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Ausgabe Nr. 40/2020 vom 29.09.2020, Foto: duty
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Michael Ludwig, 59, ist seit Mai 2018 Wiener Bürgermeister. Er hat Geschichte und Politikwissenschaft studiert.
"Ich bin kein Radfahrer"
Der Wiener SPÖ-Chef Michael Ludwig schlägt am 11. Oktober seine erste Gemeinderatswahl als Bürgermeister. Vor fünf Jahren erreichte Rathaus- Vorgänger Michael Häupl 39,6 Prozent der Stimmen. Insgesamt regiert seit zehn Jahren eine rot-grüne Koalition die Bundeshauptstadt.
Herr Bürgermeister Ludwig, werden die Wiener auch bald im Freien auf bestimmten Plätzen Masken tragen müssen wie die Münchner (D)?
Vorerst haben wir vorgesehen, dass der Mund-Nasen-Schutz konsequent in geschlossenen Räumen und in öffentlichen Verkehrsmitteln getragen wird. Im Freiraum haben wir noch keine Empfehlung vom medizinischen Krisenstab.

Können Sie sich ein Alkoholverbot etwa am Donaukanal vorstellen?
Das steht nicht auf dem Plan. Auch weil jetzt aufgrund der Wetterlage mit Sicherheit derartige Treffen in diesem Ausmaß nicht mehr stattfinden werden. Aber ich bin dafür, dass im öffentlichen Raum stark kontrolliert wird. Und mindestens genauso stark in Innenräumen. Ich habe deshalb mit dem Büro für Sofortmaßnahmen, das bei mir im Bürgermeisterbüro angesiedelt ist, und der Wiener Polizei zuletzt verstärkt Kontrollen durchführen lassen. Wir haben vor allem illegale Klubs und Partys beendet und falls notwendig bestraft.

Wird in Wien am Christkindlmarkt Alkohol verbannt wie in Graz?
Das wird gerade intensiv besprochen. Wir haben in Wien mehr als 20 Weihnachtsmärkte. Wir sind mit den Veranstaltern im Gespräch, wie wir diese Märkte überhaupt durchführen können. Da geht es ja nicht nur um die Frage, was dort ausgeschenkt wird, sondern auch darum, wie wir größere Menschenansammlungen vermeiden. Wir haben gute Erfahrungen beim Filmfestival am Rathausplatz gemacht. Dieses Jahr hat es anders stattgefunden, mit strengen Eingangskontrollen und beschränkten Zuschauerzahlen. Beim Betreten des Geländes wurden Name, Adresse und Telefonnummer von jeder Person eingefordert, um sicherzustellen, dass wir falls notwendig die Kontakte nachverfolgen können.

Kommt die frühere Sperrstunde ab 22 Uhr auch in der Bundeshauptstadt?
Generell kann ich in der jetzigen Situation nichts ausschließen. Aber im Augenblick sehe ich das nicht als vorrangig. Wenn sich die Menschen an den Sicherheitsmaßnahmen orientieren, die wir gesetzt haben, ist die Gefahr in den Lokalen deutlich geringer, als wenn sie in den privaten Bereich ausweichen, wo wir weniger oder gar nicht kontrollieren können. Es wird ja niemand annehmen, dass in einer Großstadt wie Wien die Menschen alle um 22 Uhr schlafen gehen.

Jetzt gibt es eine Registrierungspflicht in Wiener Lokalen. Wer kontrolliert das?
Ich gehe davon aus, dass das die Gastronomen sicherstellen können und wir dann bei der normalen Sperrstundenregelung bleiben können. Ich appelliere an die Eigenverantwortung der Konsumenten und Gastronomen. Das funktioniert auch in anderen Ländern wie Deutschland. Ich bin überzeugt, dass auch die Wienerinnen und Wiener die Notwendigkeit dieser Maßnahme sehen und danach handeln.

Wann wird das Ziel erreicht, dass die Corona-Testergebnisse binnen 48 Stunden vorliegen?
In den allermeisten Fällen erreichen wir die 48 Stunden, aber es gibt Ausnahmen, die meistens mit speziellen Rahmenbedingungen verbunden sind. Aber wir wollen auch diese Fälle auf 48 Stunden bringen. Seit vergangener Woche gibt es eine zweite Teststraße für Menschen mit leichten Symptomen bei der Floridsdorfer Brücke. Und in Kombination mit anderen Maßnahmen,
wie zum Beispiel dem sogenannten Gurgeltest, gehe ich davon aus, dass wir schneller testen können.

Wie oft sind Sie bisher getestet worden?
Ich habe mich erst testen lassen, als die Stadt Wien allen politischen Parteien Testungen angeboten hat, die im Gemeinderat vertreten und jetzt im Wahlkampf sind. Ich wollte nicht bevorzugt behandelt werden. Bis jetzt bin ich drei Mal getestet und immer negativ.

Wie lange haben Sie auf das Ergebnis gewartet?
Ich glaube das waren 48 Stunden.

Bei Ihnen zuhause wurde im Jahr 2018 eingebrochen. Fühlen Sie sich in Wien sicher?
Ja, natürlich. Selbstverständlich ist das Gefühl unangenehm, wenn eine fremde Person ohne Einwilligung im sehr persönlichen Bereich unterwegs war. Aber Wien ist eine der sichersten Millionenstädte weltweit, darauf sind wir stolz. Und auch der Einbrecher bei mir wurde innerhalb von wenigen Tagen von der Wiener Polizei dingfest gemacht.

Wann sind Sie das letzte Mal auf einem Rad gesessen?
Das ist sicher schon ein paar Jahre her.

Sie sind kein Radfahrer?
Nein, ich gehe lieber zu Fuß, benütze öffentliche Verkehrsmittel und natürlich ab und zu Autos.

Ist eine autofreie Innenstadt für Sie wünschenswert?
Also ich kenne kein Modell, das eine autofreie Innenstadt vorsieht. Ich bin so wie viele andere Menschen dafür, dass man Verkehrsberuhigung in der Innenstadt, aber auch in anderen Wohnvierteln umsetzt. Das macht die SPÖ seit Jahrzehnten, wir haben die ersten Fußgängerzonen in Wien eingeführt. Die Frage ist, wie man zu diesem Ergebnis kommt und das organisatorisch ausgestaltet. Ich bin zuversichtlich, dass es eine Lösung gibt. Dass die allerdings vor der Wien-Wahl umgesetzt wird, halte ich zumindest für ein ambitioniertes Ziel.

Wenn es nur nach Ihnen ginge, wieviele Flüchtlinge aus dem griechischen Lager Moria würde Wien aufnehmen?
Wir haben im Wiener Landtag einen Drei-Parteien-Antrag von SPÖ, Grünen und Neos beschlossen, der vorsieht, dass wir hundert Kindern aus Moria in einer schwierigen Lebenssituation helfen und sie vorübergehend in Wien verköstigen und begleiten würden. Das hängt auch ein bisschen mit der Tradition unserer Stadt zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Wiener Kinder in anderen Städten untergebracht und aufgepäppelt.

Die Neos wollen eine Wiener Landeshymne. Für welches Lied würden Sie plädieren?
Die inoffizielle Landeshymne ist der Donauwalzer und mit dem kann ich gut leben. Aber diese Frage ist in der Corona-Krise, in der wir eine der schwersten Gesundheitskrisen der vergangenen Jahrzehnte zu überwinden haben, wo es darum geht, den Wirtschaftsstandort zu stärken und die Situation am Arbeitsmarkt zu stabilisieren, nicht die allerwichtigste.
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