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Ausgabe Nr. 37/2020 vom 08.09.2020, Foto: mauritius images / Westend61
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Mäuse werden vorwiegend bei Tierversuchen verwendet.
Sie sterben, damit wir leben
Seit Monaten wird nach einem Impfstoff gegen das Corona-Virus geforscht. Dabei wird, wie in der Medizin üblich, zuerst an Tieren getestet. Im Jänner sollen bereits die ersten Impfungen durchgeführt werden.
Anfang nächsten Jahres soll er da sein, der Impfstoff gegen das Corona-Virus. Gesundheitsminister Rudolf Anschober hat verkündet, dass bereits zum Jahreswechsel 600.000 Impfdosen geliefert werden können. Sie reichen für 300.000 Personen. „Wir könnten im Jänner mit Corona-Impfungen beginnen.“ Ein ambitionierter Plan, dauert die Einführung eines neuen Impfstoffes gewöhnlich Jahre. Und selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass erst Mitte nächsten Jahres flächendeckend ein Impfstoff parat ist.

„Unser Ziel ist, für acht Millionen Menschen eine ausreichende Menge an Impfstoff zu beschaffen. Wir werden um jeden werben, damit wir eine hohe Impfquote haben“, sagt Anschober.

Der Corona-Impfstoff wird in Großbritannien erforscht
Den Impfstoff soll die Firma „AstraZeneca“ liefern. Das Unternehmen ist eines der größten Arzneimittelhersteller der Welt. Seinen Hauptsitz hat es in Cambridge (Großbritannien). Eine Außenstelle gibt es in Wien.

Die Europäische Kommission hat mit dem Pharma-Unternehmen einen Vertrag über den Kauf eines potenziellen Impfstoffes gegen Covid-19
unterzeichnet. Wenn der Impfstoff von der Europäischen Arzneimittelagentur zugelassen wird, stehen den EU-Bürgern 300 Millionen Dosen des Impfstoffes zur Verfügung. Unser Land hat sich aus diesem Vertrag sechs Millionen Dosen gesichert.

Der Impfstoff hat den Namen „AZD1222“ und wird am Jenner Institut der Universität in Oxford (GB) erforscht. Das Mittel ist ein abgeschwächtes Virus, das Erkältungen bei Schimpansen auslöst.

Noch vor wenigen Jahren wurde für die Entwicklung solcher Impfstoffe ein Zeitraum von 15 bis 20 Jahren veranschlagt. Dass es nun so schnell geht, erklärt die zuständige Firma mit vorhergehenden Testverfahren. „Das Jenner Institut hat in Studien bewiesen, dass dieselbe Impfstoffplattform vielversprechend ist. Im vorigen Jahr wurde der Impfstoff gegen ein früheres Corona-Virus, das Middle East Respiratory Syndrom (MERS), erfolgreich getestet. Dies bedeutet, dass die Forscher in der Lage waren, den potenziellen Covid-19-Impfstoff schneller zu entwickeln“, erklärt Karin Storzer von AstraZeneca.

Der Impfstoff wurde bereits in Großbritannien, in Brasilien, in Südafrika, in Japan und in Russland getestet. „Wir haben den Impfstoff auch in den USA zu einer Phase-III-Studie weiterentwickelt. In diesen Studien soll ermittelt werden, ob der Impfstoff vor Covid-19 schützt und die Sicherheit und die Immunreaktionen bei bis zu 50.000 Teilnehmern weltweit über eine breite Altersspanne hinweg gewährleistet werden können“, sagt Storzer.

Die Wissenschaftler der Universität in Oxford sind nicht die einzigen, die an einem Wirkstoff forschen. Nach Schätzungen der WHO gibt es derzeit 169 derartige Projekte. Die EU verhandelt daher mit fünf weiteren Unternehmen über den Abschluss von
Vorkaufsverträgen von Corona-Impfstoffen. Eines davon ist das deutsche Pharma-Unternehmen „Curevac“. Das Biotech-Unternehmen forscht an einem Impfstoff auf Basis der Boten-Rna. Einer, der das Unternehmen sponsert, ist der amerikanische Milliardär Bill Gates. Der zweitreichste Mann der Welt will so schnell wie möglich eine Impfung auf den Markt bringen.

Der Biologe Clemens Arvay warnt vor Impfstoffen solcher Art. „Rna-Impfstoffe sind genetische Impfstoffe. Dabei kommt es zu einer Manipulation in unseren Zellen“, sagt
Clemens Arvay. In der angesehenen Medizinzeitschrift „The New England Journal of Medicine“ wurde über Versuche mit Rna-Impfstoffen gegen die Corona-Viren Sars und Mers berichtet, die abgebrochen werden mussten. „Im Tierversuch hat sich gezeigt, dass es zu einer schwerwiegenden Autoimmunreaktion mit Entzündungen des Lungengewebes gekommen ist“, erklärt der Biologe.

Bevor ein Impfstoff in klinischen Studien an uns Menschen getestet wird, müssen Tiere als „Versuchskaninchen“ herhalten. Mäuse, Affen, Frettchen, Schweine und Flughunde sind dabei die erste Wahl.

Bei den meisten Versuchen zur Erforschung eines Covid-19-Impfstoffes werden Mäuse eingesetzt. „Da Mäuse aber kaum empfänglich für Corona-Viren sind, werden Stämme mit einem Defekt des Immunsystems genutzt und die Tiere werden gentechnisch verändert. Dabei werden in das Erbgut der Mäuse menschliche Gene eingebaut, wodurch sogenannte ,humanisierte‘ Mäuse entstehen“, weiß Dr. Gaby Neumann, Sprecherin des Vereines „Ärzte gegen Tierversuche“.

Neumann hält es für absurd, von den Reaktionen der Mäuse auf jene von uns Menschen zu schließen. „Das ist ein unkalkulierbares Risiko“, sagt die Tierärztin.

Während der Testversuche wird einem Teil der Tiere der potenzielle Impfstoff verabreicht, ein weiterer Teil bleibt ungeimpft. Danach werden alle Tiere dem Krankheitserreger ausgesetzt. Viele von ihnen entwickeln Krankheitssymptome und sterben qualvoll.

Symptome sind beschleunigte Atmung, Husten, Fieber, Durchfall, Appetitlosigkeit und Krämpfe. Auch die Tiere, die überleben, werden nach dem Experiment getötet, um ihre Gewebe zu analysieren.

An Tieren werden nicht nur Impfstoffe erprobt, sondern jedes Medikament muss in einem ersten Schritt im Tierversuch getestet werden. Im vergangenen Jahr wurden in unserem Land laut Tierversuchsstatistik des Wissenschaftsministeriums fast 250.000 Tiere für Versuche verwendet. Das sind um fast vier Prozent mehr als noch im Jahr 2018.

Alleine Tausende Kaninchen werden jährlich für Pyrogentests geopfert. Pyrogene sind fieberauslösende Substanzen, die von Bakterien abgegeben werden und in Impfstoffen und anderen medizinischen Produkten nicht enthalten sein dürfen.

Beim Test werden Kaninchen für mehrere Stunden in kleinen Boxen fixiert und die Testsubstanz wird in eine Ohrvene injiziert. Entwickeln sie Fieber, wird das Mittel nicht für den Verkauf freigegeben.

Nach einer gewissen Nutzungszeit werden die Kaninchen getötet. Diese Tierversuche finden statt, obwohl es laut dem Verein gegen Tierfabriken (VGT) seit dem Jahr 2010 einen in der EU rechtlich zugelassenen Pyrogentest ohne Tiernutzung gibt. „Nach großem Druck sollen die Pyrogentests an Kaninchen nun verboten werden. Das Urteil vom Verwaltungsgerichtshof ist noch ausständig“, weiß Martin Balluch vom VGT.

Allein in unserem Land gibt es 400 Tierversuchslabors. Ein neues ist an der Johannes Kepler Universität Linz (OÖ) geplant. „Tierversuche können Menschenleben retten“, rechtfertigt sich Wolfram Hötzenecker, Vizedekan für Forschung an der Medizinfakultät der Johannes Kepler Universität. „Zahlreiche Erkrankungen, die wir heute erfolgreich behandeln können, sind durch die Hilfe von Tierversuchen behandelbar und therapierbar geworden.“

Die Universität befürwortet zwar Tierversuche, aber nicht in jedem Fall. Wenn alternative Methoden zur Verfügung stehen oder kein klarer Nutzen für den Menschen feststellbar ist, seien Tierversuche fehl am Platz.

Eine neue Form – Mini-Organe
Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ kritisiert das Vorhaben der Linzer. „Tierversuchsfreie Forschung ist die Zukunft. Wegen der rasanten Entwicklung von modernen Alternativen schließen in Europa gerade reihenweise Tierversuchseinrichtungen“, sagt Claus Kronaus von „Ärzte gegen Tierversuche“.

Eine dieser modernen tierfreien Forschungstechniken sind menschliche Mini-Organe, sogenannte „Organoide“. Von dieser neuen Form der Forschung ist auch Gaby Neumann von den „Ärzten gegen Tierversuche“ überzeugt. „Menschliche Mini-Organe werden basierend auf menschlichen Stammzellen gezüchtet, neue Medikamente dann an diesen Organen getestet. Diese Methode ist effektiver und kostengünstiger als Tierversuche“, sagt Neumann.

Sogar die Europäische Arzneimittel-Agentur verweist darauf, dass sie großes Potenzial in tierfreien Verfahren für die Entwicklung von Medikamenten sieht.

In unserem Land wurde kürzlich im Zuge der vom National- und Bundesrat beschlossenen Novelle
zum Tierversuchsgesetz auch eine Initiative zum Ausbau von Ersatzmethoden von Tierversuchen im Ministerrat beschlossen.

Neueste Forschung: Krebsmedikamente stoppen Corona-Virus
Viren brauchen Zellen ihres Wirtes, um sich zu vermehren. Nach diesem Prinzip handelt auch das Virus Covid-19. Es nutzt und manipuliert die Kommunikationswege ihrer Wirtszellen, um die eigene Vermehrung zu fördern. Forschern der Goethe-Universität in Frankfurt (D) ist es gelungen, diese Kommunikationswege zu unterbrechen. Das Virus konnte sich nicht mehr vermehren.
Zum Einsatz kamen dabei Krebs-Medikamente. „Wir haben fünf Wirkstoffe getestet, die alle die Vermehrung des Virus stoppten“, sagt Dr. Christian Münch von der Goethe-Universität.
„Unsere Experimente haben wir an kultivierten Zellen im Labor durchgeführt. Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne weitere Tests auf den Menschen übertragen. Doch wir haben einen Entwicklungsvorsprung, weil die benutzten Medikamente bereits zugelassen oder in klinischen Studien, als Studien an Menschen, erprobt wurden“, sagt Münchs Kollege Prof. Jindrich Cinatl.
Der nächste Schritt wird sein, die Wirkstoffe an Patienten zu testen.
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