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Ausgabe Nr. 52/2020 vom 21.12.2020, Foto: Fine Art Pictures
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Die Wilde Jagd, gemalt 1872 vom Norweger Peter Nicolai Arbo.
Das Geheimnis der Raunächte Teil 2
Träume werden wahr. Die Raunächte dauern zwölf Tage und sind eine geschenkte Zeit, die zum Innehalten genutzt werden soll. Das Arbeiten ist während der Raunächte verpönt. Waschen, Putzen und Backen müssen vor den Raunächten erledigt werden, sonst droht Unheil. Dem Volksglauben zufolge steht in dieser Zeit das Tor zum Geisterreich offen. Die Wilde Jagd, ein wütendes Heer aus Geistern, treibt sich in dieser Zeit herum. Was in den Raunächten geträumt wird, soll sich im neuen Jahr ereignen. Deshalb ist es ratsam, sich seine Träume zu notieren.
Durch Berg und Tal, durch Schlund und Schacht, durch Tau und Wolken, Sturm und Nacht! Durch Höhle, Sumpf und Erdenkluft, durch Feuer, Erde, See und Luft. Jaho! Wauwau!
Mit diesen Worten wird in der Oper „Freischütz“ das wilde Heer beschrieben. Nach den Vorstellungen unserer Vorfahren waren in den Raunächten die Geister in wilden Horden, der sogenannten „Wilden Jagd“, unterwegs.

Wer der Anführer des Geisterzuges ist, unterscheidet sich je nach Überlieferung. Ursprünglich führte der germanische Göttervater Wotan die Armee an. In manchen Varianten ist es Frau Holle, die in diesem Kontext nicht als Märchenfigur, sondern als Gottheit dargestellt wird. In unseren Breiten wird gern Frau Percht als Anführerin gesehen. Dem Heer gehören meist auch Tiere an, vor allem Pferde und Hunde.

In den Raunächten darf keine Wäsche gewaschen werden
Wer der Wilden Jagd begegnet, muss sich sogleich bäuchlings zu Boden werfen, damit er nicht mit fort in die Lüfte gerissen wird. „Auf keinen Fall darf während der Raunächte Wäsche gewaschen und zum Trocknen aufgehängt werden. Die Wilde Jagd könnte sie mitnehmen und als Leichentuch für dessen Besitzer verwenden“, erzählt Nina Stögmüller, die darüber auch das Buch „Raunächte erzählen“ schrieb.

Selbst das Spannen von Wäscheleinen war verboten, denn auch darin konnte sich die Wilde Jagd verfangen. „Der Brauch, generell in der Silvesternacht keine Wäsche aufzuhängen, hat sich bis heute gehalten“, sagt die gebürtige Oberösterreicherin.
Überhaupt durfte in den Raunächten wenig getan werden. Backen, Spinnen, Weben und Putzen mussten vor den zwölf Raunächten abgeschlossen sein. „Das Haus musste geputzt sein, denn Unordnung und Schmutz ziehen die Wilde Jagd an. Der traditionelle Weihnachtsputz hat hier wohl seine Wurzeln“, erzählt die 48jährige.
Vor Weihnachten mussten zudem die Schulden beglichen sein und Ausgeborgtes zurückgegeben werden. Es durften weder Haare noch Nägel geschnitten sowie keine Karten gespielt werden. Die Raunächte sind auch eine gute Zeit, um Probleme mit anderen Mitmenschen auszusprechen.
Daneben boten die Raunächte die Möglichkeit, sich Einblick in das kommende Jahr zu verschaffen. Deshalb wurden sie auch „Losnächte“ genannt, weil sie über das Los, das Schicksal, entschieden. „Los“ kommt von „losen“, etwas „vorhersagen“.

Mit verschiedenen Ritualen wurde die Zukunft weisgesagt. Auf den Bauernhöfen waren früher Weihnachtsorakel verbreitet. „Wenn die Frauen vom Hof zuerst von der Christmette heimkamen, dann gab es im Jahr darauf mehr Kuhkälber. Waren die Männer zuerst daheim, dann sollten es mehr Stierkälber sein“, erzählt Stögmüller.
Vor dem Gang in die Mette wurde ein Ei in eine Schale Wasser geschlagen und unter das Bett gestellt. „Nach der Christmette wurde geschaut, wie das Ei zerlaufen ist. Anhand der Form wurde die Zukunft vorausgesagt.“
In der Heiligen Nacht beginnen laut dem Volksglauben auch die Tiere zu sprechen. Der Bauer sollte zu Mitternacht in den Stall gehen, um dem Vieh zuzuhören. Dabei erfuhr er möglicherweise, was das nächste Jahr bringen wird. In einigen Überlieferungen heißt es jedoch, dass jeder, der die Tiere sprechen hört, bald darauf stirbt.

Die Träume verraten, was im neuen Jahr geschieht
Weitaus weniger gefährlich ist es, sich seine Träume zu notieren. „In den Raunächten empfiehlt es sich, ein Traumtagebuch zu führen. Jede Raunacht steht für einen Monat. Die erste für den Jänner, die letzte für den Dezember. Was in der jeweiligen Raunacht geträumt wird, passiert in dem dazugehörigen Monat“, erklärt die Oberösterreicherin.
Die Träume sollten aufgeschrieben werden. Am besten ein Notizbuch neben das Bett legen, denn nach dem Aufstehen ist die Erinnerung an den Traum meist schnell dahin. „Aus alten Überlieferungen ist bekannt, dass in den Raunächten die Tore in die Traumwelt offenstehen. Was wir in den Raunächten träumen, kann uns die Richtung für das kommende Jahr weisen und uns als Orientierungshilfe dienen“, sagt Stögmüller.

An die Macht der Träume glaubten bereits die alten Ägypter. Die Menschen waren überzeugt, dass Götter durch die Träume mit ihnen in Kontakt treten und ihnen so die Zukunft zeigten. Die Kunst der Traumdeutung war so wichtig, dass Priester viele Jahre studieren mussten, um ein Traumdeuter zu werden. Ägyptens bekannteste Sammlung von Träumen ist das sogenannte „Hieratische Traumbuch“, das etwa um 1150 vor Christus niedergeschrieben wurde.
„Gott hat die Arzneien geschaffen, um die Krankheiten zu heilen, den Wein, um die Traurigkeit zu vertreiben, und die Träume, um den Träumenden zu leiten, der die Zukunft nicht kennt“, lautet eine ägyptische Weisheit.
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