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Ausgabe Nr. 06/2021 vom 09.02.2021, Fotos: David Schreiber, Bubu Dujmic Photography
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Matthias Unger, Andreas Wohlmuth
Soll das Pensionsalter deutlich steigen?
In einem „Grünbuch“ hat die EU-Kommission Zahlen zum Thema Altern zusammengestellt. Ein Befund der Statistiker darin lautet, dass das Pensionsalter in der EU bis 2040 auf 70 Jahre steigen müsste, um das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und „Ruheständlern“ auf dem aktuellen Stand zu halten. Derzeit liegt bei uns das gesetzliche Pensionsalter für Männer bei 65 Jahren, für Frauen bei 60 Jahren. Für sie steigt es von 2024 bis 2033 schrittweise auf 65 Jahre.
JA:
Matthias Unger,
Vorsitzender der Jungen Industrie

„Ja, mittelfristig wird eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters nötig sein. Hätten wir in der Vergangenheit mehr getan, damit das tatsächliche Antrittsalter zumindest dem gesetzlichen entsprechen würde, wer weiß … Reformen im Pensionssystem, etwa ein echter Automatismus, waren in Österreich aber immer schwierig bis unmöglich. Stattdessen wurden in jedem Wahlkampf noch teurere Wahlzuckerl verteilt. 2019 etwa wurden unter anderem bestehende Abschläge auf Frühpensionierungen abgeschafft – ein fatales Signal, denn unser Pensionssystem wäre selbst ohne Corona weder fair noch nachhaltig. Die jetzige Krise bedeutet aber: viele Arbeitslose, dadurch weniger einbezahlte Pensionsbeiträge, daher noch mehr Zuschuss von Steuergeld ins Pensionssystem. Die Pensionistinnen und Pensionisten wird das nicht mehr betreffen, aber deren Kinder und Enkel werden doppelt und dreifach zahlen müssen, denn auch die Kosten dieser Krise, bereits mehr als 35 Milliarden Euro, müssen irgendwann beglichen werden. Jüngere Jahrgänge werden daher später in Pension gehen müssen, weniger Pension werden sie relativ gesehen ohnehin schon bekommen. Anders wird es wohl nicht gehen.“

NEIN:
Andreas Wohlmuth,
Pensionistenverband-Generalsekretär

„Wenn das Pensionsalter angehoben wird, würde das die aktuell hohe Arbeitslosigkeit noch mehr steigen lassen. Es wird immer so getan, als ob der Zeitpunkt des Pensionsantrittes allein von den Arbeitnehmern abhängt. Weit gefehlt. Es gibt Firmen, die Menschen systematisch Ende 50 oder Anfang 60 hinausmobben. Es gibt Menschen, die von den körperlichen oder psychischen Belastungen ihrer Arbeit krank geworden sind und schon jetzt nicht bis zum gesetzlichen Pensionsalter arbeiten können. Auch jene hunderttausende ältere Beschäftigte, die in der Corona-Krise unschuldig ihren Arbeitsplatz verloren haben, können nicht länger arbeiten. Sie würden gerne, aber wo? Für all diese Gruppen ist es zynisch und realitätsfremd, einen Pensionsantritt mit 70 oder 71, wie dies im Grünbuch der Europäischen Kommission steht, zu verlangen. Wir brauchen Stellen, die nicht krank machen. Wir brauchen altersgerechte Arbeitsplätze. Wir brauchen Firmen, die älteren Mitarbeitern ein längeres Arbeiten ermöglichen. Es muss endlich zu einem Umdenken in den Personalbüros und bei den Firmenchefs kommen. Denn ältere, erfahrene Mitarbeiter sind ein Gewinn für jedes Unternehmen.“
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