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Ausgabe Nr. 06/2021 vom 09.02.2021, Fotos: Instagram (2), zVg
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WM-Höhepunkte der zweiten Woche
Mi., 10.2.: Herren Kombination,
10 Uhr: Super-G/13.30 Uhr: Slalom
Sa., 13.2.: Frauen Abfahrt, 11 Uhr
So., 14.2.: Herren Abfahrt, 11 Uhr
Di., 16.2.: Herren und Damen Parallel-Slalom,
9 Uhr: Qualifikation/14 Uhr: Finale
„Flachländer“ mit Bauernhof-Gen
Hohe Berge gibt es in seiner Heimat nahe Linz (OÖ) nicht, trotzdem rast Vincent Kriechmayr, 29, umso schneller talwärts, je steiler die Pisten sind. Um für die anstrengendsten Schussfahrten seine Akkus aufzuladen, hilft er am 800 Jahre alten Eltern-Bauernhof und mistet den Stall aus.
Manchmal muss der Kraftlackel aus Gramastetten (OÖ) selbst schmunzeln, wenn er über sein Sportlerleben grübelt. „Ich arbeite so hart für nur 20 Rennen jährlich, die jeweils zwei Minuten dauern“, rechnet Vincent Kriechmayr, 29, vor. „Also für 40 Minuten im Jahr. Aber die sind einzigartig.“ Die von ihm aus nächstgelegene Anhöhe ist der 539 Meter hohe Pöstlingberg, die höchste Erhebung des Heimatbezirkes „Urfahr-Umgebung“ ist der Sternstein mit 1.125 Meter –
für viele Tiroler im Schiteam gar kein richtiger Berg. „Ich werde trotzdem nur selten Flachländer genannt“, ist der Mühlviertler dankbar.

Zu viel Respekt haben die Kollegen vor ihm, nicht erst seit seinem Super-G-Sieg in Kitzbühel (T) und Garmisch (D, am Wochenende), sondern bereits seit WM-Silber und -Bronze bei der WM in Åre (Schweden) 2019. Ein Anführer unter seinen Kollegen will der bescheidene Oberösterreicher aber nicht sein. „Als Leithammel sehe ich mich nicht.“
Mutter Gertrudis, eine belgische Kunstgeschichte-Lehrerin, die den Sohn nach dem Maler Vincent van Gogh benannte, und Vater Heinrich, der Wirtschaftsrecht studierte und dann Landwirt wurde, wissen, warum der Sohn trotz allem mit den Bergen per du ist. „Ich war früher im Winter Schilehrer in Obertauern (S)“, erzählt der Vater. „Unsere Kinder Vincent, Jakoba und Rafael haben jedes Jahr bis Dezember in Oberösterreich verbracht. Danach sind sie von Weihnachten bis zum Ende des Semesters mit mir nach Salzburg übersiedelt, dort viel Schi gefahren und in die Schule gegangen, bevor es wieder nach Gramastetten ging. Es war ein Zigeunerleben.“

Aber Obertauern änderte nichts an Kriechmayrs Liebe zum Bauernhof der Eltern. „Wenn ich nach Hause komme, helfe ich immer noch am Hof mit und bin dort der Knecht. Was mir angeschafft wird, das mache ich.“ Beim Ausmisten des Stalles kann Kriechmayr, der mit der Schifahrerin Michaela Heider, 25, liiert ist, am besten seine Akkus aufladen. „Einen Tag im Stall zu arbeiten, schärft meinen Blick für die wichtigen Dinge im Leben“, betont er.
Federica Brignone und Marta Bassino – Zwei flotte Italienerinnen
Die Athletinnen Federica Brignone, 30, und Marta Bassino, 24, sollen dem Gastgeberland Italien die Heim-WM in Cortina d‘Ampezzo vergolden.
Am Ende schlagen die Gene doch durch. „Federica war eine
Spätstarterin, die erst mit 25 Jahren ihr erstes Rennen gewann“, erinnert sich Mutter Maria Rosa Quario, 59, die in den 80ern vier Slaloms gewann. „Als Kind litt ich unter der Berühmtheit meiner Mutter“, verrät Brignone, 30. Heute hat die amtierende Gesamtweltcupsiegerin, die auch olympisches Bronze und WM-Silber gewann, deren Erfolge in den Schatten gestellt.Ihr größtes Anliegen jedoch ist, die Meere vom Plastikmüll zu befreien, dafür stieg sie sogar vor Kameraleuten mit ihrer Rennmontur ins Meer.
Ihre Landsfrau Marta Bassino, 24, gilt nach insgesamt vier Riesentorlaufsiegen heuer als WM-Goldfavoritin. „Ich hoffe, ich kann in Italien meine Siegesschwünge wiederholen“, sagt Bassino. Sie gilt als vergesslich und schusselig. „Im Schizirkus haben sie mir den Spitznamen Dory gegeben“, klagt Bassino, „nach dem vergesslichen Fisch aus dem Film ,Findet Nemo‘.“ Ihr persönliches Logo ziert eine Schnecke, nicht gerade für Schnelligkeit bekannt. „In meiner Heimatstadt Borgo San Dalmazzo sind Schnecken eine kulinarische Spezialität“, betont sie.

Pinturault visiert Doppelgold an – Der Traum Hirschers Helikopter
Wenn Alexis Pinturault, 29, seine Schwünge in den Schnee ritzt, dann mit der allerfeinsten Technik. Der Favorit auf Gold in Kombination und Riesentorlauf hat ein prachtvolles Anwesen direkt am französischen See „Lac d‘Annecy“ und eine Wohnung im Salzburger Altenmarkt.
Früher waren sie gut befreundete Nachbarn, nicht nur auf dem Siegespodest, sondern auch geographisch. „Manchmal fragte mich Marcel Hirscher, ob er mich in seinem Helikopter zu den Schiorten mitnehmen soll“, erinnert sich Alexis Pinturault, 29, lachend. Der Wahl-Pongauer besitzt nur 25 Kilometer von Hirschers Heimatort Annaberg entfernt in Altenmarkt (S) eine Wohnung, spricht gut Deutsch und hat viele heimische Sponsoren. „Ich vermisse Marcel und unsere Rivalität“, klagt er und träumt davon, eines Tages auch per Helikopter zu den Rennen eingeflogen zu werden.

In Pinturaults Heimatort Courchevel (F) ist der Riesentorlauf-Spezialist dank zwei Mal WM-Gold und 33 Einzelweltcupsiegen ein Held und wird oft erkannt. „Deswegen habe ich in Salzburg eher die Möglichkeit, ein privates Leben zu führen“, gibt er zu. Pinturaults erklärtes Ziel ist, mit noch mehr Medaillen Schi-Geschichte zu schreiben, seine Erfolgstaktik besteht darin, das Denken auszuschalten. „Ich überlasse meinem Körper die Kontrolle, verlasse mich auf ihn“ sagt er. „Mache ich einen Fehler, grüble ich nicht darüber nach, sondern versuche, ihn schnell zu vergessen.“ Der Franzose gilt als vehementer Gegner der Parallelbewerbe, die in Cortina erstmals als Einzelbewerbe im Programm stehen. „Diese Disziplin ist wie ein Glücksspiel, bevorzugt durch die Technik des Wegfaustens der Tore große Athleten und ist extrem verletzungsgefährlich“, poltert Pinturault, obwohl er selbst schon zwei Bewerbe gewann.
Sollte der Top-Favorit auf Gold in der Kombination und im Riesentorlauf vergoldet von Cortina heimkehren, fürchtet sich der schüchterne Athlet schon jetzt vor dem Ansturm der Anhänger. Um der überbordenden Aufmerksamkeit der Massen zu entfliehen, hat er sich mit seiner Frau Romane, 29, die er seit der Schulzeit kennt und die auch seine Pressesprecherin ist, samt Hund „Joia“ ein Anwesen am See Annecy (F) gekauft. Abseits der Massen. „Wir haben dort einen eigenen Bootssteg und gehen auch gerne tauchen“, erzählt er. „Unter Wasser ist es so still, da fühle ich mich besonders wohl“, betont der wortkarge Athlet.

Michael Matt und Dominik Paris nach früheren Tragödien – „Schifahren ist unsere Therapie“
Das Slalom-Ass Michael Matt, 27, und der italienische Abfahrts-Held Dominik Paris, 31, leiden unter tragischen Erlebnissen. Der Rennsport hilft.
Bis zum heutigen Tag spüre ich die Nachwirkungen des Unfalles, etwa wenn ich beim Tauchen die Luft anhalte“, verrät Michael Matt, 27. Der Tiroler Vizeweltmeister von 2019 war als Achtjähriger beim Schifahren von einer Lawine mitgerissen und verschüttet worden. „Mein Cousin wurde wieder nach oben gespült, doch ich lag 15 Minuten lang bewusstlos im Schnee“, erzählt er. Das Unglück veränderte Matts Leben, es dauerte viele Jahre, bis er den Vorfall mental verarbeitet hatte. Oft träumte er nachts vom Lawinen-Drama. „Heute bin ich dankbar, es hinter mir gelassen zu haben und wieder Rennen fahren zu dürfen.“
Eine nicht minder einschneidende Tragödie erlebte Dominik Paris, 31. „Der Unfall passierte direkt vor unserem Haus in Südtirol“, erinnert sich der Super-G-Weltmeister von 2019. „Ich sah den Rettungshubschrauber und fand meinen Bruder Rene sterbend auf der Straße liegen,
der mit seinem Motorrad in ein Auto gekracht war.“ Dieses Erlebnis warf ihn wenige Monate nach seinem Triumph auf der Streif 2013 völlig aus der Bahn, zumal der Bruder nach der Scheidung der Eltern seine wichtigste Bezugsperson gewesen war. „Erst auf den Rennpisten fand ich meinen inneren Frieden wieder.“
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