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Ausgabe Nr. 19/2020 vom 05.05.2020, Foto: picturedesk.com
Tausende Wohnungen wurden hierzulande durch Bombenangriffe völlig zerstört.
Ein Land in Trümmern
An die 400.000 Tote, mehr als 170.000 ganz oder teilweise zerstörte Wohnungen, hunderttausende Witwen und Waisen. Das war die Bilanz nach den Jahren der Nazi-Herrschaft, als der Krieg am 8. Mai 1945 endete.
In Wien herrschte im April 1945 Chaos. „Nach den Kampftagen lagen mehr als 9.000 Tote in den Straßen, die einfach in der nächsten Grünfläche beerdigt wurden“, schilderte der spätere Bundespräsident Adolf Schärf. „Es gab weder Särge noch Fuhrwerke zur Beförderung der Toten.“

Die Versorgungslage war katastrophal. Im Schnitt bekamen die Wiener vom 20. April bis Ende Mai ein halbes bis ein Kilo Brot pro Woche. „Jeder litt Hunger, eine Schnitte Brot war ein nobles Geschenk“, erinnerte sich der Sozialdemokrat Schärf. „Wenn ich nach Hause kam, wurde mir jeden Tag erzählt, vor unserem Wohnhaus seien ein oder zwei Passanten vor Hunger zusammengebrochen.“ Aber nicht nur in Wien hungerten die Menschen. In Linz (OÖ) betrug die Wochenration pro Kopf von Ende Mai bis Juni 200 Gramm Fleisch, 500 Gramm Brot, 100 Gramm Fett, 125 Gramm Zucker, 75 Gramm Trockenerbsen, 25 Gramm Kaffeemittel und ein Ei.

Acht Tage hatte die Schlacht um Wien gedauert. Am 13. April um 14 Uhr erklärten die sowjetischen Truppen den Kampf für beendet. 30.000 deutsche Soldaten waren laut Berichten 400.000 Soldaten der Roten Armee gegenübergestanden. Trotzdem wurde in manchen Bezirken um jedes Haus gekämpft. Die Nazis ließen noch in den letzten Tagen Deserteure und angebliche Verräter hinrichten. Versteckte Juden wurden ermordet, wenige Stunden bevor die Rote Armee eintraf. Beim Vormarsch der Sowjets wiederum kam es zu Plünderungen, Morden und Vergewaltigungen.

Zwei Wochen später, am 27. April, unterzeichneten im befreiten Wien SPÖ-, ÖVP- und KPÖ-Politiker die Unabhängigkeitserklärung. Die ersten beiden Artikel der Proklamation lauteten: „Die demokratische Republik Österreich ist wiederhergestellt und im Geiste der Verfassung von 1920 einzurichten. Der im Jahre 1938 dem österreichischen Volke aufgezwungene Anschluss ist null und nichtig.“ Vergessen waren die Abertausenden, die Hitler einst zugejubelt hatten. Aus der „Ostmark“, den „Alpen- und Donau-Reichsgauen“ war wieder Österreich geworden.

Doch der Krieg in unserem Land war nicht zu Ende. In Berlin lebte Adolf Hitler noch drei Tage, bevor er sich im „Führerbunker“ umbrachte. Kurz zuvor hatte er seine Lebensgefährtin Eva Braun geheiratet. Hierzulande wurde teilweise noch gekämpft, Flüchtlings-Kolonnen zogen nach Westen.

Ende April schafften es französische Truppen über Vorarlberg bis nach Tirol. Amerikanische Truppen kamen aus Bayern und besetzten Anfang Mai Innsbruck, Salzburg und Oberösterreich. Die „Alpenfestung“, von der die Nazi-Propagandisten in den Monaten vor dem Zusammenbruch phantasiert hatten, existierte nicht. „Im Süden befindet sich die deutsche Wehrmacht in einem unbeschreiblichen Zustand der Auflösung“, war in der Zeitung „Neues Österreich“ am 5. Mai zu lesen. „Durch die Kapitulation von nahezu einer Million Mann in Italien wurde das südliche Tor nach Deutschland geöffnet. Jede Hoffnung der Nazis, die Alpen zu einem Widerstandsnest auszubauen, ist damit zunichte geworden.“

Am 5. Mai zogen US-Panzer nicht nur nach Linz, ein Spähtrupp traf auch in den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen ein. Schon zwei Tage zuvor waren die letzten SS-Angehörigen geflohen. 40.000 Gefangene wurden befreit, viele davon waren so geschwächt, dass sie trotz der medizinischen Versorgung in den Wochen und Monaten danach starben.

Insgesamt waren in den Jahren von 1938 bis 1945 rund 190.000 Menschen in den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen oder in einem der Außenlager gefangen. Mindestens 90.000 davon starben.

Der Krieg in Europa war fast zu Ende. „Die totale bedingungslose Kapitulation wurde am 7. Mai, 2 Uhr 41 morgens (…) unterzeichnet“, schrieb der britische Kriegs-Premier Winston Churchill in seinem Buch über den Zweiten Weltkrieg. „Dementsprechend endeten alle Feindseligkeiten am 8. Mai um Mitternacht.“ Auf Geheiß Stalins wurde in den frühen Stunden des 9. Mai die Kapitulation noch einmal unterzeichnet.

Am 2. September 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Japans auch in Asien, nachdem die Amerikaner zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hatten.

Der Krieg in Europa und Fernost kostete laut Schätzungen mindestens 55 Millionen Menschen das Leben, die meisten davon waren Zivilisten. Die Sowjetunion hatte mit mehr als 26 Millionen Toten den höchsten Blutzoll zu beklagen. Sechs Millionen Juden wurden von den Nationalsozialisten
ermordet.

In unserem Land fielen mindestens 66.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer dem Terror der Nationalsozialisten zum Opfer. Mehr als 260.000 Soldaten fielen an der Front oder starben in Kriegsgefangenschaft. Rund 35.000 Menschen starben durch Luftangriffe, fast 10.000 infolge politischer Verfolgung.
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