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Ausgabe Nr. 26/2021 vom 29.06.2021, Foto: Warner Music Group
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Die amerikanische Band „Garbage“ lebt gut mit Liedern, die anders sind.
Wohlfühlen am Rande der Gesellschaft
Ursprünglich sollte das Gespräch mit Shirley Manson, der in der schottischen Hauptstadt Edinburgh geborenen und in Los Angeles (Amerika) lebenden Sängerin von „Garbage“ („Stupid Girl“, „Only Happy When It Rains“) per Videotelefonie stattfinden. Doch dann fuhr jemand in ihrer Straße einen Strommasten um, und der Wechsel aufs gute alte Festnetztelefon tat Not. Der Laune, Spritzigkeit und Diskussionslust der 54jährigen konnte das Malheur freilich nichts anhaben. Und so berichtet Manson im Gespräch mit dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth nicht nur von den neuen, zumeist dunkel brodelnden Liedern des neuen Albums „No Gods No Masters“ (bereits im Handel), sondern auch von ihrer Lust am Älterwerden, einer Reise nach Chile und einer ganz besonderen Gabe ihres Mannes.
Frau Manson, Sie sind jetzt flotte 54 Jahre alt, wären Sie gern noch ein Mal eine, sagen wir, Mittzwanzigerin?
Nur das nicht. Altern ist nicht einfach, und ganz sicher möchte ich keine dieser kaltherzigen Frauen im Showgeschäft sein, die auf die ewige Jugend abzielen und dabei gar nicht merken, wie sie zu Puppen und zu Marionetten werden. Ich will ich bleiben und dabei herausfinden, was es heißt, eine ältere Frau zu werden, eine ältere Frau zu sein. Ich bin neugierig, wo das Älterwerden hinführt. Diese Einstellung beeinflusst wiederum mein Liederschreiben.
Im Text zu „The Creeps“ auf Ihrem neuen Album „No Gods No Masters“ beschreiben Sie einen Tiefpunkt Ihrer Karriere. Sie waren Mitte 40, hatten mit der Band gerade Ihren damaligen Plattenvertrag verloren und fuhren den Los-Feliz-Highway in Los Angeles entlang. Was ist dann passiert?
Ich kam an einem Garagenverkauf vorbei und sah, wie jemand ein riesiges Poster von mir für ein paar Dollar verscherbeln wollte. Ich fühlte einfach nur tiefe Scham und kauerte mich so tief in mein Auto, dass mich niemand sehen konnte. Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich Selbstmitleid. Ich war überzeugt, ich hätte versagt.
Warum?
Wir alle stehen unter dem ständigen Druck, erfolgreich sein und im kapitalistischen System mitschwimmen zu müssen, jedenfalls nicht unterzugehen und zu ertrinken. Ich empfinde diesen Zwang als Qual und Folter.
Ist der Druck weg?
Ich glaube nicht, dass ich mich jemals ganz davon befreien kann. Aber ich habe meinen eigenen Pfad gefunden, auf dem ich mich durch unsere Gesellschaft schlängele. Mit vielen Aspekten unseres modernen Lebens stimme ich nicht überein, manches finde ich regelrecht abstoßend. Ich existiere, so gut es geht, in meiner eigenen Nische, sei es persönlich oder künstlerisch. Wir als „Garbage“ hatten immer unseren eigenen Mikrokosmos. Ich will kein Teil dieser Gesellschaft sein, die besessen ist von Zahlen, Statistiken und Geld.
Das Titellied „No Gods No Masters“ ist von Ihrer Reise nach Santiago de Chile inspiriert. Inwiefern?
Ich fuhr nach Chile, um einen Dokumentarfilm über die Vermissten des Pinochet-Regimes zu drehen. Als ich ankam, revoltierten die Menschen gegen die Regierung und gegen ökonomische Misshandlungen. Ich fand mich in einer extremen Situation wieder. Die Stadt war mit Protest-Bildern auf Häusern übersät.
Der Mann, mit dem Sie seit elf Jahren verheiratet sind, Ihr Sound-ingenieur Billy Bush, soll ein außergewöhnliches Talent besitzen …
Mein Mann macht den besten Cocktail der Welt. Wir nennen ihn „Mind Eraser“. Du trinkst einen, und es geht dir gut. Du trinkst einen zweiten, und du kannst dich an nichts mehr erinnern. Wir waren auf diesem schönen alten Bauernhof in Palm Springs (US-Staat Kalifornien), um an den Liedern zu arbeiten, als er anfing zu mixen. Nach dem ersten Glas fühlte ich mich warm und geborgen und angstfrei, und ich schrieb den Text zu „Uncomfortably Me“, den vielleicht verletzlichsten meines Lebens. Darin geht es um meine komplizierte Entwicklung als Jugendliche. Ich wurde übel gemobbt, ich hatte rotes Haar, was mich im Schottland der 70er Jahre in den Augen der anderen nicht nur unattraktiv, sondern regelrecht dämonisch machte. Ich fühlte mich damals ziemlich hässlich. Heute weiß ich, ich war wunderschön.
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