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Ausgabe Nr. 29/2021 vom 20.07.2021, Fotos: guinessworldrecords.com, loisgibson.com
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Lois Gibson bei ihrer Arbeit.
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Der dank Gibsons Kunst verhaftete Sexualstraftäter Dennis Bradford.
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Das Phantombild der Leiche eines Kleinkindes führte zur Verhaftung der Eltern, die das Kind ermordeten.
Strich für Strich zum Täter
Wer von Verbrechensbekämpfung hört, denkt an Pistolen und Handschellen. Lois Gibson aus Houston (US-Staat Texas) bekämpft Kriminelle mit Pinsel, Pastellfarben und Einfühlungsvermögen. Und das höchst erfolgreich. Die mittlerweile 71jährige ist die erfolgreichste Phantomzeichnerin der Welt.
Es ist eine Tatsache, dass sich kein Verbrechensopfer oder Zeuge eines Verbrechens gut daran erinnern kann, was geschehen ist. Ich sitze also dort mit jemandem, der gerade die schlimmste Zeit seines Lebens durchmacht und muss ihn dazu bringen, sich an Dinge zu erinnern, die er am liebsten vergessen würde“, sagt Lois Gibson. Doch sie ist auf eine möglichst exakte Beschreibung des Täters angewiesen. Denn nach den Erinnerungen der Zeugen und Opfer fertigt die 71jährige seit 40 Jahren Phantomzeichnungen an. Bei der Befragung der traumatisierten Menschen zeigt sie besonderes Einfühlungsvermögen, weil sie deren Gefühlswelt aus eigener Erfahrung kennt.

„Die Opfer wollen nicht wie Opfer behandelt werden. Also behandle ich sie nicht so. Ich bringe sie zum Lachen und lasse sie wissen, dass ich verstehe, wie sie sich fühlen“, verrät die Amerikanerin ihr Erfolgsrezept. „Ich bekomme sofort eine Verbindung zu ihnen. Und wenn sich Menschen entspannt fühlen, erinnern sie sich auch besser.“

Gibson muss das Mitgefühl für die Opfer nicht vortäuschen. „Im Grunde bin ich Phantomzeichnerin geworden, weil jemand vor langer Zeit versucht hat, mich umzubringen“, sagt sie mit ernster Miene. Dieser Angriff ereignete sich, als sie als junge Tänzerin im Jahr 1972 nach ihrem Auftritt der Show „The Real Don Steele“ in Los Angeles (USA) in der Nacht zu ihrer Wohnung ging. „Ich spürte einen Schlag von hinten und fiel zu Boden. Dann umfassten Hände meinen Hals und würgten mich. Als der Täter mich vergewaltigte, sah ich in sein Gesicht – er lachte. Es machte ihm Spaß, mich leiden zu sehen“, erinnert sich Gibson. „Dass ich bewusstlos wurde, rettete mir das Leben. Er dachte wohl, ich sei tot.“ Als junger Frau war ihr der Übergriff so peinlich, dass sie ihn nicht der Polizei meldete. Sie bekam Depressionen, dachte an Selbstmord. „Nur der Gedanke an Gerechtigkeit war stärker als mein Wunsch zu sterben.“

Sechs Wochen danach ereignete sich etwas, das sie als Wunder bezeichnet. „Ich fuhr mit dem Auto ziellos herum, als ich auf einem Hügel ganz schwach den Schein von Einsatzlichtern der Polizei sah. Ich weiß nicht warum, aber etwas trieb mich, dorthin zu fahren.

Durch Gibsons Zeichnungen begannen harte Zeiten für Kriminelle
Ich dachte mir noch: ‚Warum mache ich so einen Blödsinn?‘“, berichtet Gibson. Auf der Spitze des Hügels angekommen, wusste sie warum. „Es dauerte nur eine halbe Sekunde, um zu erkennen, was los war“, sagt sie. „Ein Mann war von Polizisten umringt. Er wurde gerade verhaftet – und sie gingen äußerst aggressiv mit ihm um. Als ich sein Gesicht sah, erkannte ich, dass es mein Peiniger war. Ich sah Gerechtigkeit und es war ein schöner Anblick. Es war ein Wunder. Deshalb mache ich jetzt diese Arbeit.“ Doch Phantomzeichnerin zu werden, ging nicht über Nacht. Gibson machte einen Abschluss in Kunst, zog nach San Antonio (US-Staat Texas) und verdiente ihr Geld mit Skizzen von Touristen. „Es war hart, aber eine gute Schule. Ich zeichnete sicher mehr als 3.000 Porträts.“

Im Jahr 1989, 17 Jahre nach ihrer Vergewaltigung, Gibson lebte mittlerweile in Houston (Texas) und war zu Besuch bei einer Freundin, sah sie im Fernsehen einen Bericht über eine Tanzlehrerin, die vor den Augen ihrer Schüler vergewaltigt wurde. Es gab kein Foto des Verdächtigen. „Ich wurde fast hysterisch“, sagt Gibson. „Ich erlebte sofort meinen Angriff noch einmal und plötzlich war es, als ob eine Glühbirne ausging. ‚Ich kann den Kerl zeichnen‘“, sagte ich. Sie kontaktierte die örtliche Polizei und umriss den Service, den sie anbot. „Doch Polizisten sind von Natur aus skeptisch. Sie lachten über mich, manche waren sogar beleidigend. Aber ich durfte mit dem Opfer sprechen und eine Zeichnung des Vergewaltigers anfertigen. Natürlich ohne Bezahlung.“ Drei Tage später erhielt sie einen Anruf von der Abteilung. „‚Du hast es geschafft, Mädchen‘, sagte einer der Beamten. ‚Wir haben ihn wegen deiner Skizze gefunden.‘ Eine Woche später wurde ich Vollzeit eingestellt.“

Damit begannen harte Zeiten für Kriminelle. „Im Schnitt hat jede dritte Skizze von mir ein Verbrechen aufgeklärt“, weiß Gibson. 751 Mörder, Räuber, Entführer und Vergewaltiger konnten dank ihr identifiziert werden. Das brachte ihr einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde für die meisten Verbrecher, die aufgrund der Kunst eines Phantomzeichners überführt wurden. „Als ich feststellte, dass mit einer Skizze Gauner dingfest gemacht werden, wurde ich süchtig danach. Ich werde nie aufhören, mit meiner Kunst Kriminelle zu fangen“, sagt Gibson.
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