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Ausgabe Nr. 13/2021 vom 30.03.2021, Foto: Delphimages/stock.adobe.com
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Der Streit um die richtige Sprache spaltet die Gesellschaft.
Gästin, Gott* und „Genderwahn“
Muss Sprache geschlechtergerecht sein, und wenn ja wie? Die Diskussion ums „Gendern“ entzweit die Menschen. Zumal dabei Wortungetüme wie „Gästin“ und „Bösewichtin“ sowie unlesbare Texte herauskommen. Das Leben von Frauen macht es nicht besser.
Der „Mieter“ ist im Duden jetzt nur noch eine „männliche Person, die etwas gemietet hat“. Die geschlechterübergreifende Bedeutung hat das Nachschlagewerk getilgt. Im Laufe des Jahres erhalten 12.000 Personen- oder Berufsbezeichnungen in der Internet-Ausgabe des Duden eine eigene Erläuterung der weiblichen Form. Etwa die „Mieterin“, aber auch die „Gästin“ oder die „Bösewichtin“.

Der Ausbau der Beiträge der weiblichen Formen und die Anpassung bei den männlichen Formen sei eine „Präzisierung“ und habe gar nichts mit „Genderwahn“ zu tun, sagte die Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum dazu kürzlich. Auf die Verwendung der männlichen Form, die für alle Geschlechter steht, das sogenannte generische Maskulinum, wird zwar im Duden noch hingewiesen. Aber mit dem Fingerzeig, dass nicht immer eindeutig sei, ob nur männliche Personen gemeint sind oder auch andere.
Der „Verein Deutsche Sprache“ hält jedenfalls wenig von diesem Vorstoß. Er fordert in einem Aufruf „alle Freunde der deutschen Sprache auf, den aktuellen Bestrebungen der Dudenredaktion zu einem Umbau der deutschen Sprache entgegenzutreten“. Denn auf den Internetseiten des Duden werde das „in der deutschen Grammatik und im modernen Sprachgebrauch fest verankerte generische Maskulinum abgeschafft“. Frauen könnten „demnach keine Mieter sein“.
Mehr als 33.000 Menschen haben den Aufruf bisher unterzeichnet, der dem Duden auch „eine problematische Zwangs-Sexualisierung, die in der deutschen Sprache so nicht vorgesehen ist“, vorwirft. Sprache werde in dem Nachschlagewerk nicht mehr nur widergespiegelt, sondern aktiv verändert, heißt es.

„Wir bauen die Sprache nicht um, diese Macht hat Duden nicht. Aber wir schauen natürlich sehr genau, was in der Sprache passiert“, erklärte die Duden-Chefredakteurin in einem ZDF-Interview. Und es sei zu sehen, dass die männliche Form, die für alle steht, zurückgedrängt werde.
Tatsächlich sprechen uns Politiker jetzt immer als „Österreicherinnen und Österreicher“ an, in der Schule unterrichten „Lehrpersonen“ und Universitäten sind in normalen Jahren von „Studierenden“ bevölkert. Politisch korrekt wird von den „Zu-Fuß-Gehenden“ gesprochen, statt von den „Fußgängern“, statt von der „Muttersprache“ von der „Erstsprache“.
In einem Leitfaden der Stadt Wien wird geraten, im alltäglichen Sprachgebrauch statt „kaufmännische Fähigkeiten“ besser „wirtschaftliches Verständnis und Kostenbewusstsein“ zu verwenden. Auch wird darauf hingewiesen, dass „jemand“, „jeder“ und „keiner“ nicht neutral sind.

Ob mehr Gleichstellung von Männern und Frauen aber tatsächlich an der Sprache hängt, ist fraglich. So wird argumentiert, dass sich Frauen seltener für einen „typisch männlichen Beruf“ entscheiden, weil die Berufsbezeichnungen immer in der männlichen Form verwendet werden. Allerdings müsste es dann in Ländern mit Sprachen ohne geschlechtliche Wortformen, etwa dem Englischen, deutlich mehr Ingenieurinnen oder männliche Pfleger geben, wenden manche ein. Was nicht der Fall sei.
Geschlechtergerechte Sprache soll zu mehr Gleichberechtigung führen. Das „Gendern“, das englische Wort „gender“ heißt Geschlecht, schafft aber vor allem eine tiefe Kluft zwischen Gegnern und Befürwortern. „Gender“-Sternchen, das Binnen-I oder dauernde männliche und weibliche Doppelformen führen zudem zu unleserlichen Texten.
„Wissenschaftler*innen untersuchen Konsument*innenverhalten“, heißt es dann. Oder: „Im Angebot ist für jede*n etwas dabei.“ Das mag bei einzelnen Sätzen noch gehen. Bei längeren Schriftstücken sind Verständlichkeit und guter Lesefluss aber kaum noch möglich. Auch ein ansprechender Text ist solcherart schwer zu formulieren.

In den Fernseh-Nachrichten ist das gesprochene „Gender“-Sternchen immer öfter zu hören. Etwa als kurze Pause beim Wort „Politiker-innen“. Vorgaben dazu, zur Verwendung der allgemeinen männlichen Form oder der Doppelform beispielsweise von „Zuseherinnen und Zusehern“ gibt es im ORF nicht. „Allerdings wird eine ORF-weite Regelung dazu gerade ausgearbeitet“, heißt es vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Mit der geschlechterübergreifenden männlichen Form würde die Hälfte der Menschheit ausgeblendet, argumentieren Befürworter des „genderns“. Die Kritiker hingegen sind überzeugt, dass das Leben von Frauen dadurch um nichts besser wird. Sie befürchten eine moralisierende Verhunzung unserer Sprache. Zumal es auch Wörter mit einem weiblichen Artikel gibt, die für Männer und Frauen gleichermaßen gelten, etwa „die Person“ oder „die Koryphäe“.

Vor allem junge Frauen wollen sich nicht mehr nur „mitgemeint“ fühlen, wenn von allen in der männlichen Form die Rede ist. Manchmal steckt aber mehr als „nur“ der Wunsch nach Gleichberechtigung dahinter.
In Deutschland hat etwa eine Kampagne der katholischen Schüler für Aufregung gesorgt. Sie wollen „Gott“ künftig mit einem „Gender“-Sternchen schreiben. Damit „wollen wir Gott* aus der geschlechtlichen Ebene heben“, heißt es in der Petition der „Katholischen Studierenden Jugend“, „denn Gott ist in allen Dingen“.
Dass wir demnächst „gender“-gerecht allgemein von „Gott*“ schreiben, ist auszuschließen. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass die „Gästin“ bei unseren Enkeln ein gebräuchliches Wort sein wird.
Der Begriff wird, darauf wird beim Duden hingewiesen, schon im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm angeführt. Ebenso wie etwa die „Engelin“. Auf dem Weg vom späten 19. ins 21. Jahrhundert sei die „Gästin“ aber aus der Alltagssprache verschwunden. Jetzt ist sie wieder da.

„Sprache kann nur zeigen, was sich gesellschaftlich bewegt“
Was der Duden in Deutschland ist, ist bei uns das Österreichische Wörterbuch. Es repräsentiert das hierzulande gültige Regelwerk der deutschen Sprache und wird in den Schulen verwendet. Christiane Pabst ist die Chefredakteurin des Wörterbuches.
Als Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuches gehen Sie mit der „Gender“-Thematik sehr vorsichtig um. Was sind Ihre Beweggründe?
Für mich steht an erster Stelle die Frage, was die Gesellschaft mit der Thematik macht. Sprache kann immer nur das zeigen, was sich gesellschaftlich schon bewegt, und solange die Themen Gleichstellung und -behandlung gesellschaftspolitisch noch in den Kinderschuhen stecken, werden die Auswirkungen auf die Sprache nicht so groß sein, wie das viele gerne hätten.
Es gibt Umfragen, in denen Frauen mehrheitlich sagen, ihnen wäre „Gendern“ kein so großes Anliegen. Finden Sie das gut?
Sehr viele fühlen sich mit dem sogenannten generischen Maskulinum mitgemeint. Ich habe schon immer darauf hingewiesen, dass wir in der deutschen Sprache eine Trennung von Sexus (Anm.: biologisches Geschlecht)und Genus (Anm.: grammatikalisches Geschlecht) haben. Das Mädchen ist ja auch kein sächliches, sondern ein weibliches Wesen. Genus und Sexus stimmen in der Sprache oft nicht überein, auch, wenn die meisten Wörter, vor allem jene, die Berufe oder Personen beschreiben, männlich sind. Die Stimmen, die sagen, dass das einem patriarchalischen Weltbild entspricht, haben nicht Unrecht. Sprache braucht lange, um sich gerade grammatikalisch zu verändern und zu verschieben. Ich denke aber, der Umbruch ist da und auch notwendig.
Da klingt noch ein Aber in Ihrer Stimme mit …
Was mich immer wieder zu skeptischen Äußerungen provoziert, ist die Tatsache, dass man von der Sprache verlangt, etwas vorzuschreiben, was noch nicht ist. Wenn wir jetzt brachial „gendern“, so wie der Duden das versucht, indem er Wörter erfindet und damit meint, dem Ganzen etwas Gutes zu tun, führt das genau zum Gegenteil. Ich nenne das Feigenblatt-„Gendern“: Ich tue etwas, ohne die Einstellung dazu zu haben. Da fällt mir immer das Beispiel eines Abgeordneten ein, der bei einer Rede im Nationalrat von Mitgliederinnen und Mitgliedern gesprochen hat. Da sieht man ganz deutlich, dass jemand von einer Gesellschaft zu einer Handlung gezwungen wird, welche Einstellung wirklich dahintersteht, bleibt aber verborgen.
„Gender“-Sternchen, Doppelpunkte: Wie kann sich die Bevölkerung in dem Zeichenwald noch zurechtfinden?
Ich glaube, wir verlieren den Fokus auf das Wesentliche beim Sprechen und Schreiben, nämlich verständlich
zu werden und zu bleiben. Alles, was gerade im Bereich des „Genderns“ verändert wird, muss auf jeden Fall die
Grundlagen des Verständnisses berücksichtigen. Insofern ist es nicht besonders klug, mit unterschiedlichen
Schriftzeichen zu agieren. Es gibt Studien, die zeigen, dass Texte dann schwerer lesbar sind. Man muss auch daran denken, dass Kinder Schreiben erlernen und sich dann plötzlich mit Sternchen und Doppelpunkten herumschlagen müssen.
Was schlagen Sie vor?
Sicherheit sowohl in der Verständlichkeit als auch in der Grammatik gibt es beim Bilden von Paarformen wie Lehrerinnen und Lehrer.
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