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Ausgabe Nr. 37/2020 vom 08.09.2020, Foto: AdobeStock (2)
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Links: Am Bahnhof der Stadt Salzburg geht die Reise nach Sylt (D) los.
Rechts: Sylt beeindruckt mit Friesenhäusern und Sandstränden.
Über Nacht von den Alpen an die Nordsee
Die deutsche Insel Sylt beeindruckt mit Sandstränden, Friesenhäusern und einem Wattenmeer. Das Urlaubsparadies an der Nordsee ist seit Kurzem nur noch eine Zugfahrt entfernt. Der „Alpen-Sylt-Nachtexpress“ bringt Passagiere umsteigefrei ans Meer. Am Nachmittag gehen die Reisenden in der Mozartstadt Salzburg an Bord, nächtigen im Liegewagen-Abteil und sind am nächsten Tag auf der Insel Sylt.
Die Möwen kreischen und eine Meeresbrise liegt in der Luft, als die Passagiere auf der deutschen Insel Sylt aus dem Zug steigen. Hinter ihnen liegen 16 Stunden Fahrt, doch das ist ihnen nicht anzusehen. Kein Wunder, die meiste Zeit verbrachten sie schlummernd im Liegen.

Die größte deutsche Nordseeinsel wird seit ein paar Wochen vom „Alpen-Sylt-Nachtexpress“ angesteuert. Jeden Freitag und Sonntag rollt der Zug mit den grün-weißen Waggons von Salzburg Richtung Norden. Die Urlauber gehen in der Mozartstadt am Nachmittag an Bord, um ans Meer zu reisen.
Die 1.300 Kilometer lange Fahrt verläuft umsteigefrei und entspannt. Der Zug steuert unterwegs deutsche Städte wie München, Nürnberg, Frankfurt und Hamburg an, wo Gäste ein- und aussteigen können.

Der Betreiber des Nachtexpress ist das deutsche Zugunternehmen „RDC Deutschland“. Es bietet schon länger einen Autozug nach Sylt an, der Fahrzeuge mit Insassen binnen 35 Minuten vom Festland in Nordfriesland über den Hindenburgdamm nach Sylt bringt. Eine Straßenverbindung über den Damm gibt es nicht.

Fahrgäste bekommen ihr eigenes Zugabteil
Die Idee, einen Nachtexpress auf Schiene zu bringen, kam den Betreibern spontan während der Corona-Zeit. „Aufgrund der besonderen Reisesituation in diesem Jahr war klar, dass die Menschen vermehrt Urlaub an der Küste machen, statt ans Mittelmeer zu fahren. Dank der Abteilwagen in unserer Flotte können wir jedem Fahrgast sein persönliches Abteil anbieten, indem er ohne Mund-Nasen-Bedeckung sicher reisen kann. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber Fernzügen oder Flugzeugen, wo während der gesamten Reisedauer eine Maske zu tragen ist“, sagt Meike Quentin, Sprecherin des „Alpen-Sylt-Nachtexpress“.

Die Abteile können entweder von einer Person alleine oder von einer Familie gebucht werden. Jedes Abteil bietet bis zu sechs Liegeplätze und kostet insgesamt 399 Euro. Alleinreisende zahlen dasselbe, außer sie bekommen ein „Sparpreis-Ticket“ um 99 Euro. Pro Waggon gibt es zehn Abteile. Jeder Zug umfasst zwischen sieben und zehn Waggons. Sind alle Abteile voll belegt, können bis zu 600 Fahrgäste nach Sylt reisen. Hunde, Surfbretter und Fahrräder dürfen mitgenommen werden.

Während es sich die Passagiere im Zug bequem machen, sorgt Marc Förste dafür, dass alles reibungslos abläuft. Der 27jährige ist der Schaffner und arbeitet am liebsten nachts. „Nachtzüge haben eine besondere Magie. Ich habe während meines Studiums nebenberuflich als Schlafwagenschaffner gearbeitet und so meine Leidenschaft für Nachtzüge entdeckt“, erzählt der Eisenbahner. Auf der Strecke nach Sylt macht er alle 30 Minuten einen Kontrollgang. Förste schaut, dass nichts raucht, keine Warnleuchte brennt und kein Passagier um Hilfe ruft.

Im Nachtexpress kommt ein wenig das Gefühl auf, im Orient-Express unterwegs zu sein. Die Passagiere werden bei der Fahrkartenkontrolle oft namentlich begrüßt und am nächsten Tag auf Wunsch persönlich geweckt. „Zum Frühstück, das fünf Euro kostet, gibt es Kaffee oder Tee, ein frisches Croissant mit Aufstrichen sowie einen Apfel“, informiert Quentin. Beim Biss ins Kipferl genießen die Urlauber den spektakulärsten Teil der Strecke. Die Überfahrt vom Festland auf die Insel Sylt ist atemberaubend. Aus dem Wattenmeer erhebt sich der acht Kilometer lange Hindenburgdamm. Auf dem künstlich errichteten Wall verläuft die zweigleisige Eisenbahntrasse. Der Bahndamm ist begrünt und wird vom tiefblauen Wasser umschmiegt.
Der erste Ort, den der Zug auf Sylt erreicht, ist Morsum. Danach geht es über die Breitseite der Insel zum Zielbahnhof in Westerland.

Das Zentrum ist gleichzeitig die größte der zwölf Sylter Ortschaften. Die Inselhauptstadt Westerland bietet Geschäfte, Kaffeehäuser und eine Strandpromenade. Wer es ruhiger mag, verbringt seinen Urlaub in Keitum. Der Ort ist von urigen Bäumen, Gärten und traditionellen Friesenhäusern mit ihren Reetdächern aus Schilfrohr geprägt.

Auf Sylt können sich die Urlauber auch am „Söl‘ring“ versuchen. Hinter diesem Ausdruck verbirgt sich die Sprache, die jahrhundertelang auf der Insel gesprochen wurde. Heute sind nur noch 600 der 20.000 Einwohner dieser Sprache mächtig. Es ist zwar relativ unwahrscheinlich, dass sich Urlauber auf Söl‘ring verständigen müssen. Aber Eindruck schinden können sie auf jeden Fall.
Dafür haben die Reisenden bis 2. November Zeit. Der Alpen-Sylt-Nachtexpress rollt dieses Jahr bis zu Allerseelen zwischen Salzburg und der Nordsee.

Der Nachtexpress
Reisetage: ab Salzburg am Freitag und Sonntag, Heimreise am Donnerstag und Samstag
Kosten: ab 99 Euro pro Person und Richtung, ein Abteil für 6 Personen um 399 Euro pro Richtung
Buchung: Tel.: 0049 4661-7368744,
www.nachtexpress.de
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