hessenthaler wollte Strache „Korruption und Untreue nachweisen“.

Lohninger von epicenter.works ist überzeugt, „wären die Behörden schon 2015 den Hinweisen auf die Korrumpierung Straches so nachgegangen wie nun gegen Hessenthaler ermittelt wurde, hätte sich ein Ibiza-Video erübrigt.“
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