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Ausgabe Nr. 26/2020 vom 23.06.2020, Foto: picturedesk.com
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Gestürzt, geköpft,beschmiert.
Denkmäler sorgen für Diskussionen.
Strittige Statuen
Der Denkmal-Sturm in Großbritannien und Amerika geht auch an uns nicht spurlos vorbei. Zuletzt „zierte“ rote Farbe das Wiener Lueger-Denkmal. Zwei Petitionen wollen jetzt das Monument überhaupt „stürzen“.
Schande“ in roter Farbe war zuletzt am Sockel des Lueger-Denkmales in der Wiener Innenstadt zu lesen. Das 1926 errichtete Standbild ist seit Jahren umstritten. Der christlich-soziale Karl Lueger war zwischen 1897 und 1910 Wiener Bürgermeister. Seine Amtszeit prägten einerseits Großprojekte wie die Zweite Hochquellenwasserleitung, andererseits war Lueger auch Antisemit.

Die Sozialistische Jugend (SJ) Wiener Neustadt fordert in einer Petition jetzt die Entfernung des Denkmales. „Wir wollen, dass eine Statue dieses Antisemiten in Wien nicht existiert und die Straßen, die nach ihm benannt sind, umbenannt werden“, heißt es darin.

Für den SJ-Vorsitzenden Paul Stich ist der „Sturz“ des Lueger-Denkmales nötig: „Karl Lueger war ein militanter Antisemit, der von Hitler in ,Mein Kampf‘ gelobt wurde. Sein Denkmal hat sich mittlerweile zu einer Pilgerstätte für Rechtsextreme entwickelt. Der Abschnitt am Ring wurde bereits umbenannt. Das Denkmal zu entfernen, wäre ein nächster guter Schritt zu einer kritischen Aufarbeitung der Geschichte. An seine Stelle könnte zum Beispiel ein Mahnmal gegen Antisemitismus kommen.“ Auch die „Jüdischen österreichischen HochschülerInnen“ fordern einen Abriss.

Rund 300 Persönlichkeitsdenkmäler stehen hierzulande unter Denkmalschutz, ebenso wie das Lueger-Denkmal. Einen Antrag auf Aufhebung oder Veränderung gab es bisher nicht. Allerdings weist seit Juni 2016 eine Zusatztafel vor dem Bronzestandbild auf die verschiedenen Aspekte der „umstrittenen Persönlichkeit“ hin. Luegers „politische Rhetorik wurde zunehmend von populistischem Antisemitismus und der Vormachtstellung des deutschen Nationalismus beeinflusst“, heißt es dort. Aber auch auf seine Verdienste wird hingewiesen. Etwa, dass ihm „die Bewahrung des Wald- und Wiesengürtels rund um Wien“ zu verdanken sei.

Zuletzt wurde das Denkmal vor sechs Jahren beschmiert. Dieses Mal kostet die Reinigung 4.000 Euro, heißt es aus dem Rathaus. Einen eigenen Schutz für die Statue gibt es nicht, „das würde der freien Sicht und Zugänglichkeit widersprechen, einem Grundprinzip von Kunstwerken im öffentlichen Raum.“

Der Streit um die Denkmäler hat vor allem in Großbritannien und Amerika zuletzt die Schlagzeilen beherrscht. Mehr als ein Jahrhundert lang stand die Statue von Edward Colston im Zentrum der englischen Stadt Bristol. Bis am 7. Juni Demonstranten bei einer Anti-Rassismus-Kundgebung die Bronze-Figur vom Sockel rissen und im nahe gelegenen Fluss versenkten. Die Stadtverwaltung fischte sie wieder aus dem Wasser. „Sie kommt an einen sicheren Ort, bevor sie später Teil unserer Museums-Sammlung wird“, verkündete der Stadtrat.

Colston galt als Wohltäter. Er unterstützte Armenhäuser, Spitäler und Schulen. Doch seinen Reichtum erlangte er mit dem Sklavenhandel. Zwischen 1680 bis 1692 war er an der Verschleppung von mehr als 80.000 Afrikanern in die Karibik und nach Amerika beteiligt. Rund ein Viertel starb auf der Überfahrt.

In London wurde Kriegs-Premier Winston Churchill „vernagelt“, nachdem Demonstranten „War ein Rassist“ auf den Sockel sprühten. In der US-Stadt Boston köpften Unbekannte eine Statue von Christoph Kolumbus. Kritiker halten dem Entdecker der „Neuen Welt“ sein gewalttätiges Verhalten gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern vor.

Der Historiker Helmut Konrad ist in manchen Fällen auf der Seite der „Denkmalstürzer“. „Bei einem Sklavenhändler überwiegt die Erinnerung an die Sklavenhalter-Gesellschaft den Anteil an Menschlichkeit, den er mit Sozialprojekten gezeigt hat“, sagt der frühere Leiter des Institutes für Geschichte an der Universität Graz (Stmk). Anders sei die Lage beim britischen „Kriegspremier“ Winston Churchill. „Natürlich war er ein Kolonialist und auch rassistische Haltungen waren ihm nicht fremd. Wir brauchen die Diskussion auch um die Schattenseiten von Personen. Aber wir können bei Churchill sein historisches Verdienst in der Niederringung des Nationalsozialismus nicht übersehen. Eine Churchill-Statue würde ich persönlich nicht stürzen.“

Auch ein „Sturz“ des Lueger-Denkmales geht dem Historiker Konrad zu weit. „Beim Lueger-Denkmal ist mir lieber, es laufen Diskussionen um ihn und die spezifisch österreichische Entwicklung des Antisemitismus, als es erinnert nichts mehr an Lueger. Und das Problem ist damit endgültig unter den Teppich gekehrt.“

Das Stürzen von Statuen sei zwar oft berechtigt. „Niemand will Hitlerstatuen sehen, auch Stalindenkmäler sollten keinen Platz haben. Das gilt für viele Straßennamen. Aber entfernte Denkmäler entfernen nicht automatisch Denkmuster. Ich glaube, wir müssen jeden Fall einzeln anschauen. Was überwiegt und an welchem Denkmal können wir noch etwas Nützliches für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft festmachen.“

Nicht immer sind es Politiker selbst, die für Aufregung sorgen. Im Jahr 2008 ließ die Stadt Linz (OÖ) die Statue der Aphrodite aus dem Bauernberg-Park entfernen und lagerte sie ein. Adolf Hitler hatte die Figur der Stadt geschenkt. Heute ist das einstige „Führergeschenk“ im Linzer Stadtmuseum zu sehen.
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