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Ausgabe Nr. 37/2020 vom 08.09.2020, Fotos: FOLTIN Jindrich / WirtschaftsBlatt / picturedesk.com, Stefan Seelig
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Gerald Bachinger, Johannes Steinhart
Sollen Ärzte Wirkstoff statt Medikament verschreiben?
Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) will über die „Aut idem“-Regelung diskutieren. Dabei verschreiben die Ärzte nicht mehr ein bestimmtes Medikament, sondern einen Wirkstoff. Der Apotheker wählt dann aus, welches Mittel der Patient bekommt, auch nach Verfügbarkeit. „Aut idem“ ist lateinisch und bedeutet „oder das Gleiche“. Unser Land ist eines der wenigen in Europa, in dem es diese Regelung nicht gibt. Ärzte-Vertreter sind aber gegen den Vorstoß.
JA:
Gerald Bachinger,
Patientenanwalt Niederösterreich

„Wir sind eines der letzten Länder in der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), in dem die Wirkstoff-Verschreibung nicht vorgesehen ist. Warum können die Patienten und das Gesundheitspersonal in Deutschland, Frankreich oder Schweden damit ohne Weiteres umgehen, nur bei uns sollen sie es nicht schaffen? Es gibt schon aus dem Jahr 2016 eine Empfehlung des Beirates für Patientensicherheit, die Wirkstoff-Verschreibung einzuführen. Denn es ist zu erwarten, dass es damit weniger Fehler und Fehlverordnungen gibt. Zudem würden mit der ,Aut idem“-
Regelung mit einem Schlag etwa ein Drittel der Versorgungsprobleme und Lieferschwierigkeiten wegfallen. Umfragen unter Ärzten zeigen, dass durchaus Interesse an der Wirkstoff-Verschreibung besteht.
So wie ich sie verstehe, ist sie keine Einschränkung der ärztlichen Therapiemöglichkeiten, sondern eine Erweiterung. Der Arzt kann sehr wohl festlegen, dass manche Patienten ein bestimmtes Medikament bekommen müssen. Die Experten für die Medikamente sind, neben den Ärzten, die Apotheker. Ihr pharmazeutisches Fachwissen liegt in Wirklichkeit bei uns brach.“

NEIN:
Johannes Steinhart,
Ärztekammer-Vizepräsident

„Wenn Ärzte Medikamente verschreiben, dann tun sie das wohlüberlegt. Schließlich kennen nur sie die Krankengeschichte ihrer Patienten und können abschätzen, welches Medikament zu welchem Patienten optimal passt. Zudem sind Ärzte für die Verordnung einer medikamentösen Therapie verantwortlich. Daher darf ihnen die Entscheidungshoheit keinesfalls durch eine Wirkstoffverschreibung oder ,Aut idem‘-Regelung entzogen werden. Vor allem älteren oder kognitiv eingeschränkten Patienten, etwa Demenzkranken, helfen Farbe und Form
der Arzneien bei der Orientierung. Werden Medikamente immer wieder durch anders aussehende ersetzt, so bedeutet das ein erhöhtes Risiko von Fehleinnahmen und ungünstigen Auswirkungen auf Patienten. Zudem
werden Apotheken die Medikamente mit der größten Gewinnspanne bevorzugt abgeben. Eine Lösung bei Lieferengpässen kann sein: Der Arzt muss beim Verschreiben durch ein Computer-Programm informiert werden, dass das ausgewählte Medikament nicht lieferbar ist. Dann kann er mit seiner medizinischen Kompetenz ein anderes Medikament verschreiben.“
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