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Ausgabe Nr. 02/2021 vom 12.01.2021, Foto: Polushin Alexander/stock.adobe.com
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Das Hormon Östrogen und sein großer Einfluss auf die geistige Gesundheit der Frauen.
Das weibliche Gehirn – Teil 1
Der „Wechsel“ gefährdet das weibliche Hirn. Frauen sind doppelt so häufig betroffen, im Alter an Demenz zu erkranken, wie Männer. Ebenso treten andere Erkrankungen des Gehirnes bei ihnen häufiger auf. Die US-Neurologin und Gehirnspezialistin Dr. Lisa Mosconi erklärt, warum das weibliche Gehirn empfindlicher reagiert.
Vergesslichkeit, Sprachschwierigkeiten und Wesensveränderungen. Rund einhundertzwanzigtausend Menschen in unserem Land leiden an einer Demenzerkrankung, bis in das Jahr 2050 soll sich diese Zahl, so die Prognosen, verdoppeln.

Die Zahl der Demenz-Patienten unter den beiden Geschlechtern ist jedoch nicht gleich verteilt. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Auf unser Land umgelegt bedeutet das, gut achtzigtausend aller Demenzpatienten sind weiblich.

Für die renommierte Neurowissenschaftlerin und Nuklearmedizinerin Dr. Lisa Mosconi, Direktorin der Alzheimer Vorsorge Klinik am Weill Cornell Medical College in New York (USA), ist das nicht (mehr) überraschend. Die Spezialistin in Gesundheitsfragen des Gehirnes weiß um die Empfindlichkeit des weiblichen Gehirnes. „Frauen entwickeln doppelt so oft Angststörungen und Depressionen wie Männer. Frauen haben im Vergleich ein mehr als dreifach höheres Risiko, an einer Autoimmun-Erkrankung zu erkranken, einschließlich solcher, die das Gehirn angreifen wie etwa Multiple Sklerose. Mehr Frauen sterben an Schlaganfällen als Männer und im Vergleich zu diesen haben sie ein vierfach erhöhtes Risiko, an Migräne und Kopfweh zu leiden. Und sie bilden häufiger als Männer Meningeome aus, die häufigsten Hirntumore“, verrät Dr. Mosconi aus Statistiken.
Der Grund für diese erhöhte Gefährdung der Gehirngesundheit bei Frauen liege, so die Spezialistin, nicht in einer längeren Lebensdauer von Frauen. „Der Unterschied in der Lebensdauer zwischen Männern und Frauen liegt oft nur mehr zwischen zwei und fünf Jahren. Es gibt keine biologische Bevorzugung der Frau für eine längere Lebensdauer“, verrät sie.

Östrogen schützt Gehirn und Nerven
Die erhöhte Empfindlichkeit des weiblichen Gehirnes, vor allem in der zweiten Lebenshälfte Krankheiten zu entwickeln, führt die Neurowissenschaftlerin auf einen gewichtigen Faktor zurück. Der Abfall des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen in den Wechseljahren. „Östrogen ist ein Hauptregulator im weiblichen Gehirn. Es dient vielen Zwecken, die nichts mit der Fortpflanzung, sondern vielmehr mit dem Energiestoffwechsel zu tun haben. Östrogen reguliert die Energieproduktion und das Gleichgewicht der Gehirnfunktionen. Das ist besonders wichtig, um Hirnzellen gesund wie auch aktiv zu halten und die Gehirnaktivität in Regionen zu unterstützen, die für Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Planung zuständig sind. Zudem ist Östrogen ein die Nerven schützendes Hormon“, erklärt die Gehirnforscherin.

Untersuchungen weiblicher Gehirne kurz vor und kurz nach der Menopause mit Magnetresonanztomographie (MRT) und Positronen-Emissions-Tomografie (PET) haben eines gezeigt, der Stoffwechsel im weiblichen Gehirn lässt nach der Menopause nach, um bis zu 30 Prozent. Männer des gleichen Alters zeigten hier oft keine Veränderung. Bei manchen Frauen waren in diesem Alter bereits eine Schrumpfung der Gedächtniszentren sowie Ablagerungen, amyloide Plaques, die typisch sind für eine Alzheimer-Krankheit, zu erkennen. „Aufgrund von Unterschieden in der Menge und Qualität der Hormone altern weibliche Gehirne also anders als die der Männer“, weiß die Expertin.

Diabetes, Herzkrankheiten und Schilddrüsenleiden schädigen die Versorgung des Gehirns
Der schützende Effekt des Östrogens geht dem weiblichen Gehirn allmählich verloren. „Die meisten Frauen spüren dies oft an jahrelangen Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Bei manchen schwächt der Östrogenabfall die Fähigkeit des Gehirnes, Krankheiten wie Alzheimer zu widerstehen. Die Wechseljahre können wie ein Schub wirken, wenn auch Symptome Jahrzehnte später auftreten.“ Andere Erkrankungen des Gehirnes, die um die Wechseljahre auftreten können, sind Schizophrenie und Depressionen.

Wie gut das Gehirn arbeitet, wie gesund es bleibt und seine Widerstandskraft hängen nur in geringem Maße von der genetischen Veranlagung ab. Eine bedeutendere Rolle spielt der Stoffwechsel im Gehirn. Wie gut es durchblutet wird, wie gut es in der Lage ist, Sauerstoff und Nährstoffe aufzunehmen. „Mit den Wechseljahren erhöht sich das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht, für Probleme mit der Schilddrüse sowie für chronische Entzündungen durch rheumatische Leiden oder Parodontitis. All diese Krankheiten vermindern den Stoffwechsel im Gehirn. Insgesamt gibt es vierzig Krankheiten, die Demenz hervorrufen oder ähnliche Symptome auslösen“, warnt Dr. Mosconi.

Der Alltag hat großen Einfluss darauf, ob das Gehirn krank wird oder nicht
Neben den medizinischen Risiken nimmt der Lebensstil großen Einfluss darauf, wie gesund Frauen den Wechsel und die Zeit der unfruchtbaren Jahre erleben. Stress, Bewegungsmangel, eine ungesunde Ernährung sowie wenig geistiger Anreiz durch Familie, Freunde und Hobbys sind „Stellschrauben“, an denen jede Frau drehen kann. Dann hält sie das Gehirn im Allgemeinen fit und die kognitive Gesundheit (logisches Denken, „klarer Kopf“, Erinnern) im Besonderen. „Eine Demenz kommt nicht plötzlich. Sie baut sich auf, lange vor den ersten Symptomen. Die auftretenden kognitiven Störungen sind nicht heilbar, und Medikamente lindern nur Symptome, verhindern aber nicht deren Fortschreiten.“

Nächste WOCHE lesen Sie: Medizinische Unterstützung sowie Tipps zu Ernährung und Sport für das weibliche Gehirn.
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