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Ausgabe Nr. 36/2021 vom 07.09.2021, Fotos: Ingo Pertramer, Elke Mayr
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Barbara Blaha, Dénes Kucsera
Brauchen wir Vier-Tage-Woche bei gleichem Lohn?
Im Jahr 1975 wurde hierzulande die 40-Stunden-Woche eingeführt. Von dieser „Normalarbeitszeit“ geht der Gesetzgeber nach wie vor aus, auch wenn in manchen Branchen 38,5 Stunden oder weniger gelten. Wer „voll“ arbeitet, tut das meistens an fünf Tagen pro Woche. Doch immer öfter wird eine Arbeitszeitkürzung gefordert, auch vom sozial-ökologischen „Momentum Institut“.
Bei der wirtschaftsliberalen „Agenda Austria“ stößt das auf wenig Gegenliebe.
JA:
Barbara Blaha,
Leiterin des „Momentum Instituts“

„Wir werden immer produktiver: In der gleichen Zeit schaffen wir mehr als früher. Dank des technologischen Fortschrittes ist heute erledigt, was uns früher Stunden gekostet hätte. Für unsere Großeltern war es noch selbstverständlich, dass dieser Fortschritt an sie weitergegeben wurde. Einerseits durch höhere Löhne, andererseits durch kürzere Wochenarbeitszeit. Doch seit Jahrzehnten wurde unsere Arbeitszeit nicht mehr verkürzt, digitale Revolution hin oder her. Bei jeder Arbeitszeitverkürzung prophezeiten Unternehmen den Untergang des Wohlstandes. Eingetreten ist immer das Gegenteil. Unser Wohlstand wuchs weiter, die Gewinne der Unternehmen sprudelten. Wir wissen aus der Forschung: Wer weniger arbeitet, ist gesünder, glücklicher und besser in seiner Arbeit. Eine 40-Stunden-Woche ist neben kleinen Kindern nicht zu stemmen. Selbst wenn man wollte, es fehlt landauf landab an Kindergartenplätzen. Frauen wechseln also in Teilzeit und zahlen den Preis: ein niedriges Gehalt und später eine winzige Pension. Eine Vier-Tage-Woche bei gleichem Lohn würde Familien helfen. Sie wäre auch im Sinne der Österreicher, die sich laut Umfragen deutlich kürzere Arbeitszeiten wünschen.“

NEIN:
Dénes Kucsera,
Denkfabrik „Agenda Austria“

„Es spricht nichts dagegen, dass Unternehmen freiwillig die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter verkürzen. Wenn die Produktivität dadurch steigt, werden Unternehmen das ohnehin anbieten. Wenn die Produktivität aber nicht mithält, wird die Produktion teurer. Entweder zahlen wir dann höhere Preise oder kaufen Produkte aus dem Ausland. Arbeitslosigkeit lässt sich so nicht bekämpfen. Schon heute haben wir viele offene Stellen, trotz hoher Arbeitslosigkeit. In der jetzigen Phase Arbeitskosten zu erhöhen, wäre ein fatales Signal. Staaten sind noch nie mit weniger Arbeit aus einer Krise gekommen. Besser wäre es hier, neue Arbeitsplätze zu fördern. Der Staat sollte Anreize für Unternehmen setzen, wieder neue Arbeitsplätze zu schaffen. So ließe sich die Beschäftigung beispielsweise mit einer Senkung der Sozialversicherungsbeiträge für Neueinstellungen erhöhen. Eine Reduktion der Abgaben verringert die Kosten für den Arbeitgeber, ohne dass die Kaufkraft des Arbeitnehmers sinkt. Hier gibt es ein Positivbeispiel: In Schweden führte eine solche Reform zu einer höheren Beschäftigung und höheren Löhnen.“
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