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Ausgabe Nr. 46/2020 vom 10.11.2020, Foto: mauritius images / Ikon Images
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Zum zweiten Mal wurden in unserem Land aufgrund der Corona-Pandemie eine Ausgangsbeschränkung verhängt.
Vom Virus überrollt
Wir werden dem Virus nicht Herr. Zum zweiten Mal wurden in unserem Land aufgrund der Corona-Pandemie eine Ausgangsbeschränkung verhängt und Wirtschaftszweige stillgelegt. Sogar die Weltgesundheitsorganisation hat davon abgeraten. Die Zahl der Arbeitslosen wird steigen. Intensivbetten gibt es hingegen genug, meinen Mediziner, die Gesundheitsminister Anschober kritisieren. Er würde den Menschen nur Angst machen.
Restaurants, Hotels, Sportanlagen und Fitness-Center sind geschlossen, Veranstaltungen untersagt und persönliche Kontakte eingeschränkt. Aufgrund der steigenden Corona-Zahlen hat die Regierung weitreichende Maßnahmen getroffen. Damit will sie das Corona-Virus bis Ende November in den Griff bekommen. Auch in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien steht das Leben weitgehend still. Der wirtschaftliche Schaden wird dadurch groß sein, ob die Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen positiv sein werden, wird sich zeigen.

Israel schwer angeschlagen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Sitz in Genf in der Schweiz warnte bereits zu Beginn der Krise vor dem Herunterfahren der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens. „Durch derartige Maßnahmen könnte die Armut, besonders in den Drittewelt-Ländern, stark steigen“, erklärte der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, 55. Er befindet sich derzeit selbst in Quarantäne, weist jedoch keine Symptome auf. Dieser Tage fand zudem der Europadirektor der WHO, der Belgier Hans Kluge, 51, erneut drastische Worte angesichts der weitreichenden Maßnahmen, die in den europäischen Staaten getroffen wurden. Dies könne nur das „Mittel der letzten Wahl“ sein, meinte Kluge.

Der wirtschaftliche Niedergang macht sich schon jetzt deutlich bemerkbar. Wir haben eine Rekordarbeitslosigkeit von derzeit 420.000 Menschen. Die Zahl könnte auf 500.000 ansteigen. Experten des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo) gehen davon aus, dass die heimische Wirtschaft einen Rückgang um vier Prozent zu erwarten hat. Israel verdeutlicht diese Tendenz. Das Land befindet sich seit Wochen im Stillstand. Zwar sind Schulen und Straßengeschäfte teils wieder geöffnet und die Neuinfektionen von mehr als 9.000 Ende September auf unter 1.000 gesunken, doch die Arbeitslosigkeit stieg von zwölf auf 19 Prozent.

Hierzulande machte die immer größere Anzahl von täglichen Neuinfektionen die Regierung nervös. Auf bis zu 8.000 neue Corona-Kranke wurde verwiesen. Und darauf aufmerksam gemacht, dass die Spitäler an die Kapazitätsgrenzen stoßen würden, sollten keine Maßnahmen ergriffen werden. Derzeit gelten in unserem Land 60.000 Menschen als Corona-positiv, davon müssen 460 auf Intensivstationen betreut werden. Es sollen mehr werden. Mediziner meinen, dass zeitverzögert nach dem sogenannten zweiten „Lockdown“ erst Ende dieser Woche und in der nächsten Woche der Höhepunkt an Intensivpatienten zu erwarten sei.

Es soll bereits Spitäler geben, die an ihre Kapazitätsgrenzen in der Versorgung von Intensivpatienten stoßen, warnen Mediziner, andere sagen, die Lage in unserem Land sei noch nicht dramatisch und es gebe ausreichend Platz. Corona spaltet die Ärzteschaft. „Weil wir über 44.000 Betten im akutstationären Bereich verfügen, wovon 2.450 Intensivbetten sind. Wir liegen mit diesen Zahlen gemeinsam mit Deutschland europaweit im Spitzenfeld“, erklärt ein Intensivmediziner.

Schwach positiv getestete sollen laut Minister Anschober Dienst in Spitälern verrichten
Allerdings finden Ärzte die von Gesundheitsminister Rudolf Anschober angekündigte Maßnahme, derzufolge sogar „schwach positive“ Mitarbeiter von Spitälern, Pflegeheimen und mobilen Diensten ihre Arbeit machen sollen, als höchst fragwürdig. „Wie kann das sonst so gefährliche Virus bei diesem Personal keine Rolle spielen“, fragt sich der Intensivmediziner. Der Minister verbreite Angst und Unsicherheit.

Als „schwach positiv“ werden von Labors die Testergebnisse bezeichnet, bei denen eine Corona-Erkrankung nicht ausgeschlossen werden kann, die aber auch keinen eindeutigen Nachweis auf Corona ergeben. Die „Offensive Gesundheit“, ein Zusammenschluss von Gewerkschaften, Arbeiter- und Ärztekammer, kritisiert „aufs Schärfste“ diese Vorgabe.

Wenn nun positiv Getestete sogar ihren Dienst in Spitälern und Pflegeheimen verrichten dürften, würde der Bevölkerung signalisiert, dass alles „ohnehin nicht so schlimm“ sei. „Wie bitte sollen wir den Menschen nun erklären, sich an Quarantäne, Ausgangssperren und Minimierung der sozialen Kontakte zu halten, wenn auf der anderen Seite ein Minister positiv getestete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Spitälern, Pflegeheimen und mobilen Diensten arbeiten lässt“, fragen die Vertreter der Initiative.

In Kärnten versucht die Landeskrankenanstalten-Betriebsgesellschaft (KABEG), die Menschen zu beruhigen. „Es gibt ein Versorgungskonzept im Intensivbereich. Alle Spitäler in Kärnten arbeiten eng zusammen, um die intensivpflichtigen Patienten zu versorgen. Die Kapazitäten können je nach Bedarf angepasst werden. Derzeit sind in Kärnten im Intensivbereich 30 Betten für die Versorgung von Covid-19-Patienten unmittelbar verfügbar. Von den Patienten, die im Krankenhaus betreut werden, benötigen rund zehn Prozent eine intensivmedizinische Versorgung. Derzeit sind ausreichend Kapazitäten vorhanden. Es gibt auch entsprechend Personal und keine Engpässe“, erklärt Nathalie Trost von der KABEG.

In Oberösterreich wiederum stehen in den Spitälern knapp 7.500 Normalbetten und 243 Intensivbetten zur Verfügung. Derzeit werden 332 Patienten mit Covid-19 betreut, 30 davon intensivmedizinisch. Die Kapazität an Intensivbetten kann ausgebaut werden, sollte dies notwendig sein. Und zwar in mehreren Schritten bis auf 420.

Das klare Ziel sei aber, die sonstige stationäre und ambulante medizinische Versorgung so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. „Es gibt neben Covid-19 viele andere akute oder dringliche medizinische Themenstellungen wie etwa Schlaganfälle, Infarkte und Krebs-Erkrankungen. Wir haben uns daher entschlossen, die Covid-19-Patienten nach einem bestimmten Schlüssel gleichmäßig und verhältnismäßig auf alle Spitäler in Oberösterreich zu verteilen.

Damit können wir sicherstellen, dass sowohl Covid-19- Patienten als auch andere Patienten medizinisch weiterhin gut versorgt werden. Die Akutversorgung für Schlaganfall- und Herzinfarkt-Patienten ist immer möglich und es gilt der dringende Appell an alle, in so einem Fall unverzüglich medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen“, meint Dr. Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum in Linz.

Dr. Lamprecht zufolge sorge jede Pflegekraft im Normalfall für zwei bis drei Intensivpatienten, bei Corona-Fällen sei oft eine 1:1-Betreuung nötig. Liegt ein Patient im „Normalfall“ im Schnitt drei Tage auf der Intensivstation, etwa nach einer Gehirnoperation, sind es bei Covid-19-Patienten bis zu zwei Wochen.
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