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Ausgabe Nr. 37/2021 vom 14.09.2021, Fotos: Ueberreuter, Milenko Badzic / First Look / picturedesk.com
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Tragikomiker Erwin Steinhauer im Kult-Film „Single Bells".
„Das kann nicht alles gewesen sein“
Der Schauspieler, Kabarettist und Sänger Erwin Steinhauer feiert am 19. September den 70. Geburtstag. Er begeistert das Theater- und Fernsehpublikum gleichermaßen. Dem Älterwerden blickt der ordnungsliebende Künstler gelassen entgegen. Im Filmgeschäft tritt der werktätige Pensionist leiser. Dafür macht er mit seiner Band Musik, pflegt einen gesünderen Lebensstil und fährt gerne mit dem Rad.
Wenn das Kinopublikum alle deine Goldplomben gesehen hat, dann hast du zu viel gespielt“, sagt Erwin Steinhauer. Damit meint er, dass die Anforderungen bei Film und Theater völlig unterschiedlich sind. Während die Theaterbühne große Gesten und Mimik verlangt, gilt vor der Kamera im Regelfall der Grundsatz „Weniger ist mehr“.

Der am 19. September 1951 geborene Wiener kann beides. Am Theater, im Film und Fernsehen ist es Steinhauer schon in jungen Jahren gelungen, in die Oberliga vorzustoßen. „Das verdankt er neben dem schauspielerischen Talent seiner Musikalität, dem Einfühlungsvermögen und seinem Ordnungssinn“, schreibt Fritz Schindlecker im neuen Buch „Erwin Steinhauer – Der Tragikomiker“ (Verlag Ueberreuter, 25 Euro). „Ich bin tatsächlich wahnsinnig ordnungsliebend, ich bin eine Jungfrau und mag‘s nicht, wenn‘s ausschaut. Wenn ich koche, bin ich ständig am Abwaschen und Putzen“, bestätigt Steinhauer, um gleichzeitig zu betonen, kein Astrologie-Gläubiger zu sein, „denn das sind Jungfrauen nie“.

Mit derselben Akribie, mit der er seine Wohnung in Wien-Sievering in Ordnung hält, verfolgte er schon als 17jähriger Maturant sein einziges Berufsziel. „Ich wollte nie etwas anderes als Schauspieler werden. Auf Wunsch meines Vaters, er war Zeichner und Maler in der Meisterklasse der Kunstakademie und im Brotberuf Feuerwehrmann, begann ich ein Geschichte- und Germanistik-Studium. Mein Vater wusste, wie unsicher das Künstlerleben sein kann. Deshalb meinte er, ich solle etwas Bürgerliches machen und Lehrer werden“, erzählt Steinhauer. Das Studium vollendete er nicht. Dafür gründete er 1974 mit Wolfgang A. Teuschl, Erich Demmer, Alfred Rubatschek und Erich Bernhardt das Kabarett Keif. Steinhauer war neben Lukas Resetarits, der ein Jahr später zur Keif-Gruppe stieß, einer der Pioniere des neuen heimischen Kabaretts. Legendär sind die Programme „Zement, Zement, das Hütlein brennt!“, „999 Jahre Österreich sind genug“ oder „Heute Sautanz!“ im Schlachthof St. Marx in Wien.

Am Burgtheater (von 1982 bis 1988) spielte Steinhauer Helmut Qualtingers „Herrn Karl“, zwischen 1995 und 1998 verkörperte er bei den Salzburger Festspielen im „Jedermann“ die Rolle des Mammon. Steinhauer wirkte darüber hinaus in zahlreichen Filmen und Serien mit, unter anderen in „Die Alpensaga“ (1977), „Der Sonne entgegen“ (1985) und den kultigen Komödien „Single Bells“ (1997) sowie „O Palmenbaum“ (2000).

Als „Simon Polt“ ermittelte er von 2000 bis 2003, in der Film-Trilogie „Brüder“ (2002 bis 2006) spielte er an der Seite von Wolfgang Böck und Andreas Vitasek. In der erfolgreichen Fernsehreihe „Die Toten von Salzburg“ (Samstag, 18.9., 20.15 Uhr, ORF 2) mimt er den Hofrat Seywald.

„So stark im Filmgeschäft wie früher bin ich nicht mehr. Im Jahr komme ich auf etwa 15 Drehtage. Am Theater spielte ich bis zu 250 Vorstellungen im Jahr, bis ich mir dachte, das kann nicht alles gewesen sein“, sagt der Künstler. Umso mehr macht es ihm Spaß, mit seiner Band aufzutreten. „Ich habe das Glück, mit den wunderbaren Musikern Peter Rosmanith, Georg Graf und Joe Pinkl zu spielen. In ,Alles Gute‘, meinem Geburtstagsprogramm (Termine unter www.allesgute.at), arrangieren wir alte ,Hadern‘ aus den 70er und 80er Jahren neu. Ab Ende Oktober geht es in St. Pölten (NÖ) los, dann treten wir im Globe-Theater in Wien auf. Ich bin gespannt, ob wir die riesige Halle füllen werden“, sagt Steinhauer, dem gerade als Jubilar gehuldigt wird. Was ihm fast peinlich sei, denn mit Lob und Anerkennung könne er weniger gut umgehen als mit Kritik und Streit, meint Steinhauer.

Überzeugt davon, dass aus der Disharmonie viel mehr entsteht als aus Harmonie-Gefasel, betrachtet sich der dreifache Vater „familientechnisch“ als gescheitert. Tochter Iris (geb. 1978) und Sohn, Schauspieler Matthias Stein (geb. 1980), sind ebenso mit getrennten Eltern aufgewachsen wie der „Nachzügler“ Stanislaus (geb. 2000), sein gemeinsamer Sohn mit der ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner.

Die „Lockdown“-Phasen hat er sich mit Radfahren, Lesen und Spaziergängen im Wiener Prater vertrieben. „Um meine Tochter zu unterstützen, habe ich mehr Zeit als sonst mit meinem Enkerl Leon verbracht. Meine beiden anderen Enkelkinder leben in Zürich (Schweiz), die sehe ich selten. Ich war ein besserer Vater, als ich Großvater bin, weil ich ja noch immer arbeite“, sagt Steinhauer, „allerdings viel gelassener als in der Jugend. Da strotzte ich vor Kraft und Energie. Im Alter bin ich mit den einfachen Sachen zufriedener. Was ich arbeite, wähle ich ganz genau aus. Ich beziehe eine Pension, von der allein ich aber nicht leben könnte. Deshalb bin ich ein werktätiger Pensionist, was doch wunderbar ist, weil es mich jung hält“, ist er überzeugt. „Ansonsten versuche ich, mit den Einschränkungen, die das Alter unweigerlich bringt, umzugehen. Als Verweser meiner selbst, der ich bin, bemühe ich mich, die Verwesung durch einen gesunden Lebenswandel ein bisschen hinauszuschieben“, bringt er seine Strategie auf den Punkt.
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