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Ausgabe Nr. 28/2020 vom 07.07.2020
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Christoph Raunig und Patrick Kleinfercher.

Blick auf die Acker-Reihen. Übers Internet empfangen die Gärtner die Anweisungen der Mieter, ob sie gießen, pflanzen oder ernten sollen.
Ernten, was übers Internet gesät wurde
Mit „myAcker“ kann jeder übers Internet sein eigenes Gemüse anbauen. Ohne Vorkenntnisse und vom Sofa aus. Der richtige Acker liegt in Mühldorf (K). Daheim am Computer müssen nur die Anweisungen zum „Anpflanzen“ oder „Gießen“ per Klick gegeben werden, schon erledigen das vorort fachkundige Gärtner. Wie sich Gurken und Paradeiser entwickeln, ist „online“ verfolgbar.
Frisches Obst und Gemüse vom eigenen Garten bekommen einen immer höheren Stellenwert. Selbst etwas anzubauen und zu ernten, bringt nicht nur ein Gefühl, etwas geschafft zu haben, sondern auch Bio-Früchte, die Geschmack haben. Leider verfügt nicht jeder über ein eigenes grünes Plätzchen, vor allem in der Stadt ist dies nicht möglich. Doch für all jene, die gerne einen Garten hätten, haben Christoph Raunig, 36, und Patrick Kleinfercher, 35, die ideale Lösung gefunden. Sie bieten auf einer Fläche von zweieinhalb Hektar, das entspricht etwa der Größe von drei Fußballfeldern, Gärten für jedermann angelegt.

Das Konzept der beiden Jungunternehmer ist einfach und für ihre mittlerweile 2.000 Kunden köstlich. Ihr Konzept heißt „myAcker“ und ist quasi ein über das Internet ferngesteuerter Gemüsegarten mit echten Erträgen. Raunig, ein gelernter Kraftfahrzeug-Techniker mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftspsychologie, erklärt, wie diese Art des Gartelns funktioniert.

„Der Kunde geht einfach auf unsere Internet-Plattform www.myacker.com, kauft um 99 Euro Miete im Jahr einen echten, drei Quadratmeter großen Gemüsegarten und pflanzt ihn nach Belieben an. Einen Brokkoli anzupflanzen kostet zum Beispiel 1,25 Euro pro Stück oder ein Kopfsalat 60 Cent pro Stück. Durch die Computer-Schnittstelle zum Acker bei uns in Mühldorf in Kärnten, nahe Spittal an der Drau, sieht der Kunde rund um die Uhr in Echtzeit, wie es seinen Pflanzen geht. Er kann über unsere Internet-Plattform verschiedene Aufgaben in Auftrag geben und seinen Acker umpflügen, anpflanzen, jäten, gießen und schließlich ernten lassen.“

Die über das Internet aufgetragenen Arbeiten werden von den acht Mitarbeitern des Garten-Unternehmens erledigt. Das Geschäft läuft mittlerweile gut. Die beiden findigen Unternehmer haben einen steten Zulauf an Kunden. Er ist mittlerweile so groß, dass sogar eine Warteliste erstellt werden musste.

Die Idee zu diesem erfolgreichen Konzept hatte Raunig vor fünf Jahren. Als er sie seinem Freund Kleinfercher unterbreitete, war der sofort Feuer und Flamme. „Ich habe mich gleich ans Programmieren gemacht und innerhalb von drei Wochen stand die Internet-Seite“, schmunzelt Kleinfercher, der gelernter Tischler ist. Weil die beiden vom Garteln keine Ahnung hatten, gingen sie bei einem Gärtner in die Lehre. „Wir haben gelernt, wie Gemüse richtig angebaut wird und welche Sorten sich nebeneinander vertragen. Wir schaufelten, pflanzten, ernteten, programmierten nebenbei und testeten den Über-Nacht-Versand aus. Schließlich gelang es uns auch, ein Computerprogramm zu entwickeln, mit dessen Hilfe sich etwa bestimmen lässt, wann der Boden wie viel Feuchtigkeit braucht und das Gemüse reif wird.“

Im Jahr 2017 war es dann soweit. Ein Aufruf über das soziale Netzwerk Facebook brachte 20 virtuelle Gärtner. Die heute 2.000 Kunden kommen aus dem ganzen Land und können aus 60 Gemüse- und Kräutersorten wählen. „Am beliebtesten ist der Eissalat, gefolgt von Petersilie und Karotten. Wir haben aber auch Gurken, Zucchini, Erbsen oder Buschbohnen im Angebot. Auf Wunsch pflanzen wir auch nach den Mondphasen an“, erklärt Kleinfercher. Zu viel anzubauen ist nicht möglich, auch das zeigt das Computerprogramm an.

Wenn dann aber das erntefrische Gemüse auf dem Teller liegt, ist das wie selbst gemacht. Die 36jährige Erika Wandelnig aus Wien kam im Vorjahr schon in den Genuss. „Ich wohne in einer kleinen Wohnung, ohne Balkon, und bin begeisterte Internet-Gärtnerin. Ich baue auf meinem Acker Petersilie, Schnittlauch, Radieschen und Salat an. Es macht großen Spaß und ist nicht mit viel Aufwand verbunden. Ich gebe einfach den Ernteauftrag in den Computer ein. Ein Mitarbeiter holt das von mir bestellte Gemüse von meinem Garten und am nächsten Tag ist die Lieferung bei mir. Und das Wichtigste: Es schmeckt einfach wunderbar.“

Die bestellten Produkte werden innerhalb von 24 Stunden zugestellt. Fein säuberlich eingelegt in eine Box aus Karton. Das Konzept der beiden Kärntner trägt im wahrsten Sinne des Wortes Früchte. Nicht nur in unserem Land. Die 700.000 Euro, die von den beiden bislang in ihr Projekt investiert wurden, beginnen sich langsam zu rechnen. Nicht nur, weil sie Kunden von Vorarlberg bis ins Burgenland bedienen, sondern weil auch das Ausland schon auf dieses Konzept aufmerksam geworden ist.

Ein vierköpfiges Team übernahm das Konzept im Vorjahr für die Niederlande. In der Nähe der Ortschaft Woudenberg bei Utrecht entstand auf einer Fläche von acht Hektar „Mijn Boerderijtje“. „Das heißt ,Mein kleiner Bauernhof‘. Der Name ist für die Niederlande passender“, sagt Raunig, der mit seinem Freund Kleinfercher als Lizenzgeber mitverdient. In der Schweiz, in Tschechien und Slowenien stehen schon drei weitere Franchisepartner in den Startlöchern. morri
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