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Ausgabe Nr. 43/2019 vom 22.10.2019, Foto: dpa
Neue EU-Kommission könnte Juncker-Plan
kippen.
Zeitumstellungs-Aus liegt auf Eis
Im März 2021 sollen wir zum letzten Mal die Uhren umstellen. So lautet der EU-Plan. Doch noch ist unklar, wo künftig das ganze Jahr Sommer- oder Normalzeit gilt. Die EU-Staaten haben sich bisher nicht geeinigt. Die neue Brüsseler Kommission könnte die „Zeitwende“ noch stoppen.
Jean-Claude Juncker gab sich im Sommer 2018 volksnah. „Die Menschen wollen das, wir machen das.“ Die Ergebnisse der EU-Befragung zur Zeitumstellung waren eindeutig. Mehr als 4,6 Millionen Menschen nahmen daran teil, die überwältigende Mehrheit war gegen den halbjährlichen „Uhren-Dreh“. Die erfolgreichste „Konsultation“, die Brüssel je durchgeführt hat.

„Millionen haben geantwortet und sind der Auffassung, dass es so sein sollte, dass die Sommerzeit in Zukunft für alle Zeit gilt. So wird das auch kommen“, versprach der scheidende EU-Kommissionspräsident. Das letzte Mal sollten im März 2019 die Uhren verstellt werden, hieß es damals. Das EU-Parlament einigte sich später auf das Jahr 2021 für die „Zeitwende“.

Doch passiert ist nichts. Der „von oben diktierte Eingriff in unser biologisches Zeitsystem“, wie es der Schlafforscher Till Roenneberg einmal formulierte, geht munter weiter. In der Nacht vom 26. auf 27. Oktober stellen wir die Uhren eine Stunde zurück auf Normalzeit, im März wieder vor.

„Auf EU-Kommissionsebene liegt das Thema aktuell auf Eis“, heißt es aus dem teil-zuständigen Verkehrsministerium. „Es gibt zwischen den Ländern keine Einigung, welche Zeit sein sollte und dementsprechend auch unterschiedliche Positionen. Mit einer Einigung ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.“ Auch das Wirtschaftsministerium winkt ab: „Auf europäischer Ebene sind derzeit keine Sitzungen dazu festgelegt.“

Die neue EU-Kommission unter Ursula von der Leyen könnte die Pläne sogar ganz kippen. Schließlich steht im Rahmenvertrag der Beziehungen zwischen dem EU-Parlament und Kommission: „Die Kommission nimmt zu Beginn der Amtszeit der neuen Kommission eine Überprüfung aller anhängigen Vorschläge vor, um sie politisch zu bestätigen oder zurückzuziehen, und berücksichtigt dabei gebührend die Ansichten des Parlaments.“

Die EU-Abgeordneten haben sich zuletzt auf das Ende der Zeitumstellung festgelegt. Sie wollen, dass die Uhren im März 2021 das letzte Mal vorgestellt werden.

Bis nächsten April sollen sich die Länder entscheiden, ob künftig Sommer- oder Normalzeit gilt. „Der Ball liegt momentan bei den Mitgliedsstaaten, die entscheiden, wie sie mit diesem Thema weiter umgehen“, sagt die ÖVP-EU-Abgeordnete Barbara Thaler. Sie will die Zeitumstellung abschaffen, weil „sie nicht die erhofften Energieeinsparungen gebracht hat“. Dass die neue Kommission das verhindert, fürchtet sie nicht.

Bei uns wird wohl auf die neue Regierung gewartet. Doch auch in den anderen Ländern spießt es sich. Derzeit gibt es drei Zeitzonen in der EU. Von Schweden über Polen bis Spanien gilt die Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Auch unser Land und Deutschland sind in dieser Region. Großbritannien oder Portugal liegen mit der Westeuropäischen Zeit eine Stunde zurück. Im äußersten Osten der EU von Finnland bis Griechenland gilt die Osteuropäische Zeit, sie sind uns eine Stunde voraus.

Manche Staaten befürchten angesichts des Aus für die Uhren-Umstellung einen Zeit-Fleckerlteppich. Barbara Thaler sieht das gelassen. „Eine Zeitumstellung ist nichts Neues, das Rad muss daher nicht neu erfunden werden. Es geht jetzt nur mehr um die Grundsatzfrage, ob man die Winterzeit oder die Sommerzeit haben möchte“, erklärt die Tiroler Unternehmerin. „Die internationale Standardzeit, an der sich die Börsen, Flug- und internationale Eisenbahnfahrpläne orientieren, bleibt ungeachtet dieser Frage unverändert bestehen.“ Sie selbst ist, wie auch die frühere schwarz-blaue Koalition, für die ganzjährige Sommerzeit.

Wissenschaftler hingegen warnen vor den Gefahren der dauernden Sommerzeit in unseren Breiten. „Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme, das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger“, wird der Schlafforscher Till Roenneberg immer wieder zitiert.

Denn unter der Kontrolle der „inneren Uhr“ schlafen wir zu spät ein, der Wecker klingelt uns aber für Schule und Arbeit zu früh heraus. „Unser Körper und unsere Verpflichtungen leben in unterschiedlichen Zeitzonen“, erklärte Roenneberg einmal. Je größer der Unterschied zwischen biologischer und vorgegebener Zeitzone ist, desto größer ist die Gefahr, krank zu werden.

Der Chronobiologe plädierte bereits für eine Neuordnung der Zeitzonen in Europa. Denn derzeit ist etwa Spanien in der gleichen Sphäre wie Deutschland, obwohl es im selben Längengrad-Bereich wie die britische Insel liegt. Den Spaniern geht das schon länger gegen den Strich. Dort führte 1942 der Diktator Francisco Franco die gleiche Zeit wie in Nazi-Deutschland ein. Mit vier Zeitzonen in der EU würden sich Sonnenstand und soziale Zeit hingegen angleichen. Unser Land bliebe in derselben Zeitzone wie Deutschland.

Russland hat 2014 nach dreijähriger „Probezeit“ die dauernde Sommerzeit wieder abgeschafft. Zum Teil wurde es im Winter erst um zehn Uhr hell. Wäre bei uns das ganze Jahr Sommerzeit, würde Ende Dezember die Sonne in Innsbruck erst um neun Uhr aufgehen.
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