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Ausgabe Nr. 12/2021 vom 23.03.2021, Foto: Michael Mazohl
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Joesi Prokopetz, geboren am 13. März 1952 in Wien, schrieb zahlreiche Wolfgang-Ambros-Hits (etwa „Da Hofa“, 1971) sowie das Alpen-Musical „Der Watzmann ruft“ und gilt als Erfinder des Austro-Pop. Seit 1997 ist er als Buchautor („Vorletze Worte“, „Alltag ist nicht ein Tag im All“), Kabarettist und Intendant des niederösterreichischen Kulturfestivals „Ybbsiade“ tätig. Der Künstler lebt mit seiner vierten Frau Karin in Brunn/Gebirge im Bezirk Mödling (NÖ).
„Ich muss eine Filzlaus gewesen sein“
Der Liedermacher, Musiker, Autor und Kabarettist Joesi Prokopetz, 69, erzählt, was er vom „positiven Denken“ hält, und dass ihn nichts aufregt, solange er Schmäh führen und auf der Bühne stehen kann. Und zwar mit seinem neuen Programm, in dem uns eine Filzlaus weithin bekannte Eigenschaften vor Augen führt.
Herr Prokopetz, in Ihrem Buch „Alltag ist nicht ein Tag im All“ (amalthea.at) beschäftigen Sie sich weder mit dem Urknall, noch mit der Milchstraße, sondern mit dem alltäglichen Chaos. Der Untertitel lautet „Bekenntnisse eines Querulanten“. Sind Sie einer?
Ein Querulant ist für mich jemand, der querdenkt. Da Querdenker schnell als Trottel bezeichnet werden, halte ich „Verquerdenker“ für den besseren Ausdruck. Mit meinen Alltagsbeobachtungen trete ich der Hauptströmung der Weltanschauungen entgegen. Dazu gehört das positive Denken. Wenn jemand meint, ich müsse positiv denken, damit alles gut wird, sage ich, das ist nichts anderes, als in die eigene Tasche zu lügen und damit eine irre Realitätsverweigerung. Und ich äußere mich querulantisch gegen die Infantilisierung unserer Sprache. Es heißt nicht Hundebabys, sondern Welpen, und nicht „Babyelefant“, sondern Elefantenjunges oder Elefantenkalb.
Sie waren früher Werbetexter. Der Spruch „Lustig samma – Puntigamer“ stammt von Ihnen. Wäre Ihnen ein „Babyelefant“ je in den Sinn gekommen?
Über ein Rüsseltier als Abstandhalter habe ich nicht nachgedacht, vielleicht weil ich die Umarmerei und Abbusselei noch nie mochte.
Handgeben auch nicht?
Handgeben natürlich schon. Was wir jetzt auch nicht sollen oder dürfen. Wenn wir zu niemandem sagen können, Hand drauf, wird die Handschlagqualität, die davor schon selten war, ganz aus unserem Kulturleben schwinden.
Warum machen Sie kein politisches Kabarett?
Abgesehen davon, dass mir die Ohrwasch‘ln unseres Bundeskanzlers egal sind, haben wir genügend Empörungs-Fachkräfte, die den vorauseilenden Entrüstungsreflex besitzen. Einen von denen möchte ich sehen, wie er mit dem Schöpflöffel vor einer vollen Schüssel sitzt und der Versuchung widerstehen kann, sich etwas auf den eigenen Teller zu holen. Jemand, der da widersteht, wird gar kein Politiker.
Wie kommen Sie zu Ihren Alltags-Gstanzln?
Der Stoff geht mir nicht aus. Einen Gutteil davon bekomme ich durch unhöfliches Belauschen von Wirtshausgesprächen, was im Moment schwierig ist.
Früher hieß es nicht „Krise“, sondern „schlechte Zeiten“. Haben wir die jetzt?
Es gibt immer schlechte Zeiten. Es ist nie alles gut, irgendwo ist immer etwas schlecht. Gut ist, solange das nicht Gute in einer gewissen Entfernung ist. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, sage ich „den Umständen entsprechend“ oder „Was glauben‘s?“. Oder ich sage überhöhend „Blendend“, weil ich gestern im Kaffeehaus und vorgestern im Theater war. Dann schauen mich alle blöd an. Als wäre es möglich, jetzt ins Kaffeehaus oder Theater zu gehen.
Wonach viele schon lechzen …
Die wenigsten lechzen nach Kultur. Die meisten lechzen danach, sich in den Wirtshäusern anzutrinken oder auf Sportplätzen herumzugrölen und Spaß zu haben, was ich verstehe, weil ich den auch gern haben möchte. Aber das geht halt gerade nicht.
Was werden Sie bestellen, wenn die Gaststätten wieder offen haben?
In der Wiener Innenstadt, im „Schwarzen Kameel“, werde ich mir ein Kalbsschnitzel mit Erdäpfelsalat gönnen, im „Gutruf“ ein Reisfleisch, und in Mödling (NÖ), wo ich wohne, freue ich mich auf ein Backhendl in der „Blauen Blunz‘n“.
Es wird allerdings ein Ansturm werden wie bei den Friseuren. Da habe ich mir auf die Gefahr hin, dass die wieder zusperren und ich wieder wie ein Neandertaler herumlaufe, die Haare ganz kurz absäbeln lassen.
Wann werden Sie wieder auf der Bühne stehen?
Wir sind für alles bereit, für das Kultur- und Kabarett-Festival „Ybbsiade“ ebenso wie für die Veranstaltungsreihe „Humor im Schloss“ in Maria Enzersdorf (NÖ). Und ich freue mich auf mein neues Bühnen-Programm „Vienna waits for you“ („Wien wartet auf dich“). Es basiert auf der Behauptung, dass jeder Mensch auf der Welt, jenseits der fünfzig, ein Wiener werden kann, also unzufrieden, grantig, mieselsüchtig und pessimistisch. In Anlehnung an die berühmte „Reblaus“ sage ich, „Im Vollbart und im Schamhaar, da fühl‘ ich mich fein, ich muss im früheren Leben eine Filzlaus gewesen sein“.
„Das Glück anderer stört das eigene Unglück“, schreiben Sie im Buch. Was meinen Sie damit?
Wenn Menschen, die angefressen sind, Glück und Harmonie vorgelebt bekommen, kriegen die einen Hass. Das ist rational nicht zu begreifen. Ich habe zwei relativ schwere Depri-Schübe gehabt. Besonders depressiv machten mich fröhliche Menschen. Obwohl ich denen das Glück nicht geneidet habe, ich war ja nicht einmal zu Neid fähig, habe ich mich gefragt, was macht die so froh?
Sind Sie nun frohgemut?
Ich werde nächstes Jahr siebzig und bin froh, wenn mein Stoffwechsel halbwegs funktioniert und mein Kreislauf in Ordnung ist. Solange ich, bestenfalls ohne Maske, auf der Bühne stehen darf, mit meinen Freunden beim Heurigen blödsinnig Schmäh führe, ein gutes Zigarrerl, ein Pfeiferl mit wunderbarem Tabak oder einen kleinen Whiskey genieße, rege ich mich über nichts auf. Und weil der Arzt sagt, immer schön in Bewegung bleiben, gehe ich jeden Tag mindestens eine Stunde. Mit Walking-Stecken und Gewichtsarmbändern.
Haben Sie Urlaubspläne ins Auge gefasst?
Dass ich nicht verreisen kann, stürzt mich manchmal schon in Abgründe der Verzweiflung. Wenn es ohne Quarantäne möglich ist, werden meine Frau und ich im Mai mit Freunden nach Kroatien reisen. Wenn nicht, dann werden wir ein paar Tage in Oberösterreich entspannen. Im September wäre Bali geplant, meine Frau wünscht sich zu ihrem 60. Geburtstag, Tempelbauten und Reisterrassen zu sehen. Wenn das nichts wird, bleiben wir hier und gehen wandern.
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