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Ausgabe Nr. 36/2020 vom 01.09.2020, Fotos: Bildagentur Kräling/Ferdi Kräling, Verlag Delius Klasing, dpa picture alliance/AP Imag
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Vor 50 Jahren verunglückte der Rennfahrer Jochen Rindt tödlich.
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ISBN 978-3-667-11866-0.
Verlag Delius Klasing.
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Der schreckliche Aufprall zerstört den Vorderteil des Wagens.
Er hat den nahen Tod gespürt
Der in Deutschland geborene und als Österreicher zum Helden aufgestiegene Formel-1-Rennfahrer Jochen Rindt wäre heute 78 Jahre alt. Doch ein schwerer Unfall in Italien ließ den hellen Stern am Rennfahrer-Himmel jäh erlöschen. Am 5. September jährt sich sein Todestag zum 50. Mal. In einem neuen Buch wird das Idol gebührend gewürdigt.
Er ließ es fliegen. Zu seiner unglaublichen Fahrzeugbeherrschung, die nicht weiter zu erklären ist, kam ebenso extremer Mut. Das wirkte sich in den allerschnellsten Passagen aus, etwa in 250-km/h-Kurven wie der berühmten Start- und Ziel-Rechten von Silverstone (England), damals noch nicht entschärft. Es war eine Kurve, die jede Überwindung der Welt benötigte, um sie fast voll zu fahren, und Rindt nahm sie quer, im vollen Drift“, erinnert sich der damalige Rennfahrer-Kollege Helmut Marko. Jochen Rindt galt als bester Fahrer und schien im Jahr 1970 unaufhaltsam zu sein, auf dem Weg zum Weltmeistertitel. Bis zum Rennen in Italien. Monza wurde ihm zum Verhängnis. Die WM gewann er posthum dennoch.
Tod durch einen Luftangriff
Am 5. September vor 50 Jahren ereignete sich jenes Unglück, das die Motorsport-Szene und unser Land lähmte. Sein tödlicher Unfall beendete nicht nur ein junges Leben. Er zerstörte auch ein junges Familienglück. Doch Rindt bleibt unvergessen.

In ihrem Buch „Jochen Rindt – Der erste Popstar der Formel 1“ (Verlag Delius Klasing), erinnern der Fotograf Ferdi Kräling sowie der langjährige Formel-1-Beobachter und -Experte Herbert Völker von diesem außergewöhnlichen Mann, der zwar während des Zweiten Weltkrieges am 18. April 1942 im deutschen Mainz geboren wurde, doch als österreichischer Staatsbürger zu Ehren kam.

Der Vater war ein Deutscher, die Mutter stammte aus unserem Land. Die beiden betrieben eine Gewürzmühle in Mainz, starben jedoch im Sommer 1943 bei einem Luftangriff der Alliierten. Daraufhin wurde der einjährige Bub zu seinen Großeltern nach Graz gebracht, wo er aufwuchs und mit dem Rennsport in Kontakt kam. Rindt ging mit österreichischer Lizenz an den Start. „Die Zeit war günstig, um einen wie ihn als ganz abgehobene Erscheinung wahrzunehmen und als einmalig zu empfinden“, heißt es im Buch. „Mitte der 1960er Jahre konnten die Menschen ein bisschen Strahlkraft gut vertragen.“

Wobei sogar Rindts Nase Aufmerksamkeit erregte. „A Wüda mit ana Nosn“ wurde er genannt. Aber auch als „a Narrischer ohne Nosn“ bezeichnet. Der Musiker André Heller, 73, meinte dazu: „Er hatte ein Gesicht wie eine Strecke, wo der Zug entgleist ist. Mit so einem Gesicht muss man was werden.“

Seine Karriere begann im Jahr 1961 und sein Talent brachte ihn rasch voran. Schon vier Jahre später saß er im Cockpit eines Formel-1-Rennwagens. Daneben gewann er im Jahr 1965 das 200-Meilen-Sportwagenrennen im steirischen Zeltweg. Das Land hatte sein Idol. In den Folgejahren wurde Rindt immer wieder durch Ausfälle zurückgeworfen, doch er machte im Jahr 1967 sein privates Glück perfekt. Er heiratete am letzten rennfreien Wochenende in der finnischen Hauptstadt Helsinki die Finnin Nina Lincoln und am 7. August 1968 kam ihre Tochter Natascha zur Welt. Sie lebt heute in London (England), die Mutter im Haus oberhalb des Genfer Sees, das sie gemeinsam mit Jochen Rindt gebaut hat.

Seine Frau wartet vergeblich
Nina Rindt saß dann auch regelmäßig mit der Stoppuhr an der Strecke, wenn ihr Mann seine waghalsigen Rennen fuhr. Und er überquerte immer häufiger die Ziellinie als Erster. Vor allem im Jahr 1970. Es sollte sein Jahr bei Lotus werden. Colin Chapman hatte ein zwar starkes Auto gebaut, doch es hatte Schwachstellen. Und er hatte Rindt unter Vertrag genommen. Die beiden schienen ein unschlagbares Team zu sein. Siege in Monaco, in Zandvoort (Niederlande), in Silverstone (England) und auf dem Hockenheimring (Deutschland) brachten ihm die überlegene Führung in der Weltmeisterschaft der Formel 1. Bei all dem Erfolg wusste der Steirer, dass er einen gefährlichen Beruf ausübte. Deshalb dachte er bereits nach wenigen Jahren in der Formel 1 an Rücktritt. „Rindt war intelligent genug, um sich ausrechnen zu können, dass es ihn irgendwann erwischen würde. Der Rennsport war damals noch russisches Roulette, und allemal in einem Lotus“, heißt es in dem Gedenkbuch. Wie es um seine Gefühle stand, ließ Rindt in einem Brief an Chapman wissen. „Ich fahre jetzt seit fünf Jahren Formel-1-Rennen und schaffte es bislang, mich aus Ärger herauszuhalten. Das hat sich schlagartig geändert, als ich in Ihr Team wechselte.“ Rindt endete: „Ich kann nur ein Auto fahren, in das ich Vertrauen habe, und ich fühle, dass mein Vertrauen bald aufgebraucht ist.“ Rindt liebte seine Tochter und seine Frau und wollte mehr Zeit mit ihnen haben, sowie als Rennsport-Manager arbeiten.

So weit kam es nicht mehr. Beim Samstagstraining zum Grand Prix von Monza in Italien brach eine Bremswelle. Wie zwei Wochen zuvor bei seinem Team-Kollegen John
Miles beim Rennen in Zeltweg. Er überlebte. Doch Rindts
Wagen brach beim Anbremsen einer Kurve nach links aus und raste mit mehr als 200 km/h in die Leitplanken. Der Bolide wurde zurückgeschleudert und neuerlich in die Leitplanken gedrückt. Dann blieb er im Sand liegen. Für Rindt gab es keine Hilfe. Seine Frau Nina wartete in der Box mit der Stoppuhr, dass er vorbeifährt …
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