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Ausgabe Nr. 05/2021 vom 02.02.2021, Foto: Jan Woitas / dpa / picturedesk.com
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Experte ist für kürzere Sommerferien.
Das umstrittene Klassenzimmer
Kinder und Jugendliche leiden am fehlenden Schulbetrieb. Viele lernen im Fernunterricht auch deutlich weniger. Bildungexperte Andreas Salcher will deshalb den Schulanfang im Herbst um zwei Wochen vorverlegen.
Oberstufen-Schüler haben seit Ende Oktober nur in Ausnahmefällen ein Klassenzimmer von innen gesehen. Die Sechs- bis 14jährigen werden seit Weihnachten durchgehend aus der Ferne unterrichtet. Mit Höhen und Tiefen, wie Eltern und Schüler wissen. Eine Verkürzung der Sommerferien, um Versäumtes nachzuholen, war für ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann zuletzt aber kein Thema.
Ganz anderer Meinung ist der Bildungsexperte Andreas Salcher. „Eltern berichten mir glaubhaft, dass der Fernunterricht an vielen Schulen Illusion ist. In vielen Volks- und Mittelschulen fallen die Bildungsfernen dramatisch zurück. Sachlich gesehen wäre die richtige Lösung, den Schulbeginn im Herbst um zwei Wochen vorzuverlegen“, sagt der Buchautor. „Dann sollte die Pandemie überwunden sein. Lernen ohne Klassenteilungen, Masken und Tests sowie endlich wieder Sport und Musik sollten dann problemlos möglich sein. Die Fußball-Euro und die Olympischen Spiele wurden verschoben, Gastronomie und Hotel sind geschlossen, Theater und Konzerte abgesagt. Da ist es wohl zumutbar, wenn in einem Krisenjahr Sommerferien nur sieben statt neun Wochen dauern.“
Die Lehrervertreter halten davon wenig. „In der Steiermark und Oberösterreich, wo die Semesterferien nur um eine Woche verschoben werden, sind die Rückmeldungen der Eltern ganz negativ. Denn die Urlaube müssen meist langfristig geplant werden, das ist im Sommer sicher auch nicht anders“, erklärt Herbert Weiß, der Vorsitzende der AHS-Gewerkschaft.

Lehrer-Vertreter sind gegen kürzere Sommerferien
„Dazu kommt, dass die Situation in unseren Schulen schon Anfang Juli oft fast unerträglich ist, was die Raumtemperatur und die Luftqualität betrifft“, kritisiert Weiß. „Die Räume sind nicht dafür gebaut, es existieren keine Klimaanlagen.“ Der Großteil der Schüler habe zudem eifrig und ordentlich gearbeitet. „Sie haben sich die Ferien verdient, natürlich auch die Lehrer.“ Auch der oberste Pflichtschullehrer-Gewerkschaftler Paul Kimberger will die Ferienregelung wie in normalen Schuljahren beibehalten.
Normal war in diesem Schuljahr bisher wenig. Die Ausgangsbeschränkungen und Schulsperren haben ihre Spuren bei den Kindern und Jugendlichen hinterlassen. Immer mehr leiden an Essstörungen und Depressionen. Kinder- und Jugendpsychiater warnen vor den Folgen der monatelangen Schulschließungen auf den Nachwuchs. Kinderärzte plädieren schon seit Wochen für eine baldige Wiederaufnahme des Schulbetriebes.

Doch das Corona-Virus macht auch vor Schulklassen nicht halt. Eine Studie bei Pflichtschülern zeigte, dass sie sich ähnlich häufig anstecken wie die gesamte Bevölkerung. Das Bildungsministerium will deshalb bis zu zwei Mal pro Woche „Corona-Überprüfungen“, wenn der Schulbetrieb wieder beginnt. Mit einem „Nasenbohrer-Test“, bei dem das Stäbchen nicht tief in das „Riechorgan“ eingeführt werden muss. Sie sollen freiwillig sein, hieß es bei der Vorstellung des Programmes Anfang Jänner.
Das war den Lehrer-Gewerkschaftern zu wenig. Sie forderten vergangene Woche eine Testpflicht. „Bei Schülern unter 14 Jahren brauchen wir die Einverständniserklärung der Eltern, um Kinder zu testen. Leider bekomme ich viele Rückmeldungen, dass viele Eltern dieses Einverständnis nicht geben wollen“, erzählte Paul Kimberger noch vor der Verkündung der „Lockdown“-Änderungen.

Der Vertreter der Gymnasiallehrer, Herbert Weiß, blies ins selbe Horn. „Wir Lehrer haben die Verpflichtung,
eine FFP2-Maske zu tragen. Wenn jemand stattdessen nur einen Mund-Nasen-Schutz tragen will, muss er einen negativen Test vorweisen können. Eine entsprechende Regelung stellen wir uns auch bei den Schülern ab zehn Jahren vor“, sagte er vergangene Woche. Jetzt soll es für die Schüler ein „Reintesten“ ins Schulgebäude geben.
Von einer „verlorenen Generation“ durch den langen Computer-Unterricht will Herbert Weiß allerdings nichts wissen. Dieses Schlagwort hält er „für völlig überzogen. Und auch fast für eine Beleidigung der Generationen, denen so etwas tatsächlich aufgrund von Kriegen passiert ist. Die Kinder haben im Fernunterricht zudem vieles andere gelernt, etwa was Selbstorganisation betrifft.“ Auch dem Pflichtschullehrer-Gewerkschaftler Paul Kimberger machen etwa die fehlenden sozialen Schul-Beziehungen mehr Sorgen „als die von manchen Experten ausgerufene Bildungskatastrophe. Da oder dort sind Lücken entstanden, keine Frage, aber eine verlorene Generation kann ich wirklich nicht erkennen.“ Zumal es ab dem Sommersemester zusätzliche Förderstunden geben soll.

Dass so manche Fachleute ein großflächiges Wiederholen des Corona-Schuljahres fordern, stößt auf Widerstand von Schülern und Lehrern. Auch der Bildungsexperte Andreas Salcher ist dagegen: „Man muss endlich zur Kenntnis nehmen, dass das heuer kein normales Schuljahr mehr wird und darauf flexibel reagieren: Mit realistischen Lernzielen anstatt dem Versuch, krampfhaft die zentralen Lehrpläne in Schüler zu stopfen. Viele Schüler wiederholen zu lassen, wäre ein völlig veralteter Ansatz und freiwillig werden das nur ganz wenige machen.“
Das Semesterzeugnis gibt es für die meisten Schüler heuer erst nach den Ferien. Ausgenommen sind jene, die in eine andere Schule wechseln. Alle anderen werden sich die „Schulnachricht“ wohl holen, wenn sie in die Klassen dürfen.
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