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Ausgabe Nr. 21/2021 vom 25.05.2021, Foto: REUTERS/Kim Kyung-Hoon
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Andere kaufen sich um 2,5 Millionen Euro eine Villa. Kiyoshi Kimura, 69, hat sich diesen fetten Blauflossenthunfisch geleistet.
Das Ende eines Königs
Ob in der Dose, im Salat, auf der Pizza oder roh für Sushi. Thunfisch liegt in fast jeder Variation in unseren Supermärkten. Doch gerade diese Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten wird den Fischen zum Verhängnis. Denn durch die immer effektiveren Fangmethoden werden die Bestände gnadenlos überfischt.
Seine Haut muss sein wie die Haut einer jungen Frau, fest, aber elastisch. Dann ist er gut“, behauptet Kiyoshi Kimura, 69, allen Ernstes. Der schwerreiche Sushikönig hatte auf einem Fischmarkt in Tokio (Japan) zweieinhalb Millionen Euro für einen 278 Kilo schweren Blauflossenthunfisch hingeblättert, dem fettesten und schmackhaftesten aller Arten.

Solche Verkaufspreise (9.200 Euro pro Kilo) sind natürlich nur möglich, weil die Verbraucher es so wollen. „Der Markt für Sushi – das ist roher Fisch, umwickelt mit Reis und einem Stückchen Seetang – ist in Japan gigantisch, der Blauflossenthun unter allen Zutaten das Nonplusultra und fast ein nationales Heiligtum“, weiß der Meeresbiologe Thilo Maack.
Draußen im Ozean, in der Wirklichkeit, geht es dem begehrten Raubfisch – der wegen seines roten Muskelfleisches auch „Roter Thun“ genannt wird – freilich schlecht.

„Es gibt viel zu wenige von ihm und zu viele Menschen, die ihn essen wollen. Was dazu geführt hat, dass die weltweiten Bestände in den vergangenen Jahren um bis zu 90 Prozent zurückgegangen sind“, beklagt der Experte.
Doch noch immer stellen die Fischereiflotten dem „König der Meere“ mit immer größeren Schiffen und leistungsfähigeren Fangtechniken nach. Vor allem die „Ringwade“ ist dabei ein äußerst effizientes, aber auch unselektives Prinzip. „Zunächst wird der Schwarm mit kilometerlangen Netzen eingekreist, anschließend wird die Fangvorrichtung am unteren Ende zusammengezogen und schon sitzt die Beute in der Falle – allerdings nicht nur der Thunfischschwarm. Auch Delfine, Haie, Mantarochen sowie Meeresschildkröten werden dabei als Beifang getötet“, ärgert sich Thilo Maack.
Eine weitere „beliebte“ Fangmethode sind große Flöße. Fischer setzen sie im Ozean aus, um darunter Thunfisch anzulocken. Eine Folge dieser Entwicklung sind jedoch ebenfalls große Mengen an Beifang, der danach als toter Fisch in den Gewässern versinkt. „Allein 30.000 gefährdete Haie verenden pro Jahr wegen dieser gnadenlosen Methode“, so der Fachmann.

Besonders perfide ist zudem die Jagd nach jungen Fischen, die noch nicht geschlechtsreif sind. „Sie werden nach dem Fang in schwimmenden Netzgehegen auf See gemästet, bis sie das gewünschte Gewicht für die Schlachtung erreicht haben“, berichtet der Meeresbiologe. Dies schadet jedoch dem Fischbestand nachhaltig, denn es sterben gleich die nachfolgenden Generationen. Schließlich pflanzen sich Thunfische in Zuchten nicht fort.
„Sie lassen sich auch nicht aus dem Laich ziehen, wie etwa der Lachs. Die Thunfische werden also dem Meer entnommen, ohne dass sie sich dort vorher vermehren konnten“, erklärt Maack. Und selbstverständlich ist es auch nicht artgerecht, die weit wandernden Schwarmfische, die tausende Kilometer mit bis zu 80 Stundenkilometern zurücklegen, im engeren Sinne in „kleinen Käfigen“ zu halten.

Doch nicht nur die heiß begehrten Blauflossenthunfische sind unter Druck. Vielfach überfischt sind auch der Großaugen- und der Gelbflossenthunfisch. Letzterer wird vor allem als Dosenfisch vermarktet. Potenziell gefährdet ist auch der Weiße Thunfisch. Er gilt als Dosenware mit der höchsten Qualität, wird in Europa aber auch als Sushi serviert. Am häufigsten in Blechbüchsen gepresst wird jedoch der „Echte Bonito“, auch „Skipjack“ genannt, die kleinste Thunfischart. Seine Population ist zur Zeit immerhin noch so stabil, dass einige Produzenten das MSC-Logo (siehe Kasten unten) tragen. Vom Blauflossenthunfisch ist hingegen bekannt, dass ihn skrupellose Geschäftsleute bereits in großem Stil als Geldanlage in Kühlhallen einlagern, weil er noch weiter im Preis steigen wird, je näher er der Ausrottung kommt.

Großaugen-Thun
Lebensraum: Indischer Ozean
Gewicht/Größe: bis 210 Kilo, ca. 250 Zentimeter
Erhaltungszustand: gefährdet
Preis/Kilo: ca. 60-70 Euro

Weißer Thun
Lebensraum: in gemäßigten und tropischen Meeresgebieten, Mittelmeer
Gewicht/Größe: 60 Kilo, bis zu 140 Zentimeter
Erhaltungszustand: potenziell gefährdet
Preis/Kilo: ca. 40-50 Euro

Gelbflossen-Thun
Lebensraum: Indischer Ozean, Atlantikküste, Gewässer Chinas und Japans
Gewicht/Größe: ca. 200 Kilo, bis zu 240 Zentimeter
Erhaltungszustand: potenziell gefährdet
Preis/Kilo: 30-40 Euro

Echter Bonito
„Skipjack”
Lebensraum: in allen wärmeren Teilen des Weltmeeres
Gewicht/Größe: max. 35 Kilo, bis zu 100 Zentimeter
Erhaltungszustand: nicht gefährdet
Preis/Kilo: ca. 15-20 Euro

Schwindel mit MSC-Zertifikat
Ein blaues Logo mit einem stilisierten Fisch steht seit 1997 für das gute Gewissen der Fischindustrie und der Verbraucher. Doch das „MSC“-Pickerl ist für Tierschützer kein verlässlicher Garant für nachhaltigen Fang. Schließlich setzen noch immer viel zu viele zertifizierte Fischereien Fangmethoden ein, die am Meeresboden große Schäden anrichten. Grundschleppnetze beispielsweise zerstören wertvolle Ökosysteme wie Tiefsee-Korallenwälder innerhalb von Sekunden. „Auch eine hohe Beifangquote ist kein Ausschlusskriterium beim MSC“, kritisiert Sandra Schöttner, Meeresexpertin bei der Umweltschutzorganisation „Greenpeace“.
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