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Ausgabe Nr. 38/2021 vom 21.09.2021, Foto: Jürgen Radspieler
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Die Familie Reiter. Senior-Chefin Elfriede, Klaudia und ihr Mann Alexander mit den beiden Kindern.
Geschäfte mit Geschichte Teil 1 – Hasenhaar macht den Hut leicht
Im Salzkammergut, da kann man nicht nur gut lustig sein, sondern auch wohl behütet. Denn in Bad Aussee werden in einem fast 500 Jahre alten Unternehmen nach alter Tradition Hüte geformt. Daran hatte schon Erzherzog Johann seine Freude.
Im Haus Bahnhofstraße Nummer 129 in Bad Aussee im steirischen Salzkammergut scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Zumindest, was die Fertigung der Produkte betrifft, die hier traditionell hergestellt werden.
„Wir produzieren mit fünf Hutmachern in reiner Handarbeit unsere beliebten Bad Ausseer Hüte. Außer dass sich die Bügeleisen jetzt elektrisch aufheizen, und nicht mehr auf eine heiße Herdplatte gestellt werden müssen, hat sich in fast 500 Jahren nichts geändert. Wir benutzen nach wie vor keine Maschinen und verwenden als Rohmaterial keinen Pappendeckel oder Kunsthaar, sondern ausschließlich Schafwolle oder Kaninchenhaar“, berichtet Alexander Reiter. Der 52jährige führt mit seiner Frau Klaudia heute den traditionsreichen Betrieb, dessen Hüte weit über unsere Landesgrenzen hinaus bekannt und begehrt sind. Der „Terminator“ Arnold Schwarzenegger ziert damit sein Haupt ebenso wie Caroline von Monaco, der ehemalige Tennisspieler Boris Becker und unsere einstige Miss World Ulla Weigerstorfer.

Eine Urkunde, die im Kammerhofmuseum in Bad Aussee aufbewahrt wird, belegt, dass im Jahr 1532 der „Huetterer“ Jörg Leeb das Hutmacher-Handwerk ausgeübt hat. „Doch niemand weiß genau, wie lange zuvor das Hutmachergewerbe in diesem traditionsreichen Hause gepflegt wurde. Belegt sind jedoch noch mehrfache Besitzerwechsel“, sagt Reiter. Und die haben dem Hut ihren Stempel aufgedrückt.
Der steirische Erzherzog Johann gilt ja als „Entdecker“ des Ausseerlandes. Er kam oft zum Wandern und fand dort die Liebe zur Postmeister-Tochter Anna Plochl. Bei ihrer ersten Begegnung war der Adelige 37 Jahre alt, das bürgerliche Mädchen süße 15. Das war im Jahr 1819, als der Erzherzog von einer Wanderung zurückkehrte. Die Liebe war stark, doch die beiden mussten zehn Jahre warten, ehe sie sich das Jawort geben durften.

Es gibt keinen schöneren Anlass, als diese Hochzeit mit einem Erzherzog-Johann- und einem Plochlhut zu würdigen. Sie werden noch heute erzeugt und getragen. Im Jahr 1873 erschuf dann der aus Judenburg (Stmk.) stammende Hutmacher Ferdinand Reiter den bis heute bestehenden „Ausseer Hut“ mit dem charakteristischen schwarzen Stumpen aus Kaninchenhaar und dem dunkelgrünen Seidenband. Später, in den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges, fand der Betrieb beinahe sein Ende, weiß der heutige Besitzer.
„Die 40er und folgenden Jahre im vorigen Jahrhundert waren die schwierigsten. Mein Großvater arbeitete schon vor dem Weltkrieg als Geselle in der Firma. Der damalige Eigentümer August Peischl, der 1939 das Haus und Geschäft von den Reiter-Enkerln gekauft hat, fiel im Krieg und es fanden sich keine Nachfolger. Im Jahr 1960 übernahm schließlich mein Großvater, Franz Leithner, natürlich fast mittellos, die Firma. Die Tilgung zog sich bis in meine Generation.“

Alexander Reiter ist seit 25 Jahren als Hutmacher-Meister im Unternehmen tätig ist und hat die Leitung im Jahr 2010 von seiner Mutter Elfriede übernommen. Er weiß mit den Kunden umzugehen, denn individuell sind alle Modelle. „Wir legen besonderen Wert auf persönliche Beratung, nicht nur bei unseren 200 Musikvereinen oder Trachtenkapellen, die wir mit unseren Hüten ausstatten, sondern auch bei jeder einzelnen Kundschaft. Gemeinsam entscheiden wir, ob es zum Beispiel ein angenehm zu tragender Modehut, ein traditioneller Ausseerhut oder ein äußerst robustes Jagdmodell sein soll.“ Ihr Erfolgsmodell gibt ihnen Recht.
„Wir folgen nicht dem Modernisierungstrend hin zum Sparprodukt, sondern fertigen weiterhin Hüte mit besten Materialien in reiner Handarbeit.Ein Hut, oder vielmehr das Ausgangsprodukt, der ,Stumpen‘, wird aus Hasenhaar oder Schafwolle gewalkt. Der Haarhut ist leichter und feiner als der Lodenhut. Das Hasenhaar kommt zum überwiegenden Teil aus Australien. Von dort werden die Haare nach Europa in diverse Stumpenfabriken geliefert und dort angefertigt. Die Hutstumpen werden in gewünschter Farbe und Größe bei diesen Firmen bestellt. Ein normaler Damen- oder Herrenhut wiegt in einer stabilen Qualität etwa 130 Gramm.“
Bei jedem Modell sind Kopfgrößen von 54 bis 62 erhältlich, Sonderformen gibt es bis Kopfgröße 66. Um den Hüten ihre Form zu geben, werden sie mehrfach mit Dampf behandelt, getrocknet und mit der Bürste geglättet. Zum Schluss wird der „Dreispitz“ oder der Schlitz eingebügelt und der Rand geformt.

„Vollendet wird der Hut in der Näherei mit einer sogenannten Garnierung. Ein Schweißband aus Leder oder Stretchstoff für innen, Seiden- oder Ripsbänder und Schnüre in unterschiedlichen Qualitäten sorgen außen für ein gefälliges Aussehen“, erklärt Klaudia Reiter.
Ob Kirchgang, Volksfest oder für die Arbeit – der Ausseerhut ist ein fester Bestandteil der Bekleidung. „Ja“, meint Alexander Reiter schmunzelnd, „unsere Hüte sind unentbehrlich.“
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