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Ausgabe Nr. 19/2020 vom 05.05.2020, Foto: All mauritius
Durch die Abholzung des Regenwaldes entstehen immer mehr Schnittstellen zwischen Tier und Mensch.
Vernichtung des Regenwaldes fördert Pandemien
Da es kaum Kontrollen gibt, wird der Regenwald in Südamerika massiv abgeholzt. Mehr als je zuvor. Das hat dramatische Auswirkungen nicht nur für das Weltklima, sondern es steigt auch die Gefahr weiterer Krisen durch Viren. Denn wird der Lebensraum wilder Tiere beschnitten, kommen sie in die Nähe der Menschen und übertragen Krankheiten.
Wir brauchen die Wälder. Sie verhindern Pandemien wie jene, die durch das Corona-Virus ausgelöst wurde und der wir immer noch unterliegen.

Weil der Lebensraum wilder Tiere durch die Abholzung immer weiter beschnitten wird, kommen sie in die Nähe der Menschen und übertragen Krankheiten. Auch das Corona-Virus dürfte von einem Tier auf den Menschen übergesprungen sein. „Vor allem die Abholzung der Regenwälder ist in diesem Zusammenhang tragisch“, erklärt Georg Scattolin, Artenschutzexperte beim World Wide Fund for Nature Österreich (WWF). „Es entstehen immer mehr gefährliche Schnittstellen zwischen Tier und Mensch, an denen sich Infektionskrankheiten übertragen können.“ Scattolin zufolge treffen durch den schwindenden Lebensraum Tiere aufeinander, die in intakten Ökosystemen nie Kontakt zueinander hätten. Das begünstigt die Ausbreitung von Krankheitserregern. „In ungestörten Wäldern finden Viren viel schwieriger passende Wirte, wodurch die Ausbreitung mancher Erreger früher oder später gestoppt wird“, meint der WWF-Experte. Es ist nicht das erste Mal, dass Tiere eine Krankheit übertragen. Ebola, die Vogelgrippe, MERS und SARS sowie das Zika-Virus – bei all diesen Krankheiten waren Tiere die Überträger der Krankheit.

Jedes Mal war die unnatürliche Nähe von Menschen und Wildtieren der Auslöser. Im Amazonas-Gebiet etwa hat sich durch die Abholzung des Regenwaldes die Zahl der Malaria-Fälle bereits um rund 50 Prozent erhöht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass rund 30 Prozent der Infektionskrankheiten auf Landnutzungsänderungen wie die Abholzung von Regenwald zurückzuführen sind. „Unsere Missachtung der Natur und unsere Respektlosigkeit gegenüber Tieren haben die Pandemie verursacht“, ist die Primatenforscherin und Umweltaktivistin Jane Goodall, 86, überzeugt.

Sie bezieht sich auch auf den Handel mit Wildtieren oder Massentierhaltung in der Landwirtschaft.

Und die weltweite Vernichtung von Wäldern geht ungebremst weiter. Seit Beginn der Corona-Pandemie wurde in Brasiliens Amazonasgebiet eineinhalb Mal mehr Wald vernichtet als im Vorjahreszeitraum – aufgrund sinkender Kontrollen. Grund für die Abholzung sind Wirtschaftsinteressen. Die frei gewordenen Flächen dienen der Tierzucht und dem Anbau von Soja. Rindfleisch und Soja – das als Tierfutter in der Massentierhaltung eingesetzt wird – gelangt über Importe auch zu uns. Ein Drittel der brasilianischen Rindfleischexporte gehen nach Europa. Auch in Indonesien werden weiterhin Wälder abgeholzt, dort für Palmölplantagen. Palmöl kommt in zahlreichen Lebensmitteln, aber auch in Bio-Sprit zum Einsatz.

„Rund 15 Prozent der weltweit durch menschliche Aktivitäten verursachten Treibhausgas-Emissionen sind auf die Vernichtung von Wäldern zurückzuführen“, weiß Scattolin vom WWF. Tropische Regenwälder seien seiner Ansicht nach dabei von herausragender Bedeutung, da sie aufgrund des hohen Biomasse-Vorrates um 50 Prozent mehr Kohlenstoff speichern als Wälder außerhalb der Tropen. Dazu kommt, dass Wälder gigantische Klimaanlagen sind. „Sie steuern Verdunstung, Wasserkreisläufe und dadurch das Wetter.“

Der riesige Amazonas-Regenwald etwa recycelt sein eigenes Wasser, erzeugt Feuchtigkeit und trägt zur Stabilisierung des globalen Klimas bei. Doch diesem 5,5 Millionen Quadratkilometer großen Wunder der Natur droht der Kollaps. Obwohl es mehr als 60 Mal so groß ist wie unser Land. Der Verlust weiterer Waldflächen könnte Millionen Tonnen von Treibhausgasen in die Atmosphäre freisetzen und das System über seinen ökologischen Kipppunkt hinausschieben. In diesem Fall könnte die Region zu einer Quelle statt zu einem Speicher von CO2 werden. „Wissenschaftler schätzen, dass dieser Wendepunkt im Amazonasgebiet durch eine Abholzung von 20 bis 25 Prozent seiner Fläche erreicht wird“, erklärt Scattolin. „Wir befinden uns bereits knapp bei 20 Prozent.“ Wird der Kipppunkt überschritten, beginnt ein Prozess der „Savannisierung“, der den Regenwald in tropisches Grasland verwandelt.

Der verschwundene Wald kann so seine wichtige Rolle im Wechsel zwischen Regen- und Trockenzeit nicht mehr erfüllen. „Das hätte entsprechend drastische Folgen für die darauf beruhende Ernährungs-, Wasser- und Energiesicherheit der Region und der ganzen Welt“, ist Scattolin überzeugt.

Dabei wäre die Erhaltung der Wälder wichtig, um eben Pandemien wie die derzeitige zu verhindern. Und um die Tier- sowie die Pflanzenwelt zu retten. Zwei Drittel der etwa 1,8 Millionen bekannten Spezies leben laut dem amerikanischen „World Resources Institute“ in den Wäldern unserer Erde. Die weltweiten Rodungen haben aber bereits das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte eingeleitet.

„Im Gegensatz zu den fünf vorangegangenen wird das gegenwärtige Massensterben von Tieren und Pflanzen nicht durch Naturkatastrophen verursacht“, bringt Scattolin es auf den Punkt.

„Dass mehr als eine Million Tier- und Pflanzenarten weltweit vom Aussterben bedroht sind, liegt
an der Lebensraumzerstörung und Übernutzung
des Planeten durch den Menschen.“ Wolf
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