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Ausgabe Nr. 41/2021 vom 12.10.2021, Foto: smart.art - stock.adobe.com
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Von der Rübe zum Zucker in nur acht Stunden.
Königin des Ackers
Das frühere Luxusgut Zucker, das einst in Silberdosen aufbewahrt wurde, ist mittlerweile ein Grundnahrungsmittel und aus der Ernährung nicht mehr wegzudenken. Im Osten unseres Landes hat jetzt die Ernte der Zuckerrüben begonnen, die Produktion läuft Tag und Nacht.
Hohe Silos, die einen süßlichen Geruch verbreiten, ranken sich im niederösterreichischen Tulln und Leopoldsdorf in die Höhe. Es raucht und dampft jetzt 24 Stunden täglich und an sieben Tagen in der Woche. An den Annahmestellen warten vollbeladene Lastwagen und Güterzüge, um Berge von Zuckerrüben in die Fabrik zu bringen.

Von September bis Jänner läuft in unserem Land die „Zuckerkampagne“, also die Zeit, in der die Rüben zu kristallinem Zucker verarbeitet werden. Etwa 300 Fabriksarbeiter arbeiten in Tulln derzeit im Schichtbetrieb rund um die Uhr, um die schnelle Weiterverarbeitung zu ermöglichen. Dies ist notwendig, denn nach der Ernte verbrauchen die Rüben kontinuierlich einen Teil des gespeicherten Zuckers für ihren Stoffwechsel. Und so dauert es nur kurze acht Stunden, bis aus einer ungewaschenen Feldrübe schneeweiße Zuckerkristalle werden.

Ing. Lorenz Mayr aus Steinabrunn im Weinviertel ist Vizepräsident der niederösterreichischen Landwirtschaftskammer und einer jener rund 5.500 Landwirte, die den Agrana-Nahrungsmittelkonzern jährlich mit insgesamt 450.000 Tonnen Zucker aus drei Millionen Tonnen Rüben beliefern. Sein Arbeitsjahr beginnt im Gegensatz zu den Fabriksarbeitern jedoch schon Ende März mit dem Ausbringen des Saatgutes. „Pro Hektar werden etwa 110.000 Rübensamen in einem Abstand von 18 Zentimetern gesetzt. Je früher der Anbau, desto länger hat die Rübe Zeit, bis in den Herbst zu wachsen und ausreichend Zucker zu entwickeln“, erklärt der Landwirt. Denn ist die Rübe einmal geerntet, kann erst in vier bis sechs Jahren wieder auf der gleichen Fläche angebaut werden. Zudem ist die Zuckerrübe eine „Diva“ und stellt hohe Ansprüche an Boden und Klima, weshalb sie auch „Königin des Ackers“ genannt wird.

Zu heiß soll es nicht sein, dann wird die Wasserversorgung zur Herausforderung. Es soll aber auch nicht zu viel regnen. Und frostempfindlich sowie schädlingsanfällig ist die Rübe – die bei der Ernte ein Gewicht von etwa einem Kilo und einen Zuckergehalt von 15 bis 20 Prozent aufweisen soll – auch noch.
„Heuer hatten wir mit vielen Sonnenstunden im Herbst glücklicherweise beste klimatische Bedingungen. Die Zucker­rüben entwickelten sich prächtig und wir werden eine gute Ernte einfahren“, freut sich Lorenz Mayr.
Die bis zu 18 Meter langen, 30 Tonnen schweren und 600 PS starken Rübenroder drehen auch schon fleißig auf den Feldern ihre Runden.

„Alles funktioniert vollautomatisch. Die Maschine schneidet die Blätter ab, hebt die Rüben aus dem Boden heraus und befördert sie in den Ladebunker. Der Lenker übernimmt nur mehr die Kontrolle“, so Mayr.
In den Zuckerfabriken in Tulln und Leopoldsdorf läuft es ähnlich ab. An den mächtigen Maschinen ist selten jemand zu sehen. Sie werden von den Mitarbeitern über Monitore – bis zu zehn pro Mann – in der zentralen Leitstelle kontrolliert.
„Der erste Schritt der Verarbeitung ist das Waschen. Danach wird die Rübe mitsamt der Schale in Streifen zerkleinert, die sogenannten Rübenschnitzel. Diese werden dann mit Wasser erhitzt, wodurch sich der Zucker herauslöst und sich ein Rohsaft bildet“, erklärt der Rübenbauer.

Durch Reinigung und Filtration entsteht in weiterer Folge ein Dünnsaft, der sogleich in die Verdampfstation kommt. „Der Wassergehalt nimmt ab, der Zuckergehalt nimmt zu. Es entsteht Dicksaft“, erklärt Lorenz Mayr. Für die Kristallisation muss diese Flüssigkeit nun in großen Bottichen gekocht und unter Vakuum weiter eingedickt werden. Der zähe Saft schmeckt jetzt wie Zuckersirup, an eine Rübe erinnert er nicht mehr. In großen Zentrifugen werden abschließend die Zuckerkristalle vom Sirup getrennt und getrocknet.
Das Ergebnis ist jener reine, weiße Kristallzucker, von dem die Menschen in unserem Land jährlich zwischen 36 und 39 Kilo zu sich nehmen.
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