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Ausgabe Nr. 37/2020 vom 08.09.2020, Foto: zVg
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  • Steinschlag – Hierbei lösen sich kleinere Gesteinsbrocken von bis zu mehreren Kubikmetern Größe aus der Felswand und stürzen zu Tal. Die erreichten Geschwindigkeiten betragen dabei etwa 30 m/s (110 km/h).
  • Felssturz – Ein größeres Gesteinspaket löst sich aus dem Gebirgsverband und stürzt ab. Das verlagerte Volumen liegt zwischen 100 und mehreren 100.000 Kubikmetern. Die Sturzgeschwindigkeit beträgt bis zu 145 km/h.
  • Bergsturz – Bei einem Bergsturz lösen sich gleichzeitig gigantische Gesteinsmassen von einer oder mehreren Millionen Kubikmetern. Es werden Geschwindigkeiten von mehr als 40 m/s (145 km/h) erreicht.
Die Berge beginnen zu bröckeln
Die Erderwärmung zeigt auch im Hochgebirge ihre Wirkung. Nicht nur die Gletscher, auch das unsichtbare Eis unter Schutt und Fels schmilzt – und bringt die Alpen zum Bröckeln. Die Folgen sind Bergstürze, Felsstürze und Steinschlag. Vor allem nach den tragischen Unfällen mit vier Todesopfern in der steirischen Bärenschützklamm und der Eisriesenwelt in Werfen (S) ist die Verunsicherung unter den Ausflüglern groß.

Vier Tote und elf Verletzte durch Steinschlag innerhalb von nur fünf Tagen an beliebten Ausflugszielen. Und das auch noch gerade zu Beginn der Ferienzeit im Juli. Verunsicherte Touristen und Bergwanderer stellen daher die berechtigte Frage, ob solche Unfälle zu verhindern gewesen wären.

Nach intensiven Untersuchungen ist mittlerweile klar, dass verstärkte Regenfälle und der Klimawandel dabei eine Rolle spielen, aber auch der zunehmende Besucherverkehr in den Alpen. So untersuchte der Salzburger Geologe Ge-
rald Valentin den tragischen Unfall in der Eisriesenwelt Werfen und geht davon aus, dass starker Regen an den vorhergehenden Tagen den Fels zum Rutschen gebracht hat. „Der Boden unter dem zwei Kubikmeter großen Brocken war aufgeweicht, deshalb konnte der Fels dem Druck des Wassers nicht standhalten“, so die Erklärung. Auch in der Bärenschützklamm (Stmk.) war Regen dafür verantwortlich, dass sich Gestein aus der Wand gelöst hatte.

Im Hochgebirge zeichnet sich hingegen bereits ein deutlicher Zusammenhang mit dem Klimawandel ab. Denn die Böden und die Felswände werden wärmer – und dadurch instabiler. „Vor allem durch das Auftauen der Permafrostböden verschwindet das Eis im Inneren der Berge, das Gestein und Geröll wie Mörtel zusammenhält. In die entstehenden Klüfte dringen Schmelz- und Regenwasser ein und setzen den Berg unter Druck“, wissen Geologen. Ganze Bergflanken können so abgesprengt werden und als Geröll-Lawine ins Tal donnern. So ist es im September des Vorjahres beim Stausee Wasserfallboden in Kaprun (S) zu einem Unfall mit einem Toten und zwei Schwerverletzten gekommen. Ein massiger Felssturz von 50 Meter Breite hatte dabei knapp 500 Kubikmeter des Gesteins in die Tiefe gerissen. Landesgeologe Rainer Braunstingl machte auftauenden Permafrost für dieses Unglück verantwortlich.

Weltweit sind etwa 20 bis 25 Prozent der Landfläche der Erde von Permafrost, also von ständig gefrorenem Boden, durchzogen. In unserem Land lassen sich solche Böden auf Nordhängen ab einer Seehöhe von 2.200 Metern nachweisen, bei Südhängen in Lagen ab etwa 3.000 Metern. Nach Modellrechnungen ist hierzulande ein 1.600 bis 2.000 Quadratkilometer großes Gebiet von Permafrost betroffen – eine rund vier Mal so große Fläche wie jene von Gletschern.

Für die Geologen steht somit fest, dass Felsstürze durch aufgetauten Permafrost in Zukunft verstärkt auftreten werden. „Es ist nicht die Frage, ob solche Ereignisse passieren. Die Frage ist, wann und wo“, so die einhellige Meinung. Immerhin ist unsere durchschnittliche Jahrestemperatur seit 1880 um rund zwei Grad Celsius gestiegen. Ein Plus, das weit über dem globalen Durchschnitt von 0,85 Grad liegt.
„Bis zum Ende dieses Jahrhunderts ist mit einem weiteren Temperaturanstieg um bis zu vier Grad zu rechnen“, mahnen Klimaforscher.

Aber auch die intensivere Nutzung der Alpen und die höhere Frequenz auf den Straßen spielen eine Rolle dafür, dass in der Bevölkerung häufiger Steinschlag registriert wird. Durch mehr Autos und Wanderer steigt schließlich auch die Wahrscheinlichkeit, von einem Felsbrocken getroffen zu werden. Für Robert Supper von der Geologischen Bundesanstalt Wien wird sich eine hundertprozentige Sicherheit in den Alpen trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nie herstellen lassen. Und er gibt einen unvermuteten Tipp: „Wer nicht bereit ist, dieses Risiko einzugehen, kann alpine Attraktionen in der heutigen Zeit auch virtuell besichtigen.“

So schützen Sie sich vor der "Gefahr von oben"
  1. Sorgfältige Tourenplanung, Auskünfte bei Hüttenwirten oder Tourismusorganisationen einholen.
  2. Sich nicht unnötig lange unterhalb von steilen Felswänden aufhalten, insbesondere von solchen, vor denen frisch abgebrochenes Gesteinsmaterial liegt oder Baumstämme mit Steinschlagspuren zu sehen sind.
  3. Aufs Sehen und Hören konzentrieren. Steinschlag ist oft schon von Weitem zu hören. Wird er sichtbar, ist es meist schon gefährlich.
  4. Ist Steinschlag in der Nähe hörbar, wenn möglich rasch hinter einem Baum oder unter einem Felsvorsprung in Deckung gehen.
  5. Allfällige Sperrungen und Wegumleitungen zwingend beachten.
  6. Kopf mit Helm oder Rucksack schützen.
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