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Ausgabe Nr. 45/2019 vom 05.11.2019, Foto: picturedesk.com
Martina Friederike Gedeck, geboren am 14. September 1961, wuchs mit ihren beiden Schwestern im bayerischen Landshut als Tochter eines Kaufmannes und einer Sekretärin auf. Den Durchbruch auf der Kinoleinwand schaffte die Schauspielerin 1992 mit „Krücke“. Einem breiteren Publikum wurde sie in der Rolle der Köchin Martha in der Komödie „Bella Martha“ (2001) bekannt. Die Absolventin der Hochschule der Künste lebt mit ihrem Mann, dem Schweizer Regisseur Markus Imboden, 64, in der deutschen Metropole Berlin.
„Die Menschen haben verlernt, auf ihr Herz zu hören“
Martina Gedeck, 58, berührt in der Literaturverfilmung „Herzjagen“ (Mi., 13.11., ORF 2, 20.15 Uhr) die Herzen der Zuschauer. Die WOCHE sprach mit der feinfühligen deutschen Darstellerin.
Frau Gedeck, Sie spielen im Film „Herzjagen“ eine Frau, die nach einer Herzoperation nur schwer ins Leben zurückfindet. Sie erleidet Panikattacken und scheint nicht mehr der Mensch von früher zu sein. Ist das für Sie nachvollziehbar? Kennen Sie ähnliches aus Ihrem persönlichen Umfeld?
Tatsächlich handelt es sich hierbei um ein relativ verbreitetes Syndrom, ein postoperatives Trauma. Körper und Geist gehören, wie wir ja inzwischen wissen, untrennbar zusammen. Im Bekanntenkreis habe ich schon erlebt, dass Menschen nach operativen Eingriffen Probleme hatten, in den Alltag zurückzufinden. Die von mir gespielte Karoline musste wegen ihrer Erkrankung auf Sparflamme leben. Nach ihrer Operation könnte sie sich gesund durchs Leben bewegen, was ihr aber nicht wirklich gelingt.

Das Herz steht symbolisch für die Liebe. Es wird oft vom „Broken-Heart-Syndrom“, vom gebrochenen Herzen gesprochen. Meinen Sie, dass es so etwas gibt?
Ganz bestimmt, wie auch immer sich das körperlich äußern mag. Es gibt ja auch plötzliche Herztode, die sich auf seelische Zustände zurückführen lassen.

Haben Sie je so einen tiefen Schmerz verspürt?
Nicht am Herzen, da ist alles in Ordnung (lacht). Bei mir reagiert der Körper meistens mit einer Erkältung, mit Heiserkeit und dass ich meine Stimme verliere. Solche Symptome kenne ich gut, sie kommen vor, wenn ich zu viel arbeite.

Achten Sie gut auf Ihre Grenzen?
Ja, mein Beruf lässt es allerdings nicht immer zu. Wenn ich einen Film drehe, kann ich natürlich nicht unterbrechen. Aber sobald es mir möglich ist, gehe ich früher ins Bett und passe auf, dass nichts passiert.

Sie sagen, die schlimmste aller sieben Todsünden sei die Trägheit des Herzens. Wie ist ein Mensch mit einem trägen Herzen?
Das ist jemand, der dem Anruf seines Herzen nicht folgt. Viele Menschen haben verlernt, auf ihr Herz zu hören. Sie meinen, nur noch funktionieren zu müssen. Das ist ein starkes Thema des Filmes, wenn Karoline sagt, sie möchte nicht mehr nach den Gesetzen der Gesellschaft funktionieren, sondern nach ihrem Lebensgesetz. Karoline versteckt sich zum Beispiel unter der Bettdecke und schreit, „Ich will meine Ruhe haben.“

Womit sie sich unbeliebt macht …
Durchaus. Die Menschen meinen, stets politisch korrekt sein zu müssen und nur keine Fehler zu machen. In China gibt es ein Punktesystem, das entscheidet, wer ein guter Bürger ist. Dadurch wird das Leben fast unmenschlich. Doch der Mensch ist in vieler Hinsicht auch schwach und ohnmächtig. Und das muss auch erlaubt sein.

Aber wenn jemand nicht mehr funktioniert, ist er nicht mehr gesellschaftsfähig …
Ja, der Mensch wird dann ausgegrenzt und weggeschoben. Der Zusammenhalt und sich gegenseitig Halt geben war in anderen Zeiten schon einmal stärker. Die Nachbarn haben sich gestützt, natürlich nicht immer, aber sicher in einem größeren Ausmaß als heute.

Kennen Sie das von früher, etwa aus Ihrer Kindheit? Wurden Sie religiös erzogen?
Meine Eltern waren zwar nicht religiös, aber in die Kirche bin ich schon gegangen. Der liebe Gott war in der bayerischen Gemeinschaft so anwesend, dass wir ihn nicht extra noch beschwören mussten (lacht).

Sie lesen die Bibel. Was fasziniert Sie daran?
Es handelt sich um große menschliche Geschichten. Das Heilige, sprich das Heilende, das der Mensch bekommen kann, wird in der Bibel gut beschrieben.

Sie sind in einem Dreimäderlhaus als älteste Tochter aufgewachsen. Wie war Ihr Kindsein?
Ich habe immer viel gespielt und gebastelt, wir waren oft draußen unterwegs, haben Hütten gebaut und Bachwanderungen gemacht. Wir haben lange keinen Fernseher gehabt. Und als wir einen bekamen, achteten meine Eltern, dass wir ja nicht die ganze Zeit davor hockten. Ich war eine kleine Leseratte, mochte Pumuckl und die Geschichten von Astrid Lindgren.

Heute hängen die Kinder mehr am Smartphone als vor dem Fernseher. Wie halten Sie es mit den digitalen Werkzeugen?
Ich benutze den Computer nur eingeschränkt, hauptsächlich zum Schreiben von E-Mails. In den sozialen Medien bin ich gar nicht aktiv. Ich weiß nur, dass Kollegen, die das verwenden, irrsinnig viel Zeit dafür investieren. Ich bin gerne in der wirklichen Welt verhaftet und habe damit vollauf zu tun (lacht).

Möchten Sie sich noch verändern?
Ich möchte noch ganz viele Dinge erleben, die ich bislang nicht kenne, zum Beispiel nach Asien oder Südamerika reisen.

Gemeinsam mit Ihrem Mann, den Sie nach vielen Jahren Beziehung geheiratet haben? Warum war Ihnen das Eheversprechen wichtig?
Wir haben uns beide einfach dorthin bewegt. Ich weiß gar nicht mehr so richtig, warum.

Hat sich durch die Hochzeit etwas verändert?
Ja, doch. Wir sind jetzt noch ein bisschen intensiver miteinander verbunden und fühlen uns beide aufgehobener und beschützter. Wenn ich im Bekanntenkreis die Verluste in Partnerschaften erlebe, merke ich, wie wichtig es ist zu wissen, wer der zuständige Mensch ist, auch in rechtlicher Hinsicht.

Ein weiterer wichtiger Mensch für Sie ist Ihre Mama. Wie sehr sind Sie mit ihr verbunden?
Unsere Familie ist viel zusammen, wir leben alle in Berlin. Zu meinen Schwestern habe ich einen äußerst guten Kontakt. Unsere Mutter ist immer für uns da. Wenn ich beruflich unterwegs bin, begleitet sie mich gerne. Mama freut sich, mit mir mitzukommen und ich freu‘ mich, nicht allein unterwegs sein zu müssen.
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