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Ausgabe Nr. 28/2020 vom 07.07.2020, Foto: AdobeStock
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Einseitiger Hörverlust führt zu Müdigkeit,
erhöhtem Risiko für Stürze und Demenz
Gutes Hören braucht stets zwei Ohren
Optimisten könnten meinen, fällt ein Ohr aus, ersetzt das zweite das Hören. Doch das ist ein Irrtum, warnen HNO-Ärzte. Im Gegenteil, ein einseitiger Hörverlust zieht unweigerlich einige gesundheitliche Probleme nach sich.
Sabine Weinberger-Pramendorfer verlor ihr Gehör am linken Ohr von einem Tag auf den anderen, „über Nacht“ sozusagen. Warum, das weiß die Oberösterreicherin bis heute nicht.

Ärzte konnten zwar einen Hörsturz feststellen, was ihn auslöste, kann der gelernten Konditorin aber bis heute niemand sagen. „Letztlich musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ich einseitig taub bleiben würde. Ich habe mir eingeredet, dass das nichts macht“, erinnert sie sich. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Die Wirklichkeit war ernüchternd. „Ich brauchte einfach für alles länger, und es war wie ein chronischer Schlafmangel. Zu Mittag hätte ich mich jeden Tag niederlegen können, so müde war ich. Ich habe die Arbeit aufgegeben, weil es zu schwierig war.“ Auch Treffen in großen Runden waren für die aktive 49jährige nicht mehr machbar.

Doch im Laufe eines Lebens kann ein Ohr ausfallen, in Folge einer Infektion, eines Hörsturzes oder aufgrund von Altersschwerhörigkeit. „In diesem Fall, beim einseitigen Hörverlust, ist es wichtig, das betroffene Ohr möglichst bald mit einem Hör-Implantat zu versorgen, denn der Alltag mit nur einem Ohr ist deutlich anstrengender und risikobehafteter als mit zwei“, erklärt Prim. Dr. Thomas Keintzel.

Er ist Leiter der Abteilung für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am Klinikum Wels-Grieskirchen (OÖ). Fällt ein Ohr aus, „springt“ nicht das zweite ein. Im Gegenteil, es treten zahlreiche Probleme und Beschwerden auf, weiß Dr. Keintzel. „Das Verstehen von Gesprächen in lauter Umgebung ist fast unmöglich. Die Betroffenen können sich in einer großen Runde oder bei Festen nicht mehr mit anderen unterhalten. Sie meiden sie daher und büßen viel von ihrer Lebensfreude ein. Auch das Richtungshören funktioniert mit einem Ohr nicht. Bei Senioren steigt durch einseitigen Hörverlust zudem das Sturzrisiko.“

Fachleute sprechen vom „binauralen Hören“, wenn sie das Hören mit zwei Ohren meinen. Wer Töne auf diese Weise wahrnimmt, kann die Richtung erkennen, aus der ein Geräusch kommt. „Menschen, die sich auf nur ein Ohr verlassen müssen, haben diese Fähigkeit nicht, was etwa im Straßenverkehr äußerst gefährlich werden kann. Das Hören mit zwei Ohren ermöglicht auch das Verstehen von Gesprächen in lauter Umgebung. Und vor allem bei Musik kommt das Hören mit zwei Ohren zum Tragen. Nur die Kombination aus rechtem und linkem Ohr kann die vielen Facetten des Klanges authentisch wiedergeben. Wer mit nur einem Ohr hört, dem erscheint die Musik stumpf und eintönig“, erläutert der HNO-Experte. Hinzu kommt, ein Hörverlust erhöht das Risiko für Demenz, Depression und soziale Isolation.

Für Sabine Weinberger-Pramendorfer bedeutete der einseitige Hörverlust das Ende für ihr Hobby, das Mountainbiken. Auch das Treffen mit anderen Menschen wurde anstrengend. „Wenn ich dem Tischnachbarn links verstehen wollte, musste ich ihm das rechte Ohr zuwenden.“

Heute ist das alles nicht mehr notwendig. Nachdem die Oberösterreicherin erfahren musste, dass ein Hörgerät ihre Hörschwäche nicht mehr ausgleichen konnte, folgte sie dem Rat der Ärzte. Sie ließ sich ein sogenanntes Cochlea-Implantat einsetzen. „Es ist richtig, bei mildem Hörverlust ist ein Hörgerät meist ausreichend. Mittel- und hochgradige Schwerhörigkeit verlangen nach einer komplexeren Methode.

Hör-Implantate werden operativ hinter dem Ohr eingebracht und ersetzen und umgehen funktionsuntüchtige Hörstrukturen. Am häufigsten kommt das Cochlea-Implantat, kurz CI genannt, zum Einsatz, dessen Elektrode in der Cochlea, der Hörschnecke im Innenohr, für elektrische Impulse sorgt und so naturnahes Hören ermöglicht“, erklärt Dr. Keintzel.

Die ein- bis zweistündige Operation gehört seit Jahren zu den Routineeingriffen und zu den sichersten Eingriffen in der HNO-Heilkunde.

Ist der Hörverlust an einem Ohr schwerwiegender als am anderen, lassen sich Hörgerät und Hör-Implantat auch miteinander kombinieren. „Unsere Hör-Implantate sind mit jedem Hörgerät am Markt kompatibel“, erklärt DI Ewald Thurner, Manager von MED-EL Österreich. „Auf diese Weise lassen sich beide Ohren jederzeit flexibel und präzise mit der passenden Hörlösung stimulieren und die Systeme ergänzen sich zum optimalen Hören.“

Im vergangenen Dezember erhielt Sabine Weinberger-Pramendorfer schließlich ihr CI. Nach ein paar Wochen der Eingewöhnung konnte sie Gesprächen auch in schwierigen Situationen wieder folgen, ob im Restaurant oder Kaffeehaus mit regem Betrieb. Und auch den Einstieg ins Berufsleben hat sie geplant. „Ich bin äußerst zufrieden und ermutige jeden Menschen mit Hörverlust, an die Möglichkeit eines CI zu denken“, sagt sie zufrieden und will mit einem passenden Helm auf dem Kopf auch wieder ihr geliebtes Mountainbike besteigen.

Implantationen werden in unserem Land an jeder Universitätsklinik und an nahezu jedem Landeskrankenhaus angeboten. Im Fall einer eindeutigen Indikation übernimmt das öffentliche Gesundheitssystem die Kosten.
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