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Ausgabe Nr. 19/2021 vom 10.05.2021, Fotos: Rosie Matheson, zVg
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Marianne Faithfull ist Corona-geschwächt, doch voller Poesie.
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Auf ihrem neuen Werk (seit Kurzem im Handel) trägt die Engländerin Marianne Faithfull elf Gedichte vor. Namensgebend ist jenes von Lord Byron. Musikalisch begleitet wird sie von Warren Ellis (Bild).
Ästhetik der traurigen Worte
Der Körper mag angeschlagen sein. Doch wenn die 74jährige Marianne Faithfull Gedichte der britischen Romantiker Lord Byron, John Keats oder Lord Alfred Tennyson vorliest, zieht sie die Zuhörenden mit ihrer einmalig tiefen und von allerlei Lebensspuren gegerbten Stimme in ihren Bann.
Zu hören ist dies auf dem neuen Werk mit dem Titel „She Walks In Beauty“. Exakt dieses Album, sagt Faithfull, die 1964 mit dem Lied „As Tears Go By“ sowie als Muse und Geliebte von Mick Jagger weltberühmt wurde, habe sie bereits ihr ganzes Leben lang aufnehmen wollen. Die zurückhaltende Musikbegleitung auf diesem intensiven und romantisch-melancholischen Hörereignis stammt einmal mehr von Faithfulls regelmäßigem Mitstreiter Warren Ellis, 53, dem Multiinstrumentalisten in der Band von Nick Cave, den „Bad Seeds“. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth sprach mit Marianne Faithfull, die nach Jahren in Paris (Frankreich) nun wieder in London (England) lebt, um nah bei ihrem Sohn Nicholas und den drei Enkerln (9, 23, und 26) zu sein.
Frau Faithfull, Sie sind im vergangenen Sommer schwer an Corona erkrankt und rangen mit dem Tod. Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir besser. Das Virus hat mich nicht besiegt. Aber es war eine knappe Geschichte. Sie müssen übrigens entschuldigen, dass wir nicht lange sprechen können. Für eine lange Unterhaltung habe ich noch nicht die nötige Kraft.
Das ist kein Problem. Danke, dass Sie sich überhaupt die Mühe machen.
Ich liebe mein neues Album. Es bedeutet mir viel. Deshalb möchte ich unbedingt darüber sprechen.
Bevor wir auf „She Walks In Beauty“ zu sprechen kommen, erlauben Sie mir noch die Frage, wie gut Sie sich an die Wochen im Spital erinnern können?
Glücklicherweise fehlt mir größtenteils die Erinnerung an die Zeit, in der mein Leben auf der Kippe stand. Das ist fast schon eine Gnade und gewissermaßen die positive Folge des künstlichen Komas, in dem ich lag. Ich befand mich an einem dunklen Ort. Und leider ist es noch nicht vorbei. Ich muss immer noch mit erheblichen Einschränkungen leben. Mein Kurzzeitgedächtnis macht mir nach wie vor Schwierigkeiten, meine Lungen sind noch geschwächt, und ich bekomme noch nicht so gut Luft. Alles strengt mich viel mehr an als früher, insbesondere das Sprechen.
Werden Sie wieder singen können?
Das ist die große, spannende Frage. Ich weiß es nicht. Ich arbeite daran. Im Moment ist es mir noch nicht möglich zu singen. Doch ich übe mehrmals pro Woche. Ein guter Freund trainiert mich. Tatsächlich empfehlen die Ärzte allen Covid-Patienten, nicht nur mir, zu singen. Das ist ideal, um wieder Kraft in die Lungen zu bekommen.
Sie haben bisher schon einiges überlebt: Ihre Heroinsucht in den Siebzigern, Hepatitis C, Brustkrebs, vor drei Jahren eine gebrochene Hüfte, die sich entzündet hat und jetzt auch noch Corona. Sie scheinen „unzerstörbar“ …
Das wäre schön, wenn es so wäre, aber das bin ich nicht. Ich hatte bislang immer viel Glück. Aber warum ich überlebe und andere Menschen sterben? Warum überhaupt Menschen sterben? Ich kann die Frage nicht beantworten. Mein langjähriger Produzent und guter Freunde Hal Willner hat es nicht geschafft. Er ist an Corona gestorben, mit 64 Jahren. Es ist schrecklich. Ich bin dankbar, noch am Leben zu sein.
Der englische Lyriker John Keats, von dem Sie auf „She Walks In Beauty“ drei Gedichte rezitieren, starb mit gerade einmal 25 Jahren an Tuberkulose. Fragen Sie sich, was er noch alles hätte schreiben können, wäre er so alt geworden, wie Sie jetzt sind?
Nein, sein früher Tod ist traurig, vor allem natürlich für ihn selbst. Doch für uns, die wir heute seine Poesie genießen können, hat er in seiner kurzen Lebenszeit alles getan, was er tun konnte. Seine Lyrik ist wundervoll, ein Genuss. Wir wissen ja auch nicht, ob seine Dichtkunst in möglichen späteren Jahren noch so brillant gewesen wäre wie in seinen jungen Jahren.
In Ihrer Stimme kommt immer eine gewisse Traurigkeit durch. Würden Sie sich als Melancholikerin bezeichnen?
Ja. Die Melancholie macht meinen Charakter zu einem großen Teil aus. Und es ist auch die Ästhetik der traurigen Worte, die ich anziehend finde. Aber nicht nur, denn ich liebe zum Beispiel Shakespeare über alles. Ich bin auch nicht die meiste Zeit traurig.
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