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Ausgabe Nr. 41/2021 vom 12.10.2021, Foto: Erni Mangold/privat
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Schauspielerin Erni Mangold erzählt ihr Leben in Bildern.
„Schminke hasste ich immer“
Sieben Jahrzehnte auf der Bühne, in Film und Fernsehen. Erni Mangold, 94, hat viel erlebt und viel gesehen. In ihrem Buch „Sagen Sie, was Sie denken“ gibt es nicht nur Erni Mangolds Jahrhundert-Leben zu entdecken, sondern auch die Geschichte eines Jahrhunderts.
Wenn mich etwas besonders ärgert, knalle ich das den Leuten ins Gesicht. Steht jemand vor mir, von dem ich weiß, dass er Schwierigkeiten im Leben hat, bin ich vorsichtiger. Trotzdem versuche ich, auch demjenigen tröpfchenweise die Wahrheit zu sagen“, beschreibt Erni Mangold ihre Gabe, unverblümt die Wahrheit zu sagen. Die zeichnet die Schauspielerin aus. Nicht umsonst heißt ihr eben erschienenes Buch „Sagen Sie, was Sie denken“ (ISBN 978-3-222-15078-4, Molden-Verlag).

Dass sie schlagfertig und gewissermaßen widerborstig ist, führt Mangold, am 26. Jänner 1927 als Ernestine Goldmann in Großweikersdorf (NÖ) geboren, darauf zurück, dass sie als „Wildfang“ im Gasthaus ihrer Großeltern aufgewachsen ist. „Meinem Vater verdanke ich, dass ich Schauspielerin geworden bin. Er, der mich mit Goethe und Rilke aufzog, musste mit Schrecken feststellen, dass das Landleben bei mir seine Spuren hinterließ. Ich zeigte Tendenzen zu einer gewissen Bäuerlichkeit, wollte Landwirtin werden und fühlte mich in meinem Schlurf-Dasein wohl“, erinnerte sie sich an ihre Kindheit. Auf dem Erstkommunionsfoto trägt „Erni“ weiße Söckchen. „Ich hasste Strümpfe und wehrte mich erfolgreich dagegen, sie anzuziehen. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, hält sie an ihrer Abneigung gegenüber Strümpfen fest.

Die kreative Ader kommt von den Eltern
Nicht nur das Ländliche, auch die kreative Ader kommt von den Eltern. Die Mutter wäre ohne familiäre Pflichten gerne Konzertpianistin geworden. Der Vater, im Brotberuf Lehrer, war Kunstmaler. Zu seinen Lieblings-Motiven zählte seine Tochter. Die umgibt sich in ihrem Haus in St. Leonhard am Hornerwald (NÖ), in dem sie seit 30 Jahren lebt, mit seinen Gemälden.
Der Vater war es, der das „Papa-Kind“ Erni dazu motivierte, sich als 15jährige am Max-Reinhardt-Seminar zu bewerben. „Das war 1942 und ich dachte, das sei ein geschütztes Refugium, dabei waren lauter Nazis dort“, sagt Mangold, deren Karriere während der Besatzungszeit Fahrt aufnahm. Mit 19 landete sie am Theater in der Josefstadt, wo sie fast zehn Jahre blieb. Bei ihrem Josefstadt-Debüt, im Stück „Pedro, Pablo und die Gerechtigkeit“ stand sie mit Gerhard Riedmann auf der Bühne. „Er ist der Grund für meinen Künstlernamen. Riedmann und Goldmann, das sei ein ,mann‘ zu viel, teilte mir der Direktor, Alfred Ibach, mit. Wir rätselten eine Weile. Ibach schlug ,Goldi‘, ,Golda‘, ,Golden‘ vor, Namen, die ihm selbst nicht gefielen. Plötzlich sagte er ,Mangold‘ – und das passte.“

Damals begann für die Büstenhalter-Verweigerin die Zeit der Freiheit. „Die Goldmanns haben sich nie untergeordnet. Diese Verrücktheit meiner Familie habe ich geerbt“, bezeichnet sie sich als Außenseiterin, die „irgendwann“ Helmut Qualtinger kennenlernte, womit das große Abenteuer begann. „Wir sind durch das zerbombte Wien flaniert, haben uns ausgezogen und sind nackt in den Brunnen gesprungen. Wir haben grauenhaft ausgeschaut.“ Gelebt habe sie von „fünf Grahamweckerln, sechs Wassereis und einem halben Liter grauslichen Wein am Tag“. Es sei aber nicht nur darum gegangen, sich die Hörner abzustoßen. „Wir hofften auf eine politische Veränderung. Wir Jungen wollten frei und unabhängig sein. Aber zwei, drei Jahre später waren die alten Nazis wieder da. Du warst nicht gefragt als junger Mensch, was eine ziemliche Enttäuschung war.“

Jung, schön und als "Sexerl" engagiert
Obwohl Mangold eine Karriere in den USA prophezeit wurde, wollte sie nicht dorthin. Zu ihren ersten Filmen gehörte „Abenteuer im Schloss“ (1952), der noch unter der sowjetischen Besatzungsmacht in den Wiener Rosenhügel-Filmstudios produziert wurde. 1955 ging sie nach Deutschland und spielte unter Gustaf Gründgens am Schauspielhaus in Hamburg. Drei Jahre später heiratete sie in Köln den Schauspieler Heinz Reincke, mit dem sie 20 Jahre zusammenblieb.

Parallel zu ihrer Theater-Laufbahn entwickelte sich auch eine Filmkarriere. Ihre wohl bekannteste Rolle spielte sie 1955 in O. W. Fischers Spielfilm „Hanussen“ (als Geliebte des Hellsehers). Mehr als 100 Film- und Fernsehproduktionen, darunter „Der Engel mit der Posaune“ (1948), Peter Patzaks „Kassbach“ (1979) folgten. Zu sehen war sie auch in Krimi-Reihen wie „Kottan ermittelt“, „Tatort“ oder „Kommissar Rex“.
Als junge Frau wurde sie oft, wie sie selbst sagt, als „Sexerl“ engagiert, die Schöne mit dem Sex-Appeal. Vor etwa 40 Jahren begann sie, Make-up zu verweigern. „Die Schminke hasste ich immer schon. Aber die Maskenbildnerinnen waren ganz stolz, wenn sie uns herrichteten wie amerikanische Schauspielerinnen.

"Ich habe gerne meine Ruhe"
Mit viel Paste und geklebten Wimpern – furchtbar. Ich habe eine ganz gute Haut und bin auch im Fernsehen und im Film nie geschminkt. Im Theater schminkte ich mir die Augen ein bisserl, schmierte was auf die Lippen, aber sonst schmier ich mir schon lange nichts mehr ins Gesicht.“
Umso wichtiger sind ihr Freundschaften. „Ich pflege Freundschaften, indem ich erlaube, mich zu besuchen. Jetzt, da ich so alt bin, erwarte ich mir das in gewisser Weise. Dann bin ich froh, wenn sie wieder gehen. Ich habe gerne meine Ruhe“, versichert sie.

Was es bedeutet, Freunde zu haben, erlebte sie in der Zeit, als sie aufgrund ihres Oberschenkelhalsbruches mehrere Monate in Spitälern und Reha-Kliniken lag. „Meine Freunde erstellten eine Liste, in der ausgemacht wurde, wann wer zu mir kommen durfte. Meine Bestellungen, hauptsächlich gesundes Essen und Bücher, gab ich am Tag davor auf. Das funktionierte unfassbar gut“, bedankt sie sich bei ihren Freunden.
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