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Ausgabe Nr. 04/2020 vom 21.01.2020, Foto: picturedesk.com
Rund 60.000 Tonnen Brot landen jährlich im Müll. Für die Hälfte sind die Haushalte verantwortlich.
Brot im Überfluss
Lebensmittel im Wert von 300 Euro werfen wir pro Haushalt und Jahr in den Mistkübel. Am häufigsten landen dort Brot und Gebäck. Jedes fünfte Brot geht im Handel „verloren“. Eine Vorarlberger Bäckerei gibt seit Anfang Jänner Brot vom Vortag eine zweite Chance, in einer eigenen Filiale.
Brot von gestern bekommt seit Anfang Jänner in Dornbirn eine zweite „Kunden-Chance“. Von Dienstag bis Samstag verkauft die Vorarlberger Bäckerei Mangold in einer eigenen Filiale Brot und Gebäck vom Vortag zum halben Preis. „Wir haben das Restbrot immer schon so nachhaltig wie möglich verwertet“, sagt die Mangold-Geschäftsführerin Monika Haag. „Seit vielen Jahren, auch jetzt noch, bekommen es Institutionen wie ,Tischlein deck dich“. Am Schluss war immer noch Brot da, das hat der Bauer geholt. Aber im Müll ist es bei uns nicht
gelandet.“

Von Dienstag bis Samstag werden nun die Regale der „Gutes von Gestern“-Filiale gefüllt. „Wir wollten ein Zeichen setzen für den bewussten, verantwortungsvollen Umgang mit dem wertvollen Lebensmittel Brot“, erklärt Monika Haag. „Ich glaube, dass die Kunden, die das Brot vom Vortag einkaufen, das nicht nur tun, weil es billig ist, sondern weil eine Wertschätzung dahintersteht.“

Zehn Prozent des „Altbrot-Umsatzes“ spendet das Unternehmen, jetzt etwa an die Hospizbegleitung (HoKi) für Kinder und Jugendliche. Für die Vorarlberger Bäckerei ist die „Resteverwertung“ in einer eigenen Filiale eine Premiere. In Deutschland und auch hierzulande gibt es aber schon ähnliche Projekte.

Manche Bäckereien und etliche Supermärkte verkaufen zudem kurz vor Ladenschluss das Sortiment billiger, andere stellen ein Körberl mit günstigerem Brot vom Vortag auf. Die Supermärkte bemühen sich um weniger Lebensmittelverschwendung. Doch auch bei den Konsumenten gibt es ein erstes Umdenken. „Die Kunden sind etwas weniger fordernd, wenn am Abend nicht mehr alles da ist. Da hat sich die Einstellung ein bisschen gewandelt“, sagt eine Spar-Sprecherin. Das Grundsortiment an Schwarzbrot und Gebäck wird bei Spar bis Geschäftsschluss angeboten, je nach Bedarf von den Mitarbeitern aufgebacken. Durchschnittlich sieben Kilo Brot und Gebäck bleiben laut Unternehmen trotzdem am Abend in den Regalen liegen. „Am meisten geben wir an die Sozialorganisationen“, heißt es bei Spar. Aber auch Futtermittelproduzenten verarbeiten das Altbrot.

Auch die Rewe-Gruppe, zu der unter anderem Billa, Merkur und Penny gehören, hat flächendeckend Kooperationen mit Sozialorganisationen. Pro Jahr „fallen in unseren Filialen rund ein Prozent des Gesamtumsatzes an Lebensmittelabfällen an“, rechnet eine Sprecherin vor. Um die Menge möglichst gering zu halten, werden bei Brot unter anderem Prognosesysteme eingesetzt und „Gebäck durch die Backshops bedarfsgerecht verkaufsbereit gemacht“.

Darauf setzt auch der Diskonter Hofer. „An umsatzschwächeren Tagen werden beispielsweise am späteren Nachmittag nur noch einzelne Bleche und keine vollen Öfen mehr gebacken“, heißt es aus dem Unternehmen. So bleiben nur noch Kleinstmengen übrig. Überschüssiges Brot und Gebäck gehen an soziale Organisationen oder landwirtschaftliche Betriebe.

Bei Lidl werden nur die „beliebtesten sogenannten Eckartikel“ bis zum Geschäftsschluss angeboten. „Dafür haben nicht alle unsere Kunden Verständnis, wir machen hier Abstriche im Sinne der Nachhaltigkeit und gegen Lebensmittelverschwendung.“ Auch bei Lidl gibt es etwa Kooperationen mit sozialen Einrichtungen.

Die Wiener Tafel versorgt 19.000 Armutsbetroffene im Großraum Wien mit Lebensmittelspenden. „Brot ist mengenmäßig das größte Segment an Lebensmitteln, das der Wiener Tafel angeboten wird“, sagt Sprecher Markus Hübl. „Wir sind nicht in der Lage, alles zu übernehmen und an Sozialeinrichtungen weiterzugeben, weil der Bedarf gedeckt und die Überproduktion so groß ist.“

Einen Schuldigen dafür will er nicht suchen. „Jeder von uns muss Verantwortung übernehmen, damit diese Überproduktion abnimmt und Ressourcen nicht sinnlos verschleudert werden. Wir müssen lernen, es hinzunehmen, dass wir kurz vor Geschäftsschluss der Bäckereien oder Supermärkte nicht mehr die ganze Brot-Angebotspalette vorfinden.“
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