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Ausgabe Nr. 21/2020 vom 18.05.2020, Fotos: picturedesk.com, Jazzhaus Records
Ute Lemper
Das Album enthält Ausschnitte aus dem gesamten Repertoire Dietrichs.
Auf den Spuren Marlene Dietrichs
Sie ist eine der wenigen deutschsprachigen Sängerinnen mit Weltkarriere. Ute Lemper huldigt auf dem vorzüglichen neuen Album „Rendezvous With Marlene“ (ab Freitag, 22. Mai, im Handel) zwanzig Lieder lang ihrem großen Vorbild Marlene Dietrich. Um über das neue Werk zu sprechen, aber auch, um aus erster Hand zu erfahren, wie es der 56 Jahre alten, in zweiter Ehe verheirateten Mutter von vier Kindern im Alter von acht bis 25 Jahren in ihrer besonders stark von Corona betroffenen Wahlheimat New York (USA) gerade geht, hat der WOCHE-Reporter Steffen Rüth ein Telefonat mit der Künstlerin über den großen Teich hinweg geführt …
Frau Lemper, New York war die Stadt, die niemals schläft. Wie sieht das jetzt aus?
Die Stadt ist still geworden. Schon seit Wochen habe ich nicht mehr die normalen Geräusche und den sonst üblichen Lärm gehört, sondern nur noch die Sirenen der Krankenwagen. Die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt. Die Menschen sind niedergeschlagen und verzweifelt.

Es ist auch kaum noch jemand auf den Straßen zu sehen. Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?
Uns geht es gut. Wir hoffen, dass wir Corona schon hinter uns haben. Im März, ja schon im Februar, hatten wir alle eine leichte Grippe. Ohne Fieber, nur Schnupfen, Husten, Kopfschmerzen. Wenn wir Glück haben, sind wir jetzt immun.

Einen Test haben Sie also nicht gemacht?
Nein. Diese Tests waren zu der Zeit auch kaum zu bekommen. Ich glaube, dieses Virus steckt schon viel länger in der Stadt, als wir glauben. Bestimmt seit Jänner. Wer weiß, wann das wirklich losgegangen ist.

Angeblich haben 20 Prozent aller New Yorker Corona schon hinter sich?
Das kann ich mir gut vorstellen. Die Menschen haben sich ja lange nicht viel dabei gedacht, wenn sie keine großartigen Symptome hatten, die Krankheit aber unwissentlich weitergaben. Die Alten, die Übergewichtigen, die Diabetiker, die hat es schwer erwischt. Die Zivilisationskrankheiten sind hier in New York eklatanter verbreitet als in Europa. Die zweite Krankheit, die parallel zu Covid-19 grassiert, ist die der Armut und Arbeitslosigkeit. Die kleinen Läden sind zu, die Restaurants sind zu, es ist für die Millionen von Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, eine tragische Zeit. Lediglich der Central Park wurde wieder geöffnet. Dort tummeln sich Jogger und Radfahrer und die Liegewiesen sind wieder voll.

Was haben Sie in den vergangenen Wochen daheim gemacht?
Bis Ende April waren wir alle bei uns daheim im zehnten Stock eines Hochhauses im Stadtteil Manhattan. Also mein Mann, ich und meine vier Kinder. Das war wirklich schön. Max und Stella, meine beiden Großen, sind dann wieder zurück nach San Francisco geflogen, wo beide leben. Wir haben oft gemeinsam gekocht und dem jüngsten, Jonas, 8, bei den Aufgaben am Computer geholfen.

Sie leben seit zwanzig Jahren in New York. Sind Sie
Doppelstaatsbürgerin?

Nein, obwohl ich sie längst haben könnte. Ich besitze eine Green Card, weil ich mich nicht als Amerikanerin fühle.

Marlene Dietrich, deren Lieder Sie auf „Rendezvous With Marlene“ singen, hat sogar ihre deutsche Staatsbürgerschaft abgegeben, als sie die amerikanische annahm …
Marlene hatte ein kompliziertes Verhältnis zu Deutschland. Auch ich hatte es mit den Deutschen nicht immer einfach, aber nach 35 Jahren Karriere sehe ich mich längst als Trägerin und Botschafterin der deutschen Kultur.

Sie sind ständig mit Dietrich verglichen worden. Haben Sie das als Kompliment aufgefasst?
Anfangs war das seltsam. Ich habe mich zwar geehrt gefühlt, aber den Vergleich nicht so empfunden. Ich war viel jünger als sie, sang in einem ganz anderen Stil, auch hatte ich nicht diesen Hollywood-Flair. Aber im Laufe der Jahre und mit einem zunehmenden politischen Bewusstsein durch meine Arbeit bin ich in ihre Fußstapfen als Botschafterin für menschliche Anliegen getreten.
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