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Ausgabe Nr. 38/2021 vom 21.09.2021, Foto: Alamy Stock Photo
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Regenwürmer leben gefährlich und stehen auf dem Speiseplan von vielen Vögeln.
In unseren Böden ist zu selten der Wurm drin
Ein an Regenwürmern verarmter Boden reagiert auf Regen wie ein verstopftes Sieb – es kommt nicht mehr viel durch. Die Folge dieser „Wurm-Armut“ sind zunehmende Überschwemmungen auch nach ganz normalen Starkregentagen. Die industrielle Landwirtschaft mit ihren großflächigen Monokulturen macht den nützlichen Bodenbewohnern aber nach wie vor das Leben schwer.
Bereits die alten Griechen wussten Regenwürmer als Bodenverbesserer zu schätzen und bezeichneten sie ehrfürchtig als „Eingeweide der Erde“. Auch die Ägypter maßen ihnen große Bedeutung zu und sprachen sie heilig. Königin Kleopatra soll sogar ein Verbot erlassen haben, Regenwürmer außer Landes zu bringen.
Doch heutzutage nehmen viele Menschen diese Tiere nur noch als Köder für Fische oder als Nahrungsquelle heimischer Vögel wahr. Die lichtscheuen Gesellen sind allerdings weit mehr als das. Vor allem, wenn es darum geht, wie viel Regen ein Boden aufnehmen kann.

„Hier spielen die kleinen Würmchen tatsächlich eine große Rolle“, weiß der Biobauer Sepp Braun aus Freising (D), auf dessen Feldern es von den glitschigen Kriechern geradezu wimmelt. „Während sich auf industriellen Betrieben höchstens 20 Regenwürmer pro Quadratmeter finden, tummeln sich bei mir rund 500“, erklärt der 61jährige. Und das hat den entscheidenden Vorteil, dass im Boden ein weitläufiges Röhrensystem entsteht, wodurch solche Erdflächen selbst große Regenmengen wie ein Schwamm aufsaugen und zurückhalten können.

Die Länge des Tunnelsystems der Würmer kann im naturnahen Acker pro Quadratmeter sogar bis zu einem halben Kilometer lang werden. Schon ein durchschnittlicher Bauernhof mit 45 Hektar Boden hat, wenn er seine Regenwürmer gut pflegt, ein Tunnelsystem in ungefähr der Länge des fünffachen Erdumfanges – also 225.000 Kilometer. Auf den Feldern von Sepp Braun konnte dadurch eine enorme Wasseraufnahme von 150 Litern pro Stunde und Quadratmeter gemessen werden. So viel Wasser kann demzufolge auf seinem Grund versickern, ohne oberirdisch abzufließen.

„Bei extremem Starkregen kann das darüber entscheiden, ob mein Acker überschwemmt wird oder eben nicht“, berichtet der Regenwurm-Bauer.
Damit sich seine nützlichen „Helferlein“ wohlfühlen, setzt Braun auf eine bodenschonende Bearbeitung und verzichtet auf Pestizide oder Stickstoffdünger. Wo Raps- oder Maisäcker hingegen „totgespritzt“ werden, wachsen keine Unkräuter mehr, deren abgestorbene Blätter zur Ernährung des Regenwurmes beitragen können. „Überhaupt bieten Monokulturen zu wenig Abwechslung beim Futter“, sagt Braun. Immerhin verzehrt ein Regenwurm pro Tag ungefähr die Hälfte seines Eigengewichtes und zieht bis zu einem Dutzend Blätter in seine Wohnröhre.

Die Ausscheidungen des Regenwurmes sind wiederum ein perfektes Mittel, um den Boden mit Nährstoffen zu versorgen. Doch um unter der Erde weiterzukommen, braucht der emsige Geselle ganz besondere Fähigkeiten. Schließlich ist er blind, taub und stumm. Auch Arme und Beine hat er nicht. Also bleiben ihm nur eine kräftige Muskulatur, mit der er das bis zu Sechzigfache seines Körpergewichtes stemmen kann.

Der Tauwurm – die bekannteste Regenwurmart in unserem Land – rammt sein Vorderende in den Boden und bläht dabei das erste Körpersegment auf. „Dadurch entsteht ein Loch, in das er sich weiter vorarbeiten kann. Der weiß-bläuliche Milchwurm hingegen frisst sich förmlich durch. Vorne Erde rein, hinten Dünger raus“, erklärt Zoologe Dr. Alexander Bruckner von der Universität für Bodenkultur in Wien. Einen besseren Untermieter auf dem Acker als den fleißigen Regenwurm können sich die Landwirte also gar nicht wünschen.

Nachtaktiver Vielfraß
Regenwürmer kommen überall vor, außer in eisbedeckten Gebieten und in vegetationslosen Wüsten. In unserem Land tummeln sich etwa 60 Arten, weltweit sollen es gar mehr als 3.000 sein.
Regenwürmer sind Zwitter und vermehren sich im Jahr nur mit einer Generation und maximal acht Kokons pro Tier. Sie leben etwa fünf bis acht Jahre.
Als Zersetzer kompostiert der Regenwurm in seinem Darm Pflanzen- und Tierreste und mischt sie mit feinen Mineralteilchen und Mikroorganismen zu Regenwurmkot.
Die glitschigen Kriecher fressen und graben ständig, wobei sie in der Nacht, der Dämmerung sowie im Frühling und Herbst am aktivsten sind.
Über den Tag verteilt verschlingt ein Regenwurm bis zur Hälfte seines Eigengewichtes. In einem Jahr produzieren Regenwürmer so 40 bis 80 Tonnen Kot pro Hektar.
Der Wurmkot ist ein perfekter Pflanzendünger. Er enthält fünf Mal mehr Stickstoff, sieben Mal mehr Phosphor und elf Mal mehr Kalium als die umgebende Erde.

Die Helden unseres Bodens
Der rötlich geringelte Kompostwurm ist mit drei bis 13 Zentimetern Länge etwas kleiner als der Tauwurm. Er kommt fast ausschließlich in Komposthaufen vor, denn er braucht zum Überleben Erde, die reich an organischem Material ist.

Am bekanntesten ist hierzulande der neun bis 30 Zentimeter lange Tauwurm, der an seinem rötlich gefärbten Vorderende und seinem blassen Hinterteil erkennbar ist.

Der drei bis 18 Zentimeter große Milchwurm – wie er wegen seines hell schimmernden Körpers genannt wird – ist der häufigste Regenwurm im bebauten Stadtgebiet. Kein Grünstreifen ist ihm zu minder.
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