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Ausgabe Nr. 37/2021 vom 14.09.2021, Foto: Starpix / picturedesk.com
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„Mir hat vor meinem Vater gegraust“
Dolores Schmidinger taucht in die (Un-)Tiefen ihrer Familiengeschichte ein. Ihr Roman „Hannerl und ihr zu klein geratener Prinz“ erscheint zu ihrem 75. Geburtstag. Für ihren rauen Humor bekannt, entlarvt die Komödiantin in ihrer „Familienaufstellung“ eigenwillige Charaktere und spricht offen über ein Kindheitstrauma, das ihr (Liebes-)Leben prägte.
Frau Schmidinger, gut steht Ihnen die extravagante rote Brille …

Danke, ich habe mir mein Leben lang außergewöhnliche Fetzen und Accessoires gekauft, weil ich nie so aussehen wollte wie alle anderen. Den Pulli, den ich anhabe (Anm.: kleines Bild), habe ich mir 1978 gestrickt. Stricken war viele Jahre lang mein Hobby, jetzt nicht mehr, wobei ich aber nie Hoserln für meine Enkerl gestrickt habe. Ich habe nur deshalb zu stricken begonnen, weil es in den 70er und 80er Jahren keine schicken Strickwaren zu kaufen gab. In Strickheften habe ich dann ein paar lustige, ausgefallene
Modelle gefunden.

Warum haben Sie sich von Ihren
roten Haaren verabschiedet?
Ich habe in den 90ern mit Henna gefärbt, dann, als der Grauanteil stärker wurde, kam die Chemie dazu. Und jetzt tue ich mir die Färberei einfach nicht mehr an, ich bin „natur“. Außerdem kommt das Haarefärben eh immer mehr aus der Mode. Im Gesicht lasse ich mir auch nichts mehr machen. Bitte, was will ich noch mit 75? Ich war ja früher öfters beim Worseg (Anm.: Schönheitschirurg Artur Worseg). Was der machte, hat bis jetzt gut gehalten, ich bin zufrieden.

Sind Sie auch mit Ihrem neuen Buch zufrieden? Das liest sich wie eine „Familienaufstellung“ …
Ja, es ist eine Art Familienaufstellung, in deren Mittelpunkt das Leben meiner Mutter steht. Johanna war ein unerwünschter, unehelicher Balg, ein Bastard, wie man damals sagte. Vielleicht war ja meine Großmutter deshalb vor allem so „unzärtlich“ zu meiner Mama.

Wie kamen Sie zu dem Titel „Hannerl und ihr zu klein geratener Prinz“? War Ihr Vater Ihrer Mutter unterlegen?
Geistig auf jeden Fall. Meine Mutter hat aber das traditionelle Frauchen gespielt. Als mein Vater, er war Opernsänger, berühmt wurde, hat sie sich ihm leider untergeordnet. Obwohl meine Mutter für damalige Zeiten sehr berufsorientiert war. Als Mann hätte sie sicher eine steile Karriere hingelegt.

Entlang der Lebenslinien Ihrer Eltern und Großeltern tauchen Freigeister, Revoluzzer, Erz-Katholiken und Mitläufer in Ihrem Buch auf. Wie war das für Sie?
Für mich als Satirikerin ist es immer ein gefundenes Fressen, Menschen so bizarr zu beschreiben, wie sie tatsächlich sind. Ich schreibe ja nicht gefühlsduselig, sondern bin richtig bös‘ zu den Leuten.

Zum Fürchten böse?
Ich bin gefürchtet dafür, jedem die Wahrheit zu sagen. Wahrscheinlich habe ich auch deshalb so manche Barrieren erlebt. Als ich einmal im ORF offen über Sado-Maso sprach, wurde ich gleich gestrichen. Verlogenheit mag ich halt nicht. Als ich mir das Gesicht richten ließ, was damals schon viele machten, und sagte, dass mein Aussehen nicht nur das Ergebnis von Wassertrinken und frischer Luft war, war ich die einzige, die das zugegeben hat. Zehn Jahre lang wurde ich auf meine Schönheitsoperationen angesprochen. Aber das ist ja nun Gott sei Dank vorbei.

Womit haben Sie noch friedlich abgeschlossen?
Ich habe die Männer aus meinem Schädel raus. Ich war viermal verheiratet, bin beziehungsunfähig, weil alles nach meinem Schädel gehen muss. Und ich bin trockene Alkoholikerin. Ich hatte eine hervorragende Therapeutin, als ich mit 45 feststellte, dass ich nicht lebenstauglich bin. Hätte ich die Therapie nicht gemacht, wäre dieses Buch, in dem ich natürlich ein paar Namen ändern musste, gar nicht entstanden. Erst die Therapeutin ist auf den Missbrauch durch meinen Vater gekommen. Bis dahin konnte ich die Zeichen nicht deuten. Mein Vater war keineswegs ein moderner Mann, was ich lange glaubte. Erst mithilfe der Therapie ging mir ein Licht auf. Endlich wusste ich, warum ich so eine Abscheu vor ihm hatte. Und warum ich mir immer Männer suchte, die mich schlecht behandelten. Mein Vater hat mir mein Liebesleben versaut.

Haben Sie es geschafft, Ihrem Vater zu verzeihen?
(Lange Pause) Nein, weil er für mich immer sonderbarer geworden ist. Mir hat gegraust vor meinem Vater.

Hat Ihre Mutter gar nichts mitbekommen?
Aufgrund des Lebens meiner Mutter, über das ich im Buch erzähle, lässt sich für mich vieles erklären.

Was bedeutet Ihnen der Begriff „Familie“?
Ich sehe mit Freude, dass meine beiden Töchter Therese und Sophie ausgezeichnete Beziehungen haben. Deren Männer kümmern sich auch um die Kinder und helfen im Haushalt mit. Und ich freue mich, fünffache Oma zu sein.

Wie dürfen wir uns die „Oma Dolly“ vorstellen?
Als Komödiantin, die ich bin. Meine fünf Enkerl mögen meinen abstrakten Humor. Sie lachen, wenn ich sie frage, ob ich sie „Känguru“ nennen darf, oder, wenn ich ihnen Lieder aus den 20er Jahren vorsinge, weil die Texte natürlich lustig sind.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Rolle der Frauen verändert?
Sie studieren zwar, absolvieren ihre Master-Titel und alles Mögliche, machen sich aber immer noch zur kleinen Barbie-Puppe, die der Tod des Feminismus ist. Ich machte einschlägige feministische Erfahrungen, als ich für Johanna Dohnal, unsere erste Frauenministerin, arbeitete. Mit der Kampagne „Töchter können mehr“ begann meine Kabarett-Karriere. Ich spielte die Friseurin, die keine Arbeit mehr bekam, als sie schwanger war, und eine alte Genossin, eine Oma, die aufgeklärter war als ihre spießige Enkelin. Ich wollte mich aber nie einer Frauengruppe anschließen. Mir war bereits in den 60er Jahren unverständlich, warum mir Männer, den Sessel unter den Hintern schoben oder mir in den Mantel halfen. Ich habe dann zu ihnen gesagt, „Hilf lieber deiner Frau beim Geschirrabwaschen.“ Aber ich war halt immer schon anders.
Zur Person
Dolores „Dolly“ Schmidinger wurde am 21. September 1946 in Wien geboren. Während ihrer Lehre zur Kosmetikerin absolvierte sie die Schauspielschule Krauss.

1964 stellte sie in Gerhard Bronners Kabarett-Theater am Kärntnertor ihr komödiantisches Talent unter Beweis. Am Wiener Volkstheater gehörte sie dem Nestroy-Ensemble unter Gustav Manker an.

Mit den Kabaratt-Programmen „Die nackte Matrone“ und „Domina im Ausverkauf“ sowie ihrem Büchern „Raus damit!“ und „Ich hab sie nicht gezählt“ untermauerte Schmidinger, die sich seit Jahren gegen Gewalt engagiert, ihren Status als Tabubrecherin.

Die in Wien-Ottakring lebende vielseitige Künstlerin war vier Mal verheiratet, hat zwei Töchter, Therese, 42, und Sophie, 39, und fünf Enkelkinder.
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