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Ausgabe Nr. 05/2020 vom 28.01.2020, Foto: picturedesk.com
Immer weniger sind katholisch

Zahl der Katholiken
Anteil an der Bevölkerung

1971 / 6.548.000 – 87 Prozent
1981 / 6.373.000 – 84 Prozent
1991 / 6.081.000 – 78 Prozent
2001 / 5.915.000 – 74 Prozent
2011 / 5.404.000 – 64 Prozent
2019 / 4.985.000 – 56 Prozent
„NS-Kirchensteuer vertreibt Gläubige“
Nur noch 56 Prozent sind hierzulande Mitglied der römisch-katholischen Kirche. Bis zur Jahrhundertmitte könnte der Anteil sogar auf ein Viertel schrumpfen, wenn die Austritte ungebremst weitergehen. Den Hauptgrund darin sieht der Kirchenhistoriker Rudolf Höfer in der Kirchensteuer.
Fast 70.000 Menschen haben im Vorjahr der katholischen Kirche den Rücken gekehrt. So viele wie seit dem Jahr 2010 nicht mehr. Zwischen 4,5 Prozent in der Diözese Feldkirch (V) und 64 Prozent in der Diözese Gurk-Klagenfurt (K) stiegen die Austrittszahlen. Kirchenvertreter geben der wiederaufgeflammten Missbrauchs-Debatte und der Affäre um den ehemaligen Kärntner Bischof Alois Schwarz die Schuld.

Doch der Kirchenhistoriker Rudolf Höfer sieht den Hauptgrund in der Kirchensteuer, einem Nazi-Gesetz. „Bischof Schwarz interessiert die Menschen nur in Kärnten, aber im Rest des Landes kaum jemanden.“ In Innsbruck (T) seien etwa 19 Prozent mehr Katholiken ausgetreten. „Das hat andere Ursachen, der reale Hintergrund ist einzig und allein, dass die katholische Kirche als Finanzamt auftritt. Weil es dieses unselige NS-Gesetz gibt. Die Kirchensteuer vertreibt Gläubige.“

Unser Kirchenbeitrags-Gesetz stammt aus dem Jahr 1939. Das NS-Regime beschlagnahmte den Religionsfonds, den Kaiser Joseph II. 1782 errichtet hatte und stellte die Zahlungen ein. Stattdessen führten die Nazis die Kirchensteuer für die katholische, evangelische und altkatholische Kirche in der „Ostmark“ ein. „Ein vernichtender Schlag gegen die Kirchenorganisationen“ war das Ziel. Andere Länder, in denen Hitler-Deutschland Kirchenbeiträge eingeführt hatte, strichen sie nach dem Jahr 1945. Unser Land nicht.

Mit dem 20. Geburtstag flattert meist der erste Kirchenbeitrags-Bescheid ins Haus. Die Meldedaten bekommen die Kirchen von den Gemeinden. Der Kirchensteuer-Satz beträgt 1,1 Prozent vom Einkommen. Davon wird ein allgemeiner Absetzbetrag von 57 Euro abgezogen, auch für Kinder in der Familie gibt es in der Regel Ermäßigungen. Für Arbeitnehmer beträgt der Mindestkirchenbeitrag in der Regel rund 30 Euro jährlich.

„1998 hat die Bischofskonferenz in ihrem Amtsblatt geschrieben, ,nach internen Informationen ist für zwei Drittel das Motiv für den Austritt der Kirchenbeitrag.‘ Es gibt seit dem Jahr 1945 2,4 Millionen Austritte. Das heißt, mehr als ein Viertel ist aus der katholischen Kirche seither ausgetreten“, rechnet der Theologe Rudolf Höfer vor. „Hätten wir das Kirchenbeitragsgesetz nicht, wäre die Katholikenzahl noch bei mehr als 80 Prozent. Derzeit liegt sie aber bei 56 Prozent. In den nächsten Jahrzehnten könnte sie sogar auf rund ein Viertel sinken.“

Ein Beispiel dafür ist laut dem früheren Grazer Universitätsprofessor für Kirchengeschichte Südtirol. „Dort liegt die Katholikenzahl bei 96 Prozent, in Nordtirol nur bei 72 Prozent. Wie gibt es diesen Unterschied? Die Tiroler ticken doch ähnlich in Nord- und Südtirol.“ Die Zuwanderung sei nicht der Grund dafür, glaubt Höfer. Denn es kämen neben muslimischen Zuwanderern auch Menschen aus überwiegend katholischen Ländern zu uns. „Das Hauptproblem ist der Austritt als Folge des Kirchenbeitrages. Die Menschen gehen auch noch in die Kirche, wenn sie nicht mehr für die Kirche zahlen.“

In Italien gibt es keine Kirchensteuer. Dort dürfen die Bürger über 0,8 Prozent des jährlichen Steueraufkommens „abstimmen“, ob das Geld einer anerkannten Religionsgemeinschaft oder dem Staat zugute kommen soll. „Das italienische Modell würde bei uns bedeuten, dass niemand mehr einen Kirchenbeitrag bezahlen müsste. In Italien ist die Einführung 1984 über das Budget erfolgt. Es wurde keine Steuer erhöht, für die Menschen ist die Steuerbelastung gleichgeblieben. Das wäre auch bei uns so.“

Rund 250 Millionen Euro für alle anerkannten Religionsgemeinschaften würde das italienische Modell an Mehrkosten für das Budget ausmachen. Schon jetzt zahlt der Staat Millionen durch Absetzbeträge, die Bearbeitung der Tausenden Austritts-Erklärungen und Kosten für Klagen und Pfändungen. Im Jahr 2010 wurden etwa rund 30.000 Klagen wegen ausständiger Kirchenbeiträge gezählt. Es gab mehr als 12.000 Exekutionsanträge, unter die auch Miet- oder Pachtzinsen fielen.

Angesichts auch der jüngsten Austrittszahlen glaubt der Historiker und engagierte Katholik Höfer, dass die Zeit reif ist für ein Umdenken. „Oder die Bischöfe entscheiden, eine kleine Herde zu werden. Aber dann hat es auch keinen Sinn zu jammern, dass die Kirche an den Rand gedrängt wurde. Die Bischöfe drängen mit ihrem Festhalten am NS-Gesetz die Kirche an den Rand der Gesellschaft.“
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