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Ausgabe Nr. 21/2021 vom 25.05.2021, Foto: mauritius images / PRISMA ARCHIVO / Alamy
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Vor 200 Jahren wurde Sebastian Kneipp geboren.
„Gegen Dummheit kämpfen Götter und Wasserströme vergebens“
Er wurde in ärmliche Verhältnisse hineingeboren und sollte Weber werden. Aber um nicht in der Hölle zu landen, wovor er große Angst hatte, beschloss der junge Sebastian Kneipp, Priester zu werden. Das schaffte der lungenkranke junge Mann, weil er sich mit Wasseranwendungen selbst heilte. Dann wurde er damit berühmt.
Der kalte Wadenwickel, um Fieber zu senken, gilt gemeinhin als Omas Rezept. Doch unsere Großmütter haben das verinnerlicht, was im 19. Jahrhundert zuvor der deutsche Pfarrer Sebastian Kneipp empfohlen hat. Er wusste, welche Heilsame Wirkung das Wasser hat und setzte es zur Bekämpfung zahlreicher Leiden ein. „Denn gerade das Wasser ist so recht geeignet, in verschiedener Weise auf den Körper einzuwirken“, erklärte er und setzte auf ganzheitliche Behandlung. „Nach meiner Meinung ist jene Heilmethode die beste, die den ganzen Körper unterstützt, so dass alles Schädliche aufgelöst und ausgeleitet und jede Entwicklung einer Krankheit verhindert werden kann. Dann wird auch die kranke Stelle in Bälde geheilt sein.“

Die Menschen drängten zu ihm, denn er war einer aus dem Volk und das blieb er. Hilfsbereit und höflich, Eigenschaften, die er schon in jungen Jahren zeigte, wie Alfred Baumgarten in seiner Biografie „Sebastian Kneipp“ (Verlag Severus) schreibt. Der am 17. Mai 1821 nachts um halb zwölf geborene Bua, wie er daheim genannt wurde, zeigte sich Jahre später den Lehrern von der besten Seite. „Sein sittliches und religiöses Betragen sind sehr lobenswert“, heißt es in einer Beurteilung. Dann wieder „ist er einer der ordentlichsten Schüler. Seine Höflichkeit und Artigkeit sind an ihm besonders zu loben.“

Mitverantwortlich dafür war gewiss die strenge Erziehung. Rau sei die Art seiner Mutter gewesen, viel Liebe, meinte Kneipp häufig, habe er im Elternhaus in Stephansried im deutschen Allgäu, etwa 60 Kilometer nördlich des Bodensees, nicht erfahren. Pflichtvernachlässigungen wurden hart bestraft. Neben häuslichen Arbeiten musste der Knabe schon in frühester Jugend das Vieh hüten. Da machte es ihm größte Freude, seine Stimme zu üben und laute Jodler und Juchzer hinauszustoßen, um zu sehen, wer besser und lauter jodeln könne, er oder der Nachbarsbub. Im Winter musste er sich hinter den elterlichen Webstuhl setzen, was ihm keine Freude bereitete. Es sollte sein Beruf werden, doch er vertiefte sich lieber in Bücher. Wenn der Vater dann einmal eines versteckt im Webstuhl fand, gab‘s harte Szenen und tüchtig Schläge.
Beim Tisch herrschten in dem armseligen Zuhause, das er nicht nur mit den Eltern, sondern auch mit seiner Stiefschwester Magdalena teilte, ebenso strenge Regeln, wie er einmal erzählte. Meist gab es Erdäpfel.

Strenge Regeln bei Tisch und kein Salz für den Erdapfel
„Auf dem Tisch stand ein Gefäß mit Salz, in das der Vater und die Mutter ihre Erdäpfeln eintauchten, um so der einfachen Nahrung mehr Würze zu geben. Eines Tages dachte ich mir: Darf‘s der Vater, darf‘s die Mutter, darf‘s ich vielleicht auch, und tauchte ebenfalls den Erdapfel ins Salzfässchen hinein. Kaum hatte die strenge Mutter das gesehen, hatte ich schon eine Ohrfeige, dass ich unter den Tisch fuhr, und bekam eine harte Rede dazu: ,Hast noch kein Salz verdient, brauchst auch keines zu essen; sei froh, dass man Dir Erdäpfel gibt.‘“

Welchen beruflichen Weg er einschlagen würde, wusste Sebastian Kneipp früh. „Zwei Dinge sind es gewesen, die ich in meiner Jugend gefürchtet hab: die Rute und die Hölle. Und um beiden zu entgehen, wollte ich alle Mittel anwenden. Es sagte mir dann klar eine innere Stimme: Willst Du der Hölle entgehen, so werde Priester. Und so war ich beseelt von dem Wunsch, Priester zu werden.“ Das gelang nach vielen Mühen und Fürsprachen von Förderern. Kneipp studierte in München Philosophie und Theologie, wurde im Jahr 1852 zum Priester geweiht und trat nur wenige Wochen später in Ottobeuren, nahe seiner Heimatgemeinde, den Dienst am Herrn an.

Im Laufe seiner Tätigkeit als Priester hatte er verschiedene Gemeinden zu betreuen, unter anderem jene des Dominikanerinnenklosters zu Wörishofen, wo er auch starb. Es wurde ihm zu einem geliebten Zuhause, darum bestand er an seinem Lebensende darauf, dort bis zu seiner letzten Stunde am 17. Juni 1897 gepflegt zu werden.
Er war zunächst ein robuster junger Bursche, doch bereits in seinen Zwanzigern entwickelte er ein Lungenleiden, das als Schwindsucht bezeichnet werden kann. Hoffnung auf Heilung machten ihm die Ärzte nicht. Als im Jahr 1849 sein Zustand immer schlechter wurde und auch er ratlos war, was zu tun sei, erhielt er vom Kurator der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek das Hahn‘sche Büchlein über das kalte Wasser.

Hahn war praktischer Arzt (er lebte von 1696 bis 1773) und verfasste eine Schrift zu „Unterricht von Kraft und Wirkung des frischen Wassers besonders der Kranken bei dessen innerlicher und äußerlicher Anwendung“. Kneipp studierte das Buch und gelangte zur Überzeugung, dass mit dem Wasser, dem schuldlosen, kalten Wasser, ein Versuch gelänge und kalte Bäder niemals schaden könnten.

Erste Selbstversuche in der Donau mit hervorragender Wirkung
Die ersten Selbstversuche unternahm er in der Donau bei Dillingen. In der Biografie heißt es dazu: „Kneipp stieg ins Wasser, tauchte ein bis an den Hals – den Kopf ließ er draußen – und so blieb er vielleicht drei bis vier oder fünf Sekunden im Wasser. Dann mit größter Geschwindigkeit heraus und nach Hause. Bereits das erste Bad überzeugte ihn. Hinein ging er müde, und mit neuer Spannkraft kehrte er zurück. Und er wurde gesund.“

Das Wissen aus dem Hahn‘schen Büchlein sowie seine Selbstheilung veranlassten Kneipp, immer weitere Versuche zu unternehmen und die Menschen kamen zu ihm. Dass er damit zum Ziel von Anfeindungen wurde, erschütterte den Priester nicht. „Er wusste, gegen Dummheit kämpfen Götter und Wasserströme vergebens, doch er ging mit Vorsicht und Geschicklichkeit vor, um jeden Verdacht, das Kurieren der Menschen sei für ihn ein Geschäft, aus dem er Gewinn ziehen wolle, auszuräumen.“

„Die Ganzwaschung wäre in
der Morgenfrühe gleich beim Aufstehen angebracht.“

„Ich will euch nur aufmerksam machen, dass ihr jeder Zeit recht vernünftig lebt.“

„Kaum ein Umstand kann schädlicher auf die Gesundheit wirken als unsere Lebensweise.“

„Wer selbst in Not und Elend saß, der weiß Not und Elend des Nächsten zu würdigen.“

„Häufig genug kommt es vor, dass körperlich Kranke noch viel kränker sind an der Seele.“

„Wer bemüht ist, sein eigenes Glück zu suchen, der ist auch anderen gern behilflich dabei.“


Hier zwei Wasser-Anwendungen nach Sebastian Kneipp
Der kalte Wadenwickel
Er ist zur Senkung des Fiebers gut wirksam. Auch bei örtlichen Entzündungen, Einschlafstörungen, Überanstrengung nach langem Gehen. Der einfache Wadenwickel lässt sich mit zwei Handtüchern (ein dünnes und ein Frotteetuch) gut durchführen.
Das dünne wird zur Hälfte in kaltes Wasser getaucht, um eine Wade gelegt und die andere Hälfte als Zwischentuch darüber. Mit dem dicken Tuch wird die ganze Wade im Zug- und Gegenzugverfahren eingepackt. Jedes Bein wird extra gewickelt. Wirkung: wärmeentziehend, entzündungshemmend, herzentlastend, beruhigend, schlaffördernd und mild blutdrucksenkend. Nicht geeignet unter anderem bei Durchblutungsstörungen der Beine, chronischem Kaltfuß oder rheumatischen Gelenks- und Nervenschmerzen.
Der kalte Gesichtsguss
Eignet sich bei schlaffer, schlecht durchbluteter Haut, geistiger und körperlicher Ermüdung und Migräne. Beginnend an der rechten Schläfenseite über die Stirn und zurück zur Nasenwurzel (1), weiter verfahren bis Punkt 5.
Während des Gießens das Atmen nicht aussetzen. Zum Schluss leicht abtrocknen. Wassertemperatur 18 bis 20 Grad.
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