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Ausgabe Nr. 07/2021 vom 16.02.2021, Foto: Science Photo Library / picturedesk.com
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Mutationen könnten Risiko für Impfstoffe werden.
Verändertes Virus
Die Südafrika-Mutation des Corona-Virus macht Tirol zum „Sperrgebiet“. Greifen die Maßnahmen nicht, rufen manche nach einem „Impf-Schutzschirm“ für die betroffenen Regionen. Doch ein Experte hält wenig von einer Impfplan-Änderung.
Seit vergangenem Freitag kontrollieren Hunderte Polizisten und Soldaten die Tiroler „Bundesland-Grenzen“, aber auch die Übergänge zu Italien und Deutschland. Wer Tirol verlassen will, muss einen negativen Antigen- oder PCR-Test vorlegen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Ausnahmen gibt es für Kinder unter zehn Jahren, Durchreisende und den Güterverkehr.

Deutschland hat das Bundesland sogar als „Mutationsgebiet“ eingestuft und wieder Grenzkontrollen eingeführt. „Ich bin besorgt, dass ein zweites Ischgl droht“, hatte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder schon vor dem weitgehenden Einreisestopp lautstark verkündet.
Der größte bekannte Ausbruch der südafrikanischen Corona-Virus-Variante in der EU lässt die Alarmglocken schrillen. Denn die Virusmutation gilt als ansteckender. In Südafrika wird sie schon für 90 Prozent der neuen Covid-Fälle verantwortlich gemacht. Die vorläufigen Ergebnisse einer Studie zeigten, dass der Impfstoff von Astra-Zeneca vor der südafrikanischen Virus-Variante nur begrenzten Schutz im Fall leichterer Verläufe bietet.

Im Gesundheitsministerium heißt es allerdings, von allen zugelassenen „Piksern“, sie „seien wirksame Impfstoffe, die vor schweren Verläufen und vor Todesfällen schützen.“
Tirol hat dennoch bei der Regierung den „dringenden Wunsch“ auf zusätzliche Lieferungen von mRNA-Impfstoffen angemeldet. Der Tiroler Grünen-Politiker Gebi Mair will sogar einen „Impf-Schutzschirm“ für die betroffenen Gebiete mit Mutationen aufspannen, wenn die jetzigen Maßnahmen nichts bringen.

Der Tropenmediziner und Impf-Spezialist Herwig Kollaritsch hält wenig von einer Änderung des Impfplanes, auch wenn sich die Südafrika-Mutation weiter bei uns verbreitet. „Wenn wir jetzt hergehen und sagen, wir nehmen mRNA-Impfstoff und geben ihn zum Beispiel nach Tirol, dann haben wir im Rest des Landes einen Mangel daran. Die älteren Personen können nicht mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpft werden, weil er in der Gruppe nicht zugelassen ist. Damit würde man auf Kosten der verletzlichsten Gruppe agieren. Das wäre absolut unethisch.“ Und bis ein Effekt der Impfung zu sehen sei, vergingen sechs Wochen.

"Nachimpfen" bei neuen Mutationen ist möglich
Virus-Mutationen werden uns auch noch in den kommenden Jahren beschäftigen, sagt eine britische Mikrobiologin voraus. Das sei normal. Nur wenige Varianten würden den Erreger ansteckender machen oder die Immunantwort einschränken. Wichtig ist, sie früh zu finden.
„Es ist prinzipiell so, dass das Virus versucht, sich an den Wirt anzupassen. Das geschieht nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Die Variante, die die besten Möglichkeiten hat, sich weiterzuverbreiten, wird sich durchsetzen“, weiß der Wiener Universitätsprofessor Kollaritsch.

Das Virus könnte sich im Laufe der Jahre auch abschwächen und zum einfachen Schnupfen-Erreger werden, meinen manche Forscher. „Diese Hoffnung besteht natürlich noch immer, aber es ist nicht zu erwarten, dass das jetzt schnell passiert“, dämpft Kollaritsch solche Erwartungen.
Neue Impfstoffe, die an die Virusmutationen angepasst sind, könnten relativ schnell entwickelt werden.Wird ein „Nachimpfen“ möglich sein? „Es ist durchaus wahrscheinlich, dass wir im Laufe der Jahre, so wie wir es auch bei den Grippe-Impfstoffen machen, natürlich das Präparat wechseln können oder auch die Zusammensetzung“, erklärt der Tropenmediziner. „Sehr wahrscheinlich“ möglich ist auch der „Umstieg“ von einem Vektor- auf einen mRNA-Impfstoff.
Eine Rückkehr zur Normalität scheint angesichts der Mutationen in die Ferne zu rücken. Wann werden wir zu ihr zurückkehren? „Bis wir es so weit im Griff haben, wie jetzt zum Beispiel die Grippe, damit rechne ich im Herbst. Tatsache ist, dass wir auch mit der Grippe gelernt haben zu leben. Auch sie fordert jedes Jahr viele Todesfälle. Nur geht das mittlerweile unter, weil sich – brutal gesagt – kein Mensch mehr darum kümmert, weil wir das eben jedes Jahr erleben“, sagt Herwig Kollaritsch.

Vollkommen „ausrotten“ werden wir das Corona-Virus nie können, „es wird uns sicherlich über viele Jahre beschäftigen. Wir müssen nicht nur lernen, damit zu leben, sondern wir müssen lernen, damit umzugehen. Das Maskentragen wird sich sicher ein bisschen abschwächen im Lauf der Zeit, aber wir werden schon damit leben müssen, dass wir Prinzipien der Seuchenhygiene über viele Jahre beibehalten müssen.“

Diese Mutationen sind auf dem Vormarsch
Britische Variante B.1.1.7
Sie wurde am 3. Jänner zum ersten Mal in unserem Land gefunden. Seit September 2020 hatte sich diese Mutation in Großbritannien ausgebreitet, mittlerweile ist sie in mindestens 86 Ländern weltweit „angekommen“.
Die Variante ist nach derzeitigem Wissensstand leichter übertragbar und schwerer einzudämmen. Laut Robert-Koch-Institut gibt es bislang keine Hinweise auf „eine verringerte Wirksamkeit der Impfstoffe“. Sorgen bereitet Forschern allerdings eine kürzlich aufgetauchte Veränderung der Mutation, die das vielleicht ändern könnte. Bei uns ist die „normale“ britische Mutation vor allem in Ostösterreich aktiv.

Südafrikanische Variante B. 1.351
Am 18. Dezember berichtete die südafrikanische Regierung zum ersten Mal von dieser Mutation. Jetzt ist sie schon in mehr als 40 Staaten aufgetaucht. Auch sie weist laut ersten Untersuchungen eine höhere Übertragbarkeit auf. Für Unruhe sorgt die Variante aber wegen möglicher Effekte auf manche Impfungen.
Südafrika hat wegen Zweifel an der Varianten-Wirksamkeit den Impfstoff-Einsatz von AstraZeneca vorläufig ausgesetzt. Forscher gehen aber davon aus, dass schwere Erkrankungen damit verhindert werden können. Bei uns stammten in der vergangenen Woche fast alle bestätigten Infektionen mit der Südafrika-Variante aus Tirol.

Brasilianische Variante P.1
Sie hat sich zuerst im brasilianischen Bundesstaat Amazonas verbreitet. Befürchtet wird, dass sie ansteckender ist und eine schon durchgemachte Krankheit nicht mehr vor ihr schützt. Bei uns gab es sie zu Redaktionsschluss nicht.
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