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Ausgabe Nr. 02/2020 vom 07.01.2020, Fotos: Erwin Scheriau, zVg/Zierler
Toni Zierler mit der beeindruckenden Ernemann-Studiokamera.
In den Vitrinen lagern Kostbarkeiten.
Mit Licht malen
Über Jahrzehnte hinweg hat der Steirer Toni Zierler eine beeindruckende Kollektion aufgebaut. Mehr als 1.000 alte Kameras und wertvolle Fotografien entführen in längst vergangene Zeiten. Nicht in einem Museum, sondern auf seinem Hof in Eggersdorf (Stmk.) können sich Besucher im wahrsten Sinn von der Geschichte der Fotografie ein Bild machen.
Bei uns würden wir sagen, ich bin ein ‚Keuschler‘“, sagt Toni Zierler, auf seine bescheidene Landwirtschaft angesprochen, die er in Eggersdorf (Stmk.) betreibt. Drei Kühe, ein paar Hühner und Dinkelanbau werfen gerade so viel ab, dass Milch, Käse, Fleisch und Brot für den Eigenbedarf vorhanden sind. „Aber ich bin ja schon seit zwei Jahren in Pension und muss nichts mehr verdienen“, sagt der 63jährige. Dass es da auf seinem alten Bauernhof noch etwas anderes gibt, lassen alte Schilder vermuten, die auf der Hauswand angebracht sind. Die Begriffe „Perutz Photo“, „Adox“ und „Agfa“ zeigen schon, wohin die Reise geht. In einem schmucklosen Nebengebäude sind bei Zierler Schätze einer Technik zu sehen, die er als „Mit Licht malen“ bezeichnet. Mehr als 1.000 alte Kameras und viele Fotografien hat der Landwirt im Lauf der Jahrzehnte gesammelt und liebevoll in Vitrinen arrangiert.

Seine Leidenschaft für den auf Bild festgehaltenen Moment hat schon früh begonnen. „Ich bin etwa 14 Jahre alt gewesen, als ich mir meine erste billige Kamera gekauft habe“, erinnert sich Zierler. Keine besondere, aber sie reichte, um das Feuer zu entfachen, das bis heute in ihm lodert. „Nur auf die Bilder, die ich geschossen habe, zu warten, hat mich halt gestört.“ Also richtete er in der Selchkammer der Eltern eines Freundes die erste Dunkelkammer ein. „Oben sind die Würstl gehangen, darunter haben wir entwickelt“, lacht der sympathische Steirer. „Dann sind wir mit dem Radl zu Bällen in der Umgebung gefahren und haben dort fotografiert.“ Mit voller Filmrolle ging es schnurstracks zurück in die Selchkammer, die Bilder wurden entwickelt und noch am selben Abend am Ball für ein paar Groschen verkauft. „Das hat unser Taschengeld aufgebessert und Anerkennung gebracht.“

„Mit 18 Jahren habe ich in einem Auktionshaus eine Canon F1 ersteigert“, erinnert sich Zierler. Die 7.500 Schilling, die ihn das gute Stück schließlich gekostet hat, entsprachen mehr als dem Jahresgehalt seiner Lehrlingsentschädigung als Stiegenbauer. Mit dieser Kamera begann auch sein Interesse an der Technik, die zum Bild führt.

Im Jahr 1990 legte sich der Steirer seine erste Holzkamera zu. „Diese Kameras haben keine Filmrolle, sondern eine Belichtungsplatte. Sie muss im Dunkeln selbst beschichtet und innerhalb von 15 Minuten belichtet werden, da die aufgetragene Emulsion nicht austrocknen darf“, erklärt Zierler den komplizierten Vorgang, der sich Kollodiumverfahren nennt. „Und dann hat der Fotograf genau eine Chance auf das perfekte Bild.“ Auf die Frage nach dem „Warum“ muss der 63jährige lächeln. „Weil es eine Herausforderung ist“, antwortet er nach kurzem Nachdenken. „Der Fotograf muss gleichzeitig ein guter Handwerker, Techniker und Künstler sein. Und das Ergebnis ist ein Unikat, das es so kein zweites Mal gibt. Wie ein Gemälde, nur dass ich mit Licht gemalt habe“, findet der Landwirt geradezu poetische Worte. In Zeiten von jederzeit verfügbaren Smartphones, mit denen jeder so lange knipsen kann, bis ein Bild passt, das dann wieder in einem Ordner ungesehen verschwindet, ist Zierlers Sichtweise eine erfreuliche Erinnerung, dass Kunst von Können kommt.

Zu jeder seiner mehr als 1.000 Kameras (die übrigens alle in funktionsfähigem Zustand sind) weiß er interessante Details. Und zu vielen nicht weniger interessante Anekdoten. Wie zu den zwei großen Studiokameras der ehemals bekannten Hersteller Ernemann und Goldmann. „Im Jahr 1994 hab‘ ich am Heiligen Abend meiner Frau gesagt, dass ich nach Graz fahre, weil ich noch etwas besorgen muss“, berichtet der Steirer schmunzelnd. Was nur die halbe Wahrheit war. Er hatte zwar etwas zu besorgen, aber nicht in Graz. „Ich bin nach Salzburg gefahren, um die beiden Kameras bei einem Antiquitätenhändler um 6.000 Schilling zu kaufen.“ Seine Frau hat ihm die Notlüge mittlerweile verziehen, zumal heute allein das Stativ, auf dem so eine Kamera steht, mehr wert ist, als er damals für beide Kameras bezahlt hat.

Und die Vitrinen sind voller weiterer Kostbarkeiten. So besitzt Zierler die erste Kodak-Kamera. „Sie stammt aus dem Jahr 1889. Zum Entwickeln der Bilder, die ein rundes Format hatten, musste damals das ganze Gerät eingeschickt werden“, erzählt der Landwirt.

So ermöglicht ein Spaziergang bei den Vitrinen einen Einblick in die Evolutionsgeschichte der Fotografie. Die auch in zahlreichen Bildern, die Zierler ebenfalls sammelt, ihren Ausdruck findet. Unter den vielen Schwarz-weiß-Aufnahmen, die teilweise Originale berühmter Fotografen sind, fällt aber eines besonders auf. Weil es so gar nicht dazupasst. Ein großes Farbposter im Format 58 x 48 Zentimeter, mit dem Motiv einer attraktiven Dame in roter Bluse und dunklem Rock. „Kein Poster“, korrigiert Zierler. „Ein Original-Polaroid-Sofortbild, das sich trotz des riesigen Formates in etwa acht Sekunden selbst entwickelte. Diese Kamera gibt es noch immer und wird nur an ausgewählte Fotografen verliehen“, weiß der Experte. Der einzige Nachteil dieser beeindruckenden Sammlung ist, dass sie nicht öffentlich zugänglich ist. „Ich würde mich freuen, wenn sich jemand finden würde, der mir einen Raum zur Verfügung stellt, um alles schön präsentieren zu können“, sagt Zierler (Kontakt per Mail: toni.zierler@gmail.com). Bis dahin zeigt der Steirer Fotografie-Interessierten, die einen Besuch bei ihm per Mail ankündigen, auch gerne die Exponate bei ihm zu Hause.
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