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Ausgabe Nr. 27/2021 vom 06.07.2021, Fotos: stock.adobe.com/Firma V,stock.adobe.com/schankz
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Unternehmen geben sich umweltfreundlich und versprechen:
Das Grüne vom Himmel
In Zeiten des Klimawandels verpassen sich Konzerne gerne einen „grünen“ Anstrich. Sie versuchen, sich und ihre Produkte als nachhaltig darzustellen. Meist präsentieren sich Firmen aber umweltfreundlicher, als sie wirklich sind.
Wir freuen uns, dass Sie sich für Verbund entschieden haben und damit für klimaneutrales Gas.“ Dieser Satz auf der Rechnung des Energieanbieters machte Kunden stutzig. Der fossile Energieträger Gas kann doch schwer klimaneutral sein, zumal durch die Verwendung klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) emittiert wird.
„Dahinter steckt ein Taschenspieler-Trick, genannt CO2-Kompensation“, erklärt Raphael Fink vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). „Das beworbene Gas ist kein erneuerbares Gas, für dessen Erzeugung etwa Abfälle der Land- und Forstwirtschaft genutzt werden. Nein, es ist ganz normales Erdgas, aus Russland oder sonst woher. Es soll deshalb klimaneutral sein, weil die klimaschädlichen Emissionen ­andernorts ausgeglichen werden. Und zwar durch ‚Förderung und den Ausbau erneuerbarer Energien‘, wie der Verbund kommuniziert. Das ist grundsätzlich legal und auch bekannt, etwa von Flugreisen. Aber eben kritisch zu hinterfragen“, ist Fink überzeugt.
Die Experten des VKI haben es immer wieder mit solchen Fällen zu tun. Fink weiß, „dass immer mehr Konsumenten nach ökologisch und ethisch korrekt erzeugten Produkten fragen. Für Unternehmen ist es also wichtiger denn je, sich im richtigen, also grünen Licht zu präsentieren.“ Juristisch ist gegen „Grünfärberei“ aber nur schwer anzukommen. Denn ein Gesetz gibt es nicht.

EU arbeitet an Richtlinie
Die EU arbeitet jedoch an einer Richtlinie, die Firmen zwingen soll, ihre Aussagen etwa durch Öko-Bilanzen zu belegen. Gegebenenfalls sollen sie für die Schönfärberei zur Rechenschaft gezogen werden. Fink hält eine gesetzliche Regelung für längst überfällig, bleibt aber skeptisch. „Damit wird man nicht jede ‚Grünfärberei‘ lösen.“ Sie zieht sich durch etliche Branchen. Gerade in der Textilbranche haben die Menschen ein starkes Bewusstsein für nachhaltige Mode entwickelt.
Dann wären da die Elektronikbranche und der Energiesektor. Laut einem Report der Umweltschutzorganisation Global 2000 betreiben vier von fünf heimischen Energieversorgern in irgendeiner Art „Grünfärberei“.

McDonald's' grüne Schminke
Und auch große Restaurantketten wollen nicht hintanstehen. McDonald‘s hat bereits vor Jahren die Grundfarbe seines Logos von Rot auf Grün umgestellt, um umweltfreundlicher zu wirken. Zwar gibt es Bestrebungen, den Papier- und Plastikmüll zu reduzieren, jedoch verursachte das Unternehmen zuletzt etwa 50 Tonnen Abfall jährlich pro Filiale. Zudem treibt McDonald‘s die globale Tierhaltung an. Sie ist eine der größten Ursachen der Klimakrise.
Auch das Essen selbst passt wohl kaum zum auferlegten Profil. Schon ein kleines McDonald‘s-Menü mit einem „Big Mac“-Burger, mittleren Pommes frites und einem Becher Cola bringt es auf mehr als 1.000 Kilokalorien. Bei einer Hühnerschnitzel-Semmel ist es nicht einmal die Hälfte. Mit nur einer Mahlzeit hat ein Kind oft schon den Zuckerbedarf von fünf Tagen abgedeckt. Mit fatalen Folgen für die Gesundheit. Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes können die Folgen sein.

"Grüne" Billigfluglinie
Als Parade-Beispiel für „Grünfärberei“ gilt auch die ungarische Billigfluglinie „Wizz Air“. Sie will „Europas Fluglinie mit dem kleinsten CO2-Abdruck“ sein. Verwunderlich, zumal der globale Flugverkehr, je nach Studie, für geschätzt 3,5 bis acht Prozent des menschengemachten Klimawandels verantwortlich gemacht wird. Rund 33 Milliarden Tonnen des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid (CO2) soll die Flugbranche in den vergangenen 80 Jahren emittiert haben. Die Hälfte davon in den vergangenen 20 Jahren, in denen auch die Billigfluglinien groß geworden sind.
Wizz Air begründet seinen grünen Anstrich mit Effizienzsteigerung, also neuen Flugzeugen, höherem Besetzungsgrad und niedrigen Fluggeschwindigkeiten. „Das ist zwar alles begrüßenswert, diese Maßnahmen als ‚grün‘ zu verkaufen, ist aber irreführend“, sagt Fink.
Er erklärt: „Die Fluglinie wendet das Prinzip des kleinsten Übels an, das in nicht nachhaltigen Branchen häufig angewendet wird. Das Unternehmen versucht dabei, sich im Vergleich zu den Mitbewerbern einen grünen Anstrich zu geben, indem es behauptet, einen kleineren CO2-Fußabdruck als andere Fluglinien zu haben. Dass dieser Fußabdruck aber immer noch immens ist, wird verschwiegen.“

„Grüngewaschene“ Produkte erkennen
  • Gütesiegel sind oft frei erfunden. Und Etiketten wie „grün“ oder „nachhaltig“ sind ohne Zertifizierungen von unabhängigen Stellen wertlos.
  • Unklare und oft missverständliche Aussagen wie „nachhaltigere Baumwolle“ klingen zwar gut, bedeuten aber nicht, dass die Ware ökologisch produziert wurde.
  • Versteckte Kompromisse. Umweltfreundliche Aspekte eines Produktes werden beworben, weniger „grüne“ Eigenschaften einfach verschwiegen.
  • Irrelevante Angaben ohne Aussagekraft, etwa „FCKW-frei“. Fluorchlorkohlenwasserstoffe, früher in Haarsprays und Kühlschränken verwendet, sind ohnehin seit Jahren verboten.
  • „Grüngewaschene“ Produkte können Sie dem VKI melden unter https://vki.at/melden-sie-uns-greenwashing/5607.
„Grüne“ Produkte - oft ein Schmäh
  • „Nachhaltige Kreuzfahrten“ bietet „Aida Cruises“ an. Die Schiffe werden mit Flüssiggas betrieben. Dadurch entsteht weniger Kohlendioxid als bei anderen Treibstoffen. Allerdings wird laut einer Studie mehr Methan ausgestoßen. Es gilt als fünfundzwanzig Mal klimaschädlicher als CO2.
  • Der Sportartikelhersteller Adidas behauptet, Schuhe aus recyceltem Meeresplastik herzustellen. In Wahrheit stammt das Plastik aber aus Küstenregionen. Es wird dort „abgefangen“, bevor es ins Meer gelangt, gab der Konzern zu.
  • Schwindel mit „grünen“ Verpackungen. Tchibo-Bio-Kaffee gibt es in einer scheinbaren Papierverpackung, die wohl absichtlich wie Altpapier anmutet. Innen ist die Verpackung allerdings mit Aluminium beschichtet.
  • Die Lebensmittel-Riesen Coca-Cola und Nestlé wollen klimafreundlich sein, indem sie in verschiedensten Ländern Baumpflanzungen durchführen. Auf der anderen Seite gehören sie zu den größten Verursachern von Meeresplastik.
  • Der Verbund wirbt mit „klimafreundlichem Gas“. Dahinter steckt aber ein Trick, genannt CO2-Kompensation. Die klimaschädlichen Emissionen des Gases werden durch den Ausbau erneuerbarer Energien ausgeglichen. Das ändert freilich nichts daran, dass durch die Verwendung von Gas klimaschädliches Kohlendioxid ausgestoßen wird.
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