Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 11/2020 vom 10.03.2020, Fotos: picturedesk.com, Universal Music
Soccer Mommy
Ein Album voller Düsternis. Dabei, sagt Soccer Mommy, habe sie eine glückliche Kindheit gehabt.
„Ich liebe den Horror, die Qualen und die Dunkelheit“
Erst hat sie ein paar harmlose Liedchen auf der Internet-Plattform Bandcamp veröffentlicht. Bis Sophia Allison, 22, im Jahr 2018 ihr Album „Clean“ auf diesem Online-Musikdienst angeboten hat. Seither nimmt die Karriere der jungen Musikerin aus Nashville im US-Bundesstaat Tennessee, die sich nun Soccer Mommy nennt, zunehmend Fahrt auf. Es ist eine Reise in die Finsternis, in die tiefen Abgründe des Menschseins, wie sie dem WOCHE-Reporter Steffen Rüth erklärt hat. Ihr neues Werk „Color Theory“ (bereits im Handel) ist ein Beleg dafür.
Sie haben in New York (USA) Musikmanagement studiert und 2015 begonnen, Lieder im Internet zu veröffentlichen. Haben Sie damit gerechnet, mit Ihrem Debut-Album „Clean“ solchen Erfolg zu haben?
Überhaupt nicht. Das war ein Wirbelsturm der Ereignisse. Ich konnte plötzlich mit anderen Gruppen bei riesigen Shows auftreten und selbst Konzerte geben, die ausverkauft waren. Mit einem Mal verdiente ich so viel Geld, dass ich nichts anderes mehr machen musste außer Musik. Ein Traum ist wahr geworden.

Fühlen Sie sich nicht überfordert?
Keineswegs. Ich liebe die Möglichkeiten, die ich jetzt habe. Zum Beispiel durfte ich ein Lied für den Horrorfilm „The Turning“ (heißt bei uns „Die Besessenen“) schreiben. Das war wirklich „cool“, denn ich liebe Horrorfilme.

Sie mögen den Horror?
Oh Gott, mehr als alles andere. Als junges Mädchen hatte ich noch Angst davor, aber mit elf, zwölf Jahren begann ich, mir diese Filme anzusehen. Richtig gefangengenommen haben mich die Filme dann während der Zeit auf dem College in New York. Ich wurde richtiggehend besessen davon. Heute geht es mir nicht mehr so sehr um die Angst und um das Gruseln, sondern ich stehe total darauf, diese Filme zu analysieren.

Wenn Ihr neues Album „Color Theory“ also ein Film wäre, ist er dann eher ein Horror-Streifen oder doch vielleicht eher eine dunkle, verkorkste Komödie?
Oh, Horror. Definitiv. Die ersten Lieder sind ja noch nicht beklemmend und noch recht entspannend, die Musik hört sich ein bisschen nach Frühling an, aber dann kommt dieser Song über die Schlafparalyse, auch Schlafstarre genannt, und den gruseligen Dämonen, der mich im Schlaf beobachtet, während ich mich nicht rühren kann. Spätestens da sind wir in einem Albtraum angelangt, der noch viel düsterer und beängstigender ist als fast alles, was in Horrorfilmen zu sehen ist.

Sie sprechen über das Lied „Crawling In My Skin“?
Genau. Ich hatte die Platte nicht wie einen Film konzipiert, aber der Spannungsbogen ist gegeben. Das Stück beginnt relativ hell und wird dann immer abgründiger, das war mein Plan. Langsam, Schritt für Schritt, schreite ich mit den Hörern hinab in die Dunkelheit, in den absoluten, überhaupt nicht mehr spaßerfüllten Abgrund. Am Ende stehen die Qual und der Tod.

Nett …
(lacht) Scheußlich. Mir stand der Sinn danach, in die schlimmsten Tiefen der menschlichen Seele hinabzutauchen. Dann kam mir die Idee mit den drei Farbkategorien, in die ich die Lieder einteile. Die hatte ich, als ich „Yellow Is The Color Of Her Eyes“ schrieb.

Die Farben sind Blau, Gelb und Grau …
Genau. Nirgendwo ist grelles Orange.

Viele Musikerinnen und Musiker schreiben ihre Lieder, um sich besser zu fühlen. Schreiben Sie Ihre, um sich schlechter zu fühlen?
Nein, bei mir trifft weder das eine noch das andere zu. Ich schreibe auf, was ich fühle. Manchmal ist das negativ, manchmal ist das auch positiv. Oft empfinde ich es aber tatsächlich als angenehm, richtig tief in meine düsteren Gedankenwelten abzutauchen.

Stimmt es, dass Sie in der Schweiz geboren wurden?
Ja, mein Vater ist Neurowissenschaftler und hat in Zürich gearbeitet. Meine Mutter unterrichtete Englisch. Als ich zwei Jahre alt war, sind wir umgezogen.

Wenn Ihr Vater Gehirnforscher ist, haben Sie ihn je gebeten, sich einmal Ihres näher anzuschauen?
(lacht) Na ja, die Menschen sind nicht sein Spezialgebiet. Er forscht mehr an Tieren. Und ehrlich gesagt ist er die Sorte von Mann, die meint, so gut wie alle Probleme ließen sich mit Willenskraft beheben. Wir führen auf jeden Fall oft lebhafte Diskussionen.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung